Je chante la nuit – Akkordeon und Ukulele entzaubern die große Opernwelt

Wer die CD vom Label Alpha Classics öffnet, erwartet naturgemäß keine Zirkusvorstellung. Man stellt sich auf edel gerahmte Kammermusik ein, auf hochkulturellen Ernst oder zumindest auf historisch informierte Akribie. Stattdessen treten die Sopranistin Agathe Peyrat und der Akkordeonist Pierre Cussac vor das Mikrofon – mit Ukulele und Ziehharmonika im Gepäck. Sie nennen ihr Konstrukt ein Miniatur-Ensemble und schicken sich an, den Kanon von Debussy bis Wagner durch die französische Chansontradition zu schicken. Das Resultat dieser 46-minütigen Exkursion ist ein schillerndes, aber zutiefst zwiespältiges Vergnügen, das den Hörer zwischen Schmunzeln und ungläubigem Kopfschütteln zurücklässt.
Man muss den Mut der beiden anerkennen. Ein klassisches Repertoire rund um das Thema Nacht zu wählen und es kurzerhand in volkstümliche Miniaturen zu verwandeln, verlangt Selbstbewusstsein. Bereits der Auftakt mit Claude Debussys „Beau Soir“ macht klar, wohin die Reise geht: Die Ukulele zupft trocken, Cussac lässt feine Akkordeontöne in der Höhe schweben, und Peyrat singt ohne Vibrato, hauchig und denkbar nah am Mikrofon. Das hat Intimität. Es klingt nach einer verrauchten Pariser Hinterhofbar am späten Abend – und funktioniert bei Debussy erstaunlich gut, weil dessen impressionistische Melodieführung diese Zerbrechlichkeit verträgt.
Der Absturz folgt allerdings auf dem Fuß. Wenn sich das Duo an Georges Bizets berühmter Tenorarie „Je crois entendre encore“ vergreift, stößt das Konzept rigoros an seine Grenzen. Die schwelgende, orientalisch angehauchte Melodie wird von einer unruhigen, nervösen Begleitung zerpflückt. Peyrats Gesang rutscht in den Gestus eines trivialen Gassenhauers ab. Was im Original ein Moment schmerzhaft schöner Sehnsucht ist, schrumpft hier zu einer belanglosen Kneipennotiz. Ähnlich ergeht es Giacomo Puccini: Aus „E lucevan le stelle“, dem Verzweiflungsschrei des todgeweihten Cavaradossi, wird eine instrumentale Spielerei. Von Puccinis dramatischer Wucht bleibt nichts übrig als eine nett anzuhörende Melodie für den Feierabend.
Es ist diese radikale Dekonstruktion der großen Opernliteratur, die das Album so angreifbar macht. Man fragt sich unwillkürlich, was den beiden vorschwebte, als sie Mozarts Königin der Nacht zur eineinhalbminütigen Klangstudie degradierten. Die Koloraturen der Rachearie werden zerhackt und neu zusammengesetzt – ein spitzbübischer Streich, dessen Witz nach dem ersten Durchlauf verpufft.
Ganz anders verhält es sich, wenn Peyrat und Cussac auf ihrem eigentlichen Terrain wildern. In den echten Chansons entfaltet die Einspielung eine mühelose Eleganz. „Le soleil et la lune“ von Charles Trenet gerät zu einem Kabinettstück erzählerischer Kleinkunst. Hier stimmen Wortwitz und vokale Leichtigkeit. Auch der Plappergesang in „La vie d’ici bas“ besitzt genau das richtige Tempo und jenen Schuss Selbstironie, der den klassischen Bearbeitungen so schmerzhaft abgeht. In diesen Momenten begräbt man das anfängliche Misstrauen und verzeiht den beiden sogar das Ausgraben von „Danny Boy“, das in dieser französisch angehauchten Fassung zwar skurril wirkt, aber handwerklich sauber vorbereitet ist.
Klangästhetisch haben die Toningenieure gründliche Arbeit geleistet. Die Aufnahmen suchen bewusst die Unmittelbarkeit des Raumes: das Schnappen der Akkordeonmechanik, das feine Rutschen der Finger über die Bünde der Ukulele, das Atmen der Sängerin – alles ist unbarmherzig nah eingefangen. Das verleiht der Scheibe eine physische Präsenz, die man dem Genre wünscht. Man sitzt nicht im Parkett, sondern am Nebentisch.
Einen überraschenden Höhepunkt erlebt man ausgerechnet beim deutschen Schwergewicht der Operngeschichte. Richard Wagners „O du mein holder Abendstern“ aus dem Tannhäuser, hier als „Romance à l’étoile“ angekündigt, gelingt erstaunlich schlüssig. Cussac grundiert die Kantilene mit weichen, organischen Akkordeonregistern, während Peyrat die Melodie schlicht und ohne falsches Pathos führt. Man entdeckt die schlichte Liederhaftigkeit dieser Passage neu – und ahnt, was diese CD hätte werden können, hätte man weniger auf den schnellen Effekt und mehr auf die musikalische Substanz vertraut.
Auch Henry Purcells „See even night herself is here“ überrascht durch eine herbe, dissonante Färbung, die dem barocken Satz gut zu Gesicht steht. Dazwischen liegt der vielleicht stärkste Titel der Zusammenstellung: „Close your eyes“ von Bernice Petkere. Peyrat singt hier völlig losgelöst von jedem Operngestus – entspannt, cool, fast beiläufig. Das Akkordeon jazzt leise im Hintergrund. In diesen drei Minuten stimmungsvoller Gelassenheit greifen die Rädchen endlich ineinander.
Mit gerade einmal 46 Minuten Spielzeit kommt das Album recht mager daher. Man hat das Gefühl, einer zwar unterhaltsamen, aber doch sehr kurzen Soirée beigewohnt zu haben. Wer eine tiefgreifende Beschäftigung mit dem klassischen Liedgut sucht, wird enttäuscht abwinken. Wer sich hingegen auf eine musikalische Landpartie einlassen möchte und bereit ist, sakrosankte Opernarien mit einem zwinkernden Auge zubereitet zu bekