CD JEAN-BAPTISTE CARDONNE: OMPHALE – Weltersteinspielung der tragédie en musique, uraufgeführt am 2.5.1769 an der Académie royale de musique Paris; Glossa
Musikalisch gloriose Wiederentdeckung dieses spätbarocken französischen Opernjuwels

Unerschöpflich in Menge und Qualität scheint uns das Schaffen französischer Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts, das uns die unermüdlichen Forscher des Centre de musique baroque de Versailles dank ihrer Begeisterung und ihrem enzyklopädischen Willen nach und nach in großteils musikalisch spektakulär guten Aufnahmen zu entdecken erlauben.
Diesmal ist es „Omphale“ von Jean-Baptiste Cardonne nach einem Libretto von Antoine Houdar de La Motte. Der ehemals königliche Page de la Musique de la Chambre du Roi erhielt eine profunde Ausbildung als Cembalist, Sänger und Komponist. Was letzteres anlangt, so galt Cardonne als „Wunderkind“, wurde doch seine Motette „Venite exultemus“ zu einem Zeitpunkt in der Chapelle royale de Versailles und im Concert Spirituel aufgeführt, als Jean-Baptiste gerade einmal 13 Lenze zählte.
Am Hofe war Cardonne Chantre ordinaire de la Chambre du roi, Maître de lutte des Pages de la Musique de la Chambre und Maître de musique et surintendant de la Musique de la Chambre. Auf der Habenseite stehen einige Opern, die sich jedoch aufgrund der Umwälzungen der Gluck’schen Reformideen nicht lange auf dem Spielplan hielten. Wie Benoît Dratwicki wie immer kenntnisreich ausführt, entspricht die Musik von Omphale „dem Übergangsstil der Jahre 1760-1770 zwischen der alten französischen Manier von Lully erfunden und von Rameau zur vollen Größe erhoben und der modernen, inspiriert von Pergolesi und der Mannheimer Schule.“
Und tatsächlich schleicht sich schon in die Ouvertüre unter dramatisch aufgeraute Wellenbewegungen des Auf und Abs seelischen Liebesraunens ein Quäntchen spritziger Galanterie. Es geht ja in dem bereits 1701 von André Cardinal Destouches vertonten Textbuch um dieses unstete, Euphorie wie Todesverlangen auslösende Gefühl (des Iphis zur lydischen Königin Omphale) und um eine arg geprüfte Männerfreundschaft (von Iphis zu dem Rebellenbesieger Alcide, der klarerweise Omphale liebt und ihr das Fell des nemeischen Löwen schenkt). Als zeitgemäße Zutaten erleben wir noch eine eifersüchtige Zauberin, die ihrer Gegnerin Omphale Dämonen auf den Hals hetzt (Argine liebt nämlich Iphis) und eine politisch denkende Dienerin der Königin (Céphise rät ihrer Chefin aus Machterhaltungsgründen, Alcide zu ehelichen). Omphale liebt aber wiederum Iphis. Der barocke Liebesreigen ist wieder einmal perfekt geschlossen. Fehlt nur noch die Weissagung des Tirésie, der klugerweise orakelt, dass gegen die Qualen unerhörter Liebe von Argine und Alcide kein Kraut gewachsen sei. Argine stirbt aus Kummer. Zur Lösung des verbliebenen Knotens tritt der von Alcide herbeigerufene Göttervater Jupiter persönlich in Erscheinung: Er besänftigt Alcide, der den Liebenden verzeiht. Der Hochzeit von Omphale mit Iphis steht nun nichts mehr im Wege…..
Die Musik gefällt in ihrem hybriden Furioso von Spätbarock und Klassizismus zwischen Rameau und Gluck und scheint dennoch stilistisch wie aus einem Guss. Cardonne ist eine ausgebrochen melodiöse Kreativität nicht abzusprechen. Einen wesentlichen Anteil am kurzweiligen Abwechslungsreichtum der Partitur haben zahlreiche instrumentale Zwischenspiele (Marches, lebhafte Airs, fröhliche Gavottes, würdevolle Loures, feierliche Contredanses und andere Tanzeinlagen) sowie Chöre. Was die großen Rollen anlangt, so vermag es der Komponist, ihnen ihrem Charakter entsprechend ein jeweils individuelles klangliches Profil zuteilwerden zu lassen.
Flötenumrankt gibt sich Chantal Santon Jeffery als Omphale ihren in zarten Melismen ausgezierten Liebesschwärmereien hin, wenngleich auf der anderen Seite die Pflicht zu rufen scheint. Das Beherrschen des Nebeneinanders von Prosodie, Deklamation und virtuosen Arien dürfte dem belgischen Tenor Reinoud Van Mechelen als leidenschaftlichem Iphis in die künstlerische Wiege gelegt worden sein. Die Helden der französischen Barockoper sind zu einem Markenzeichen dieses in jeglicher Sicht technisch makellosen und emotional tiefschürfenden Sängers geworden. Seine einschlägige Diskografie ist beträchtlich. Spätestens mit der italienisch angehauchten Arie ‚Que les plus doux accords célèbrent la puissance‘ am Ende der tragédie hat sich dieser einzigartige Sänger wieder einmal ein Denkmal an Feinfühligkeit, Emphase und Stilkundigkeit gesetzt.
Sein Freund und amouröser Gegenspieler Alcide ist mit dem jugendfrischen, viril kernigen Bariton von Jérôme Boutillier heroisch markant besetzt. Wunderbar, wie er der vom Chor begleiteten Arie ‚Joignez tous vos voix‘ aus dem zweiten Akt zornessakkadierte Erregung verleiht. Der rachetrunkenen, tödlich endenden Zauberin Argine leiht die dunkel timbrierte Niederländerin Judith van Wanroij ihren prächtigen, zwischen bemitleidenswerter Sehnsucht und rasender Wut mäandernden Sopran. Jehanne Amzal reüssiert mit ihrem leichtschwebenden lyrischen Sopran als Céphise.
Der ungarische Alte Musik Spezialist György Vashegyi steuert mit dem 1991 von ihm gegründeten, auf historischen Instrumenten spielenden Orfeo Orchestra und dem erstklassigen Purcell Chor – wie von ihm nicht anders zu erwarten – den vor Spannung und unwiderstehlichem Drive berstenden instrumentalen Sound bei. Der rhythmisch akzentuierte Einsatz von Streichern, Cembalo, Flöten, Oboen, Fagott, Hörnern, Trompeten, Pauken und diversen Schlaginstrumenten lässt keinen Wunsch offen. Der zur Zeit der Entstehung noch immer nachwirkende, auf die zurückhaltende Rezeption der Oper wirkende Buffonistenstreit betr. den Vorrang der französischen oder der italienischen Operntradition bzw. im Spagat zwischen bürgerlichen Opernkomödien versus höfischer tragédie ist aus heutiger Sicht völlig irrelevant.
Fazit: Bedeutende französische Barockopernentdeckung, genüsslich und opulent dargereicht. Empfehlung!
Dr. Ingobert Waltenberger

