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CD JEAN-PHILIPPE RAMEAU „LES PALADINS“ – Comédie lyrique, dargeboten von LA CHAPELLE HARMONIQUE unter VALENTIN TOURNET; Château de Versailles Spectacles

05.02.2022 | cd

CD JEAN-PHILIPPE RAMEAU „LES PALADINS“ – Comédie lyrique, dargeboten von LA CHAPELLE HARMONIQUE unter VALENTIN TOURNET; Château de Versailles Spectacles

 

Französisches Opernideal – Der junge Valentin Tournet zeigt furios, wie es geht!

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Wenn in einigen Genres der italienischen und deutschen Oper oft mit Bedauern konstatiert wird, dass wir gerade nicht in einer der besten Welten leben, so ist das in der französischen Barockoper des 17. und 18. Jahrhunderts gerade umgekehrt. Dieser gallische Opernsonderweg macht sich auch auf dem Gebiet der Oper des erweiterten 19. Jahrhunderts gerade spektakulär mit der umfassenden Tätigkeit der Stiftung Bru Zane bemerkbar. 

 

Im Château de Versailles gibt es mit der Opéra Royal de Versailles nicht nur eine ideale Aufführungsstätte für die Wunderwerke eines Lully, eines Charpentier, Marais, Campra, Mondonville, Bouzignac, Dauvergne oder Rameau. Dort ist 1987 auch ein wissenschaftliches Zentrum für die französische Barockmusik entstanden, das Centre de Musique Baroque de Versailles. Es handelt sich um eine einzigartige Institution, die forscht und kritisch editiert, wiederentdeckt, ausbildet und erzieht, aufführt und die Ergebnisse auf Tonträgern für die Ewigkeit festhält. Der Aktionsradius  geht aber noch wesentlich über diesen Kern hinaus. Die Initiativen umfassen ebenso die Restaurierung von Instrumenten, die Kulissenmalerei, die Organisation von Konferenzen, den Chorgesang für Anfänger und Fortgeschrittene, Kinder und Erwachsene, wissenschaftliche Studien und Digitalisierung. 

 

Haben in den letzten 30 Jahren vor allem die englischen Dirigenten und Chorerzieher William Christie und John Eliot Gardiner, aber auch Marc Minkowski mit seinen Musiciens du Louvre, den Weg für die Wiederentdeckung und internationale Wertschätzung all dieser airs de cour, ballets de cour, comédie-ballets, tragédies en musique, opéra-ballets, grands et petits motets bis hin zur opéra-comique bereitet, gibt es nun dazu herausragende junge französische Originalklangorchester, Dirigenten und Sängerensembles. Wir leben in einer goldenen Zeit für die französische Barockmusik. 

 

Das Ensemble Marguerite Louise, La Chapelle Harmonique, Le Poème Harmonique, Le Grand Ecurie oder Pygmalion sind einige der klingenden Namen von Instrumental- und teils Vokalensembles, die auf dem Spezialgebiet der frz. Musik des 17. und 18. Jahrhunderts reüssieren. Eine neue Dirigentengeneration wie Raphael Pichon, Vincent Dumestre, Stephane Fuget, Gaetan Jarry oder Valentin Tournet sorgen derweil in den Orchestergräben für Furore. Stilistisch ohne Fehl und Tadel, dazu mit frischen Stimmen und dem ungezügelten Temperament, dem freien Forschergeist und der in jeder Sekunde zu spürenden Begeisterung für ihr Tun, ist jede Neuerscheinung ihrer Konzerte eine Offenbarung. 

 

Das trifft auch für die jüngste Publikation der Einspielung von Rameaus Oper „Les Paladins“ zu. Dieser 1760 erstaufgeführte Comédie lyrique war zwar kein großer Erfolg beschieden – nach 15 Aufführungen  wurde sie wieder vom Spielplan gestrichen – wir können uns jetzt der musikalischen Qualitäten dieses instrumentalen Wunderwerks aber ohne Einschränkung erfreuen und zwar ohne darüber grübeln zu müssen, ob das Libretto nun mehr oder weniger bedeutend ist. Das Textbuch war nämlich aus der historischen Perspektive heraus der Grund für die zögerliche Annahme durch das Pariser Publikum. Aus La Fontaines Erzählung „Le Petit Chien qui secoue de l‘argent et des pierreries“ aus 1671, die ihrerseits von einer Geschichte aus Ariosts „Orlando Furioso“ abgeleitet ist, hat Duplat di Monticourt eine Handlung zusammengebastelt, die massiv von La Fontaines Geschichte abweicht. Der Hund wurde ganz eliminiert, dafür wurde zweites Paar erfunden. Zusätzlich wurde im Mercure de France kritisiert, dass an diesem Ballett am meisten die Mischung aus Ernst und Komödie stört. Der aus heutiger Sicht völlig lächerliche Bouffonenstreit tat so das Übrige: Die angebliche Parteinahme des Librettisten für die italienische Musik (das Thema lag der Einfachheit der Intermezzi nahe) hat den Anhängern der großen französischen lyrischen Tradition sauer aufgestoßen. 

