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CD JEAN-BAPTISTE LEMOYNE: PHÈDRE – Weltersteinspielung mit JUDITH van WANROIJ; PALAZZETTO BRU ZANE

Ein echter Erbe der Gluckschen Reformen

03.07.2020 | cd

CD JEAN-BAPTISTE LEMOYNE: PHÈDRE – Weltersteinspielung mit JUDITH van WANROIJ; PALAZZETTO BRU ZANE

Ein echter Erbe der Gluckschen Reformen

Die 24. im Auftrag des Zentrums für französische romantische Musik entstandene Operneinspielung ist einem besonderen Leckerbissen gewidmet. Die tragédie lyrique in drei Akten „Phèdre“ von Jean-Baptiste Lemoyne hat garantiert vorher noch niemand auf dem Teller gehabt. Daher ist die Veröffentlichung ein passend zur Zahl 24 verfrühtes Weihnachtsgeschenk an alle Melomanen, auch wenn oder gerade weil den Komponisten keiner kennt. Überliefert ist, dass Berlioz kein gutes Haar an ihm ließ. Aber was heißt das schon? Was Künstler über Künstler sagen, ist selten vom Bemühen um Objektivität getragen.

Interessant ist, dass der in der Dordogne geborene Lemoyne als Neunzehnjähriger nach Berlin kam, um bei Graun, Schulz und Kirnberger zu studieren. Sein Talent sicherte ihm dort den Posten eines zweiten Musikmeisters am königlich preußischen Theater Friedrichs II. 1782 kehrt Lemoyne nach Paris zurück. Sein wechselhafter Erfolg ist nicht zuletzt den Umbruchzeiten zu künstlerisch musikalischen Geschmacksfragen in Paris geschuldet (Stichwort: Streit der Gluckisten mit dem Piccinisten, die die italienische
„Manier“ bevorzugten). Als Gluck sich weigert, Lemoyne als seinen Schüler zu bezeichnen, wechselt Lemoyne offen in Lager der Piccinisten und geht von 1786 bis 1788 nach Italien, um dort seine Kunst zu perfektionieren.

Den Forschern des Palazetto Bru Zane ist der Name Lemoyne bei ihren Recherchen raren Repertoires in der Nachfolge von Gluck im Zusammenhang mit den literarisch assoziierten Operntiteln „Électre“ und „Phèdre“(nach einem Textbuch von Francois-Benoît Hoffmann, der auch das Libretto zu Cherubinis „Médée“ verfasste) aufgefallen. Während Lemoynes „Électre“ wegen des harten dramatischen Stils floppte, fiel das Urteil „Phèdre“ gegenüber gnädiger aus. Das sensationelle Ergebnis: Die Oper wird von 1786 bis 1792 an die 60-mal gespielt.

Beide Opern sind mit dem Namen einer charismatischen Interpretin verbunden, die Lemoyne in Warschau anlässlich der Uraufführung seines Operneinakters „Le Bouquet de Colette“ kennenlernte: Mme Antoinette Saint-Huberty, eine frühe Hochdramatische mit dem Tonumfang eines kurzen Mezzos, die mangels ausreichender Gesangstechnik schon früh die Höhe verlor. Demensprechend war ihre Karriere auf etwa zehn gute Jahre beschränkt. Die pathetische Diva rettete sich zuletzt in Gebrüll und gequetschte Akuti („L’urlo francaise“), die Feinheiten der Partitur und die Wortverständlichkeit mussten da naturgemäß auf der Strecke bleiben. In ihrer Glanzzeit war die begnadete Heroine mit ebensolchem Talent für komische Rollen allerdings die größte Opernsängerin. Das war in den 80-er Jahren des 18. Jahrhundert. An die 30 Opern, die meisten davon auf ihren Leib bzw. in ihre Kehle geschrieben, hob sie aus der Taufe.

Zeitensprung ins Jahr 2019, genauer gesagt in die Béla Bartók National Concert Hall (Müpa Budapest). Der durch einige erstklassige Aufnahmen von Opern des 18. Jahrhunderts künstlerisch längst  geadelte György Vashegyi realisierte mit dem Orfeo Orchestra, dem Purcell Choir und der Sopranistin Judith van Wanroij die erste Aufnahme der unbekannten Oper in der ursprünglichen Fassung aus dem Jahr 1786 ohne Schnitte. Es ist die erste Aufführung der Oper seit dem Jahr 1813.

Die Musik erinnert in ihrem  erhabenen Stolz, den expressiv gestalteten Monologen, ihrer subkutanen Melancholie, den antikisch eingesetzten Chören an den Klassizismus von Gluck und Cherubini, aber ins Extrem gesteigert. Lemoyne kreuzt, wie das Julien Garde so schön formuliert, das reformierte Musikdrama mit der melodiösen Erfindungsgabe der Opéra comique, die Kraft der Arien Rameaus mit der italienischen Ästhetik eines Sacchini oder Piccini. Die der Dramatik des Stücks entsprechend kongenial konstruierte Partitur quillt über vor originär geballt dramatisch-orchestralen Effekten, wie etwa der Aufbruch Hippolytes zur Jagd, sein Abschied von den Freuden oder sein grausamer Tod. Die so typisch französische Kunst der Deklamation in den niemals langweiligen Rezitativen und das Aufeinanderprallen der konfliktgeladenen Emotionen auf Basis der nach außen gestülpten seelischen Dispositionen der Protagonisten in den Duetten und Ensembles faszinieren von der ersten Sekunde an. Das gnadenlose Spiel der tödlichen Passionen rund um die Liebe der Königin Phèdre zu ihrem Stiefsohn Hippolyte hat Lemoyne in eine aufwühlende musikalische Sprache übersetzt. Schnörkellos klar, wird das Schicksalsgeflecht elegisch verzagt bis hitzig aufgeputscht zur klanglichen Vision eines genialen Musikers. Wie „Médée“ ist „Phèdre“ ein ideales Zugpferd für eine große Tragödin. Die Zeit für die Bühne ist reif, liebe Impresarios!

