CD: JEAN-BAPTISTE STUCK: POLYDORE • Orfeo Orchestra, György Vashegyi
Ein Markstein der Geschichte der französischen Oper

György Vashegyi und die von ihm gegründeten Ensembles legen beim Label Glossa die Einspielung eines frühen Meilensteins der Geschichte der französischen Oper vor: die Tragédie lyrique «Polydore» von Jean-Baptiste Stuck.
Über die frühen Jahre Stucks, der am 6. Mai 1680 als Spross einer österreichischen Kaufmannsfamilie im toskanischen Livorno geboren wurde, ist kaum etwas bekannt. Sein Talent muss früh erkannt worden sein, denn am 10.12.1702 wurde unter dem Titel «Rodrigo in Algeri» Stucks Bearbeitung von Tommaso Albinonis «L’inganno innocente» in Neapel uraufgeführt. Die vier in Paris zwischen 1706 und 1714 gedruckten Bücher mit Kantaten Stucks, lassen vermuten, dass er zu seiner Zeit in Neapel (in Diensten der Gräfin Lemos) inspiriert von Alessandro Scarlatti (1660-1725) und Francesco Mancini (1662-1737) auch italienische Kantaten komponierte. Im Jahre 1705 ist er durch eine Sammlung des Verlagshauses Ballard in Paris nachgewiesen. Möglicherweise hatte ihn Philippe II. von Bourbon, Herzog von Orléans, ein höchst kunstsinniger Monarch, in dessen Regentschaft es zu einer Blüte des Früh-Rokoko kam, eingeladen. Bereits 1707 wurde er am Hof «musicien ordinaire» und erhielt ab 1718 auf Geheiss des Regenten ein jährliches Stipendium von 500 Livres. In seiner Zeit am Hof machte sich um Erneuerung der französischen Musik und die Verbindung des Italienischen und Französischen in den neue entstehenden Gattungen der Zeit verdient. 1715 wurde beim Karneval eine Opera seria Stucks uraufgeführt («Il gran Cid»), in den Jahren 1709, 1711 und 1720 drei Tragédies lyriques an der Académie Royale de Musique. Die letzte diese Tragédies, «Polydore», vereint die Vorzüge von „Méléagre“ (1709) und «Manto la Fée» (1711). Der Tod Philippes II. war ein Wendepunkt in Stucks Laufbahn: bis zu seinem eigenen Tod an Maria Empfängnis 1755 in Paris verfolgte seine Karriere als virtuoser Cellist weiter.
«Polydore» nimmt sowohl im Schaffen Stucks wie auch in der Geschichte der französischen Oper eine besondere Stellung ein: das ehrgeizigste und vollendetste Werk des Komponisten ist am repräsentativsten für die Vermischung der Stile und zugleich das letzte Werk in der Geschichte der französischen Oper mit einem Orchester aus fünf Streicherstimmen (Dessus, Haute Contre, Taille, Quinte de Violon, Basse de Violon). Seit 1719 etablierten André Cardinal Destouches (1672-1749) und André Campra (1660-1744) die Vierstimmigkeit. Daher wird angenommen, dass Stuck den «Polydore» bereits früher komponierte.
Das Libretto von Simon-Joséph Pellegrin basiert auf dem 3. Buch der Aeneis und ist eines der seltenen Beispiele für die Umwandlung einer klassischen Tragödie in eine Tragédie lyrique und bedient des Komponisten Vorliebe für stimmliche Höchstleistungen. Der thrakische König Polymnestor suizidiert sich am Ende, da er den Griechen zwecks Opferung nicht Polydorus, den Bruder seiner Gattin Ilione, sondern seinen eigenen Sohn Deiphilus ausgeliefert hat.
Judith van Wanroij gibt «Vénus» und «Déidamie» mit leicht abgedunkeltem, dramatischem Sopran. Hélène Guilmette leiht der «Ilione» ihren hellen klaren Sopran, was so einen reizvollen Kontrast ergibt. Tassis Christoyannis singt den «Polydore» mit herrlich warmem, lyrischen Bariton. Etwas dunkler, mit mehr stimmlicher Autorität versehen, ist der Bariton von Thomas Dolié, der den «Polymnestor» singt. Cyrille Dubois begeistert mit seinem honigsamtigem, in allen Lagen perfekt geführten Haute-Contre in den Rollen «Un Triton», «Timanthe», «Sthénélus», «un Thrace» und «un Grec». David Witczak als «Neptune», «le Grand Prêtre de l’Hymen» und «l’Ombre de Déiphile» und Chloé Briot als «Thétis», «une Matelote» und «Théano» ergänzen das superbe Ensemble.
Der Purcell Choir und das Orfeo Orchestra unter Leitung ihres Gründers György Vashegyi setzen die Partitur ausgesprochen lebendig und farbenfroh um.
Eine wirklich lohnende Entdeckung!
28.04.2023, Jan Krobot/Zürich

