Christophe Rousset dirigiert die Götter in die Knie

Manche glauben, französische Barockoper sei vor allem edel, zurückhaltend und ein bisschen steif. Wer das denkt, hat Jean-Baptiste Lully nie richtig kennengelernt. Bei ihm explodiert die Bühne regelrecht – und das nicht nur bildlich.
Nach einer turbulenten Phase am Hof kehrte Lully 1680 mit einem furiosen Comeback zurück. Anlass war die Hochzeit des Thronfolgers im Schloss Saint-Germain-en-Laye. Philippe Quinault lieferte ein Libretto nach Ovid, das es in sich hatte, und Lully verwandelte die Entführung der Proserpina in ein musikalisches Drama voller Kraft und Sinnlichkeit. Das Orchester tritt dabei erstmals prominent aus der bloßen Begleitrolle ins dramatische Zentrum. Das Label Château de Versailles Spectacles hat diese vergessene Pracht nun in einer neuen Aufnahme mit Christophe Rousset und Les Talens Lyriques wieder zum Leben erweckt.
Schon die ersten Takte der Ouvertüre fegen jede Müdigkeit beiseite. Hier wird nicht vornehm gezupft, sondern kräftig zugepackt. Les Talens Lyriques musizieren mit einer drahtigen, pulsierenden Frische, die den Hörer sofort in den Bann zieht. Rousset selbst sitzt am Cembalo und lenkt das Ensemble mit sicherem Gespür für Rhythmus, Kontrast und dramatische Spannung. Man glaubt förmlich das Holz der Bögen zu hören, das Knistern der Darmsaiten und das resolute Schlagen der Pauken. Das Klangbild ist bewusst direkt und nah, ohne künstlichen Hall – man sitzt mit im Orchester.
Besonders den Solisten kommt diese Präsenz zugute. Marie Lys gestaltet die Titelrolle der Proserpina mit einer strahlenden Klarheit, die jede Silbe des französischen Textes wie fein geschliffenes Glas leuchten lässt. Ihr gegenüber steht Véronique Gens als Cérès. Wie sie den Schmerz und die ohnmächtige Wut einer Mutter zeichnet, die aus Verzweiflung die Ernte der Menschen vernichtet, ist mitreißend. Hier gibt es kein vages Vibrato, sondern pure, klar strukturierte Emotion.
Auch die Herren überzeugen auf ganzer Linie. Olivier Gourdy verleiht dem Unterweltsherrscher Pluton ein dunkles, sinnliches Fundament, das zugleich bedrohlich und verführerisch wirkt. Besonders eindrucksvoll ist das Duett im zweiten Akt mit Olivier Cesarini als Ascalaphe – zwei tiefe Männerstimmen im harmonischen Dialog.
Lully zeigt sich in „Proserpine“ als Meister der psychologischen Tonmalerei. Helle Dur-Aufschwünge wechseln abrupt mit finsteren Passagen, je nachdem, ob Hoffnung oder Verzweiflung regiert. Rousset kostet diese harmonischen Brüche aus, ohne je hektisch zu werden. Die Tanzsätze erhalten genug Luft zum Atmen, bleiben aber stets dramatisch gebunden. Der Chœur de Chambre de Namur agiert dabei wie ein antikes Kollektiv aus Fleisch und Blut. Die Echo-Effekte im dritten Akt, wenn die Nymphen verzweifelt nach Proserpina suchen, erzeugen echte Gänsehaut.
Ein absoluter Höhepunkt ist der Ausflug in die Unterwelt im vierten Akt. Lully kontrastiert die Schrecken des Tartarus mit den friedvollen Gefilden der seligen Schatten auf höchstem kompositorischem Niveau. Die chromatisch absteigende Chorlinie erinnert unwillkürlich an die stärksten Momente Henry Purcells – barocke Klangmalerei fernab jeder Museumsstaub-Ästhetik.
Das große Finale, in dem Jupiter den Götterstreit schlichtet, krönt die Aufnahme. Proserpina erhält den klassischen Kompromiss: sechs Monate Unterwelt, sechs Monate Erde. Das Ensemble legt noch einmal alles hinein – jubelnde Fanfaren, strahlendes Dur und ein mitreißender Kehraus.
Wer französische Barockmusik bisher für ein steriles Vergnügen historisch informierter Spezialistenkreise hielt, wird hier eines Besseren belehrt. Rousset und seine Mitstreiter hauchen Lullys „Proserpine“ ein pralles, theaternahes, sinnliches Leben ein. Eine Aufnahme, die zeigt, wie unterhaltsam, kraftvoll und modern das Musiktheater des Absolutismus auch heute noch klingen kann.
Dirk Schauß, im Mai 2026
Jean-Babtiste Lully
Proserpine
Choeur de Chambre de Namur
Les Talens Lyriques
Christophe Rousset, musikalische Leitung
Chateau de Versailles, CVS187