 

Musikalisch handelt es sich bei „Les Paladins“ des 76-jährigen Rameau zweifellos um ein Meisterwerk, das schon in der Ouvertüre, und erst recht in den Arietten, Duetten, Pantomimen und Tänzen höchst abwechslungsreich glänzt, verführt, Instrumental und vokal voltigiert und verblüfft. Die Handlung in drei Akten spielt im mittelalterlichen Venezien und erzählt von der Liebe des alten Senators Anselm zum jungen Mündel Argie, die von Orcan, einem ebenso wehleidigen wie närrischen Kerkermeister streng bewacht wird. 

 

Vormund Anselm geht so weit, Argie heiraten zu wollen. Ihre Zofe Nérine will Orcan daher überreden, Argie freizulassen. Als eine Gruppe von Paladinen als Pilger verkleidet im Schloss ankommen, wendet sich das Blatt. Die Gruppe wird nämlich von Argies geliebtem Ritter Atis angeführt. Wer nun denkt, der alte Anselm gibt so einfach auf, täuscht sich. Orcan soll die schöne junge Frau mit einem Messer erstechen wohl nach Anselms Motto „Lieber tot als nicht mein“. Als diese Gemeinheit schiefgeht, zwingt Anselm bewaffnete Männer dazu, das im Schloss verschanzte glückliche junge Paar anzugreifen. Da tritt die Fee Manto, verkleidet als maurische Sklavin (travestiert gesungen von einem Tenor), auf den Plan und verwandelt das Schloss in einen prunkvollen, von blühenden Gärten umsäumten chinesischen Palast. Die nicht gerade mit Schönheit gesegnete Fee verspricht Anselm alle Reichtümer, wenn er ihr immer treu ist. Der gierige Alte willigt ein. Was für ein Pech, dass Argie diesen Anselm auf Knien vor Manto entdeckt. Dem Happy End mit der Heirat von Atis und Argie steht nichts mehr im Wege.  

 

Die Star-Besetzung mit der silbrig leuchtenden Sandrine Piau (Argie), Anne-Catherine Gillet (Nérine), dem derzeit wohl weltbesten haute-contre Mathias Vidal (Atis), dem Bariton Florian Sempey (Orcan), dem beeindruckend wütend orgelnden Nahuel Di Pierro (Anselme) und dem lustvoll karikierenden Charaktertenor Philippe Talbot (Manto) lässt keine Wünsche offen. 

 

La Chapelle Harmonique wird quicklebendig vom gerade einmal 25-jährigen französischen Dirigenten, Chorleiter und Viola da Gamba Spieler Valentin Tournet geleitet. Was für ein Ausnahmetalent, was für ein Vollblutmusiker. Von diesem Leiter des Festivals „Musique á la source“, der schon mitreissende Aufnahmen von Rameaus „Les Indes Galantes“ und von Bachs „Magnifikat“ in Es-Dur, BWV 243a, vorgelegt hat, werden wir noch viel hören. Mit welcher Emphase dieser Valentin Tournet die Rhythmen hüpfen, rösselspringen und tänzeln lässt, wie sorgfältig er allen instrumentalen Details wie dem zwitschernd flötenden Vogelgesangsimitationen Raum gibt, ohne den furiosen Gesamteindruck zu beeinträchtigen, wie er Solisten und Orchester scharf-komisch, satirisch bis romantisch zu amalgamieren vermag, mit welcher Virtuosität kontrapunktische Vertracktheiten serviert werden, das machen ihm in dieser alchemischen Konzentration nicht einmal die Arrivierten in der französischen Barockmusik nach.

 

Operngenuss auf allerhöchstem Niveau!

 

Dr. Ingobert Waltenberger  

 

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