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CD JEAN BAPTISTE LULLY: ACIS & GALATÉE – Gesamtaufnahme der Pastorale Héroique zum 30. Geburtstag des französischen Alte Musik Ensembles LES TALENTS LYRIQUES; aparte

04.11.2022 | cd

CD JEAN BAPTISTE LULLY: ACIS & GALATÉE – Gesamtaufnahme der Pastorale Héroique zum 30. Geburtstag des französischen Alte Musik Ensembles LES TALENTS LYRIQUES; aparte

„Das angenehmste Fest kann ohne mich nicht lange währen“ Comus, Gott der Festgelage

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26 Jahre ist es her, dass Marc Minkowski mit seinen Les Musiciens du Louvre Lullys „Acis et Galatée“ im Konzert aufführte. Leider ist der Live-Mitschnitt aus der Pariser Salle Wagram mit Fouchécourt: Gens, Naouri und Delunch längst vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. Was damals noch eine Pioniertat war, ist heute das normalste von der Welt. Die wichtigsten Opern von Lully, Rameau & Co. sind konzertant oder szenisch immer wieder auf den (frz.) Spielplänen zu finden und liegen oftmals auf Tonträgern vor, zumeist in stupender stilistischer und sängerischer Qualität.

Der Cembalist und Dirigent Christophe Rousset hat das Originalklangensemble Les Talents Lyriques 1991 gegründet. 2021 haben sie sich Lullys letzten Opernstreich vorgenommen. Den klingenden Namen hat das Ensemble dem Untertitel zu Rameaus Oper „Les Fêtes d’Hébé“ entliehen. Dirigent und Orchester pflegen ein weites Repertoire vom Frühbarock bis zur aufkeimenden Romantik. Ein wesentlicher Akzent ihrer Arbeit liegt in der musikwissenschaftlichen Erforschung, Edition, Aufführung und Aufnahme von von den Zeitläuften verschütteten Meisterwerken der französischen Musikgeschichte. Dabei kümmern sie sich nicht nur um das Erbe der französischen Barockoper, sondern auch um andere Vokalgenres wie Madrigale, Kantaten, höfische Kunstlieder, Messen, Motetten und Oratorien. Die Diskographie ist durchaus üppig und zählt rund sechzig Veröffentlichungen, darunter auch die Filmmusik zu Gérard Corbiaus Farinelli-Film aus dem Jahr 1994.

Ich habe das Ensemble in Paris öfter live gehört und war immer sehr angetan von der Delikatesse der Tongebung, der Transparenz und rhythmischen Präzision, den subtilst abgestuften Klangvaleurs, den kunstvollen Variationen des Bogenstrichs, der sanglichen Artikulation und der beredten Phrasierung der Streicher.

Bei der nun erstmals in technisch audiophiler Klangbrillanz vorliegenden Studioproduktion von Lullys heroischer Pastorale „Acis et Galatée“ ist zudem der Reife- und Perfektionsprozess im hellsilbrig glitzernden Orchesterklang und eine breiter gewordenen Ausdruckspalette der musikalischen Leitung zu beobachten.

Lully hat die im Vergleich zu seinen tragédies en musique duftigere Pastorale aus Anlass der Feierlichkeiten auf Chateau d’Anet zu Ehren des Grand Dauphins Louis de France geschrieben. Das Stück in einem Prolog und drei Akten erzählt von der kompliziert anlaufenden Liebe der Meeresnymphe Galatée, Tochter des Nereus, zum Schäfer Acis. Nicht zuletzt aus Gesundheitsgründen gab es diesmal keine Zusammenarbeit mit dem legendären Poeten Philippe Quinault. Das Libretto verfasste Jean Galbert de Campistron, der sich vom 13. Buch aus Ovids „Metamorphosen“ inspirieren ließ. Da wird die Liebe der beiden Protagonisten vom Zyklopen Polyphème bedroht, der am Ende – nachdem ihm Galatée fieserweise mehrfach ihre Liebe vorgetäuscht hat – aus Eiersucht und zorniger Schmach Acis mit einem Felsen tötet. Riesen ist in der Oper offenbar kein Liebesglück beschieden. Auf flehentliche Bitten der Nereide erweckt Meeresgott Neptun Acis jedoch wieder zum Leben, um ihn in einen unsterblichen Fluss zu verwandeln, wo er mit seinem so sehr geliebten feengleichen Wassergeschöpf auf ewig vereint sein kann. Soweit die antike Vorlage. Campistron erfand dazu weitere Figuren, darunter Galatées Freundin Scylla und Acis‘ Vertrauten Telemus, der unter der unerwiderten Liebe zu Scylla leidet. Im Vorspiel bittet Diana Comus, den Gott opulenter Feste und die allegorische Figur „Überfluss“ um ihre Beiträge für das Gelingen der Festivitäten. Dann steigt der die Monarchie symbolisierende Apollo selbst herab, um den Sonnenkönig zu ehren und seinem Sohn, dem Thronfolger, zu huldigen.

Die hoch artifizielle, schwungvoll-federnd bis liebestrunken erotische Musik atmet den bukolischen Geist der Textvorlage als auch mondänen Prunk. Der gebürtige Florentiner Lully mixte für seine Musikdramen Merkmale der italienischen Oper (Cavalli) und höfische Ballette, versetzt mit Elementen des Maschinentheaters. In „Acis et Galatée“ wechseln galant-empfindsame Arien (die eingängigen Melodien Lullys waren extrem populär und wurden in Frankreich auf allen Straßen nachgepfiffen), (Accompagnato-) Rezitative, Vokalensembles und Instrumentalkompositionen (Airs, Menuets, Préludes, Ritournelles, Marches) einander ab. In jedem Akt gibt es Divertissements mit Tänzen und Chören.

Reizvoll kontrastiert Lully die zart schmachtenden Klangwelten der Liebe mit dem ungehobelt-stürmischen Ausbrüchen Polyphèms. Ironie, Schalk und Komik in der Instrumentierung tragen zur Lebendigkeit und Kurzweiligkeit des Stücks ebenso bei. Lully befand sich mit dem späten „Acis et Galatée“ auf der Höhe seiner Schaffenskraft.

Die hervorragende Besetzung mit Cyril Auvity (Apollon, Acis), Ambroisine Bré (Diane, Galatée), Edwin Crossley-Mercer (Polyphème), Deborah Cachet (Dryade, Aminte, Najade), Bénedicte Tauran (L’Abondance, Scylla), Robert Getchell (Comus, Télème) und Philippe Estèphe (Sylvain, Neptune) lässt keinen Wunsch offen.

Der Choeur de Chambre de Namur und Les Talens Lyriques vollbringen unter der animierten musikalischen Leitung des Christophe Rousset wahre Wunder an rasanten dramatischen Schürzungen, sentimentalen Wendungen, lautmalerischer Klangrede (wann wurden die Wellen des Meeres instrumental plastischer gerollt als im dritten Akt während des Monologs der Galatée?) und prächtigen Tänzen. Barocke Unterhaltungsmusik auf höchstem Niveau.

Referenzverdächtig!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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