Die Oper hat eine abgewandelte Version des Mythos zum Inhalt. Phèdre ist die zweite Frau des Königs von Athen Thésée. Sie wird gekrönt, als Thésée, in der Unterwelt tot geglaubt, nicht nach Athen zurückkehrt. Phèdre gesteht dem schüchternen Hippolyte ihre Liebe, wird jedoch zurückgewiesen. Wie es die Tragödie im Innern so verlangt, kehrt Thésée zurück. Hippolyte ist selig, dass sein geliebter Vater am Leben ist. Das Glück währt nicht lange und ist lediglich der Startschuss für eine höllische Intrige: Oenone, die Dienerin der Königin und eingeweiht in das süße Geheimnis ihrer Chefin, beschuldigt Hippolyte beim König, der Stiefmutter Phèdre nachgestellt zu haben. Der arme Bub beteuert zwar seine Unschuld, wird aber dennoch vom eifersüchtigen König ins Exil geschickt (Anm.: Die Tatsache, dass der König nur der Amme glaubt,  ist die einzig eklatante dramaturgische Schwäche des Librettos). In der Fremde wird Hipployte von einem den Wellen entstiegenen Monster verschlungen. Phèdre gesteht angesichts des Todes des geliebten Jünglings ihre verbotene Leidenschaft und begeht vor den Füßen des Königs Selbstmord. Thésée begreift endlich – freilich zu spät – dass sein Sohn unschuldig war.

Die Besetzung der Oper ist uneingeschränkt zu begrüßen. Judith van Wanroij ist eine zwischen zärtlichsten Empfindungen, Drohen und Flehen, Begehren, Reue und Trauer zerrissene Titelheldin. Der niederländischen Sopranistin, die schon manch einnehmendes Rollenporträt für die Stiftung Bru Zane geschaffen hat, kann alleine mit vokalen Mitteln alle Nuancen weiblicher Passion verkörpern. Ihre Arien und Duette zählen zu den inspiriertesten Höhepunkten der reichen Partitur. Wanroij macht aus ihrem großen Duett mit Hippolyte im zweiten Akt „ein Labor über den musikalischen Ausdruck von Wahnsinn und Angst.“ Wanroij bleibt gesanglich immer auf Linie, kein veristischer Mummenschanz trübt den Sog des unerbittlich fortschreitenden Dramas. Eine Glanzleistung.

Der junge französische Tenor Julien Behr ist mit seinem bestens fokussierten dramatischen Tenor der angebetete Hippolyte. Auch ihm gelingt eine facettenreiche Charakterstudie, seiner Stiefmutter an Willen und Eigenständigkeit durchaus ebenbürtig. Technisch souverän und mit einem einprägsamen virilen Timbre ausgestattet, ist es ein pures Vergnügen, Julien Behr zuzuhören. Nach Benjamin Bernheim die nächste erfreuliche Tenorentdeckung am französischen Opernhimmel. Als Thesée begegnet uns ein alter Bekannter und Stammgast im Hause Bru Zane: Der griechische Bassbariton Tassis Christoyannis, dessen Gesamteinspielung der Mélodies von Reynaldo Hahn maßstabsetzend ist, weiß auch in dieser schwarzen Familientragödie zu berühren. Mit seiner velourgepolsterten Stimme vermag er die vielfältigen Affekte trefflich zu vermitteln. Die größte Überraschung für mich ist allerdings Melody Louledjian in der Rolle der Drahtzieherin Oenone. Ihr exquisit dunkel getönter Sopran mit Mezzotiefe teilt sich sofort auf das intensivste mit. Es sind vorerst sicher nicht die Nuancen im Vortrag, die auffallen, sondern eine mächtige Naturstimme, eine üppige Mittellage sowie der kernige Biss. Die Französin armenischen Ursprungs wird man sich merken müssen. Kleinere Rollen sind Jérôme Boutillier (Un Grand de l’État, un chasseur) und Ludivine Gombert (La Grande Prêtresse de Vénus) zugeteilt.

Dirigent, Orchester und Chor stellen sich mit glühendem Engagement in den Dienst der guten Sache. Die Exhumierung und Wiederbelebung der „Phèdre“ des Herrn Lemoyne ist gelungen. Wenn „Armide“, „Alceste“ oder die beiden „Iphigénies“ von Gluck als Meisterwerke gelten, dann ist „Phèdre“ mit Sicherheit auch eines.

Vom umfangreichen, informativen CD-Buch in französischer und englischer Sprache wurden in der ersten limitierten Edition 3000 Exemplare gedruckt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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