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CD JEAN-MARIE LECLAIR „SCYLLA & GLAUCUS“ – Tragédie lyrique in einem Prolog und fünf Akten; Il Giardino d’Amore; Château de Versailles Spectacles

11.10.2022 | cd

CD JEAN-MARIE LECLAIR „SCYLLA & GLAUCUS“ – Tragédie lyrique in einem Prolog und fünf Akten; Il Giardino d’Amore; Château de Versailles Spectacles

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Nicht wenige der französischen Geigenvirtuosen der Barockzeit machten sich neben der Komposition von Instrumentalmusik daran, Opern zu schreiben. Hatte Mondonville seine erste Oper Isbé 1742 als Dreißigjähriger auf die Bühne bringen können, war Leclair ein ausgesprochener Spätzünder. Als fast 50-jähriger Musiker schrieb Leclair seine Tragédie lyrique „Scylla &Glaucus“ in den Jahren vor der Uraufführung 1746 an der Königlichen Musikakademie in Paris, um eine Alterskarriere als Opernkomponist in der Nachfolge von Rameau starten zu können.

Ein Wagnis, wie Julien Dubruque in seinem aufschlussreichen Booklet-Beitrag erzählt. Denn die Kunstform der Tragédie lyrique galt damals schon als furchtbar veraltet und das Publikum goutierte noch viel weniger Opern mit schlechtem Ausgang, wie Scylla & Glaucus eine war. Der Librettist, ein unerfahrener, aber gewitzter königlicher Zensor mit Vornamen d’Albaret, hatte sich für den Stoff – wie so viele andere Textbuchschreiber – von Ovids „Metamorphosen“ inspirieren lassen.

Das Drama dreht sich um eine unglückliche Dreiecksgeschichte. Die unerwiderte Liebe und Eifersucht der Circe gegenüber dem jungen an Neptuns Hofe residierenden Gott Glaucus führt dazu, dass sie dessen Geliebte, die Nymphe Scylla nach vielen spektakulären Szenerien in einen Felsen verwandelt, der die Form einer Frau hat. Die gehässige Verwandlung wird durch einen Blick der armen Scylla in einen von Circe vergifteten Brunnen bewirkt.

Schon im Prolog der Oper hext Venus die Propetiden zu Stein, weil sie sich während eines Tempelfests zu Venus‘ Ehren gegen den Kult um die und die Göttlichkeit der schönen Liebesgöttin stellen. Niemand soll ungestraft die Vergnügungen geringschätzen, die in Venus‘ Terrain fallen.

Was die Musik anlangt, so kann Leclair seinen ersten Beruf nicht verleugnen. In den zahlreichen Balletten und Instrumentalteilen wird die Geigenkunst an Raffinesse und technischem Anspruch auf einsame Spitzen getrieben. Nichts überlässt Leclair dem Zufall, sogar präzise Angaben über Fingersätze der Violinen finden sich in der auch vokal anspruchsvollen Partitur. Da gibt es kontrapunktisch komplexe Doppelchöre zu bestaunen, aber auch in die rhythmische Komponente, in die abwechslungsreichen Modulationen und in die Ausgestaltung der Accompagnato Rezitativen legte Leclair seinen unerschöpflichen Einfallsreichtum und sein beachtliches dramatisches Talent.

Und so folgen wir auf kurzweiligen drei CDs all den Peripetien und magischen Momenten der Oper. Zuerst bezirzt Glaucus Circe, damit sie ihm bei der Eroberung der anfangs spröden Scylla beisteht, um selber – kurz und final erfolglos – von der Magierin verzaubert zu werden. Im vierten Akt erhält Circe aus der Unterwelt ein tödliches Kraut, um ihr Rachewerk mithilfe des giftigen Brunnens zu vollenden.

Dem Zeitgeschmack entsprechend war „Scylla & Glaucus“ nur marginaler Erfolg beschieden, das Werk wurde im Herbst 1746 nur 18-mal aufgeführt und später mit Änderungen (Hinzufügung einer harmlosen Pantomime „Histoire d’une jardinière et d’un jardinier am Schluss) mehrfach in Lyon zwischen 1750 und 1755 gespielt. Die Unzufriedenheit mit dem Schluss war wahrscheinlich auch der Grund, aus dem sich das Duo Leclair und d’Albaret an keine zweite Oper traute. Die umwerfende Qualität der Musik führte aber dazu, dass Teile der Partitur filetiert die Wiederaufnahmen großer Repertoirewerke wie Lullys „Thesée“, Marais‘ „Alcione“ oder Gervais‘ „Hypermnestre“ zierten. Leclair selbst publizierte Kammerversionen etwa der Ouvertüre, bearbeitet für zwei Violinen und Basso continuo.

Der erste, der sich im 20. Jahrhundert für die gesamte Oper interessierte, war John Eliot Gardiner. Er dirigierte Aufführungen 1979 in London und 1986 in Lyon. 1988 erschien eine (nun längst vergriffene) Aufnahme bei Erato. 2015 folgte die zweite Einspielung mit Emöke Barath, Anders J. Dahlin und Caroline Mutel mit dem Orchester Les Nouveaux Caracteres unter der Leitung von Sebastien d‘ Herino beim Label Alpha.

Die neue Publikation unter der animierten und trotz aller Detailversessenheit ungemein lebendigen und instrumental mitreißenden künstlerischen Leitung des polnischen Dirigenten und Geigers Stefan Plewniak mit Orchester und Chor von Il Giardino d’Amore greift auf die erste Version von Scylla & Glaucus zurück, weil sie am meisten von Leclairs Musik in ihrer ursprünglichen Form bietet.

Die durchwegs erstklassige Vokalbesetzung wird vom Tenor Mathias Vidal als in Liebesdingen hin- und hergerissenem Glaucus und der schweizerisch-belgisch lyrischen Sopranistin Chiara Skerath als wunderbar sensitiver Scylla angeführt. Die unerhört liebende Circe wird von der Kanadierin Florie Valiquette mit allem Furor der Partie ausdrucksstark interpretiert. In weiteren Mehrfach-Rollen sind Victor Sicard, Cécile Achille und Lili Aymonino zu hören.

Hier ist ein großes Meisterwerk der französischen Barockoper in einer in allen zauberisch orchestralen Effekten packenden und brillant wie bewegend gesungenen Aufnahme aus Warschau 2021 zu entdecken. Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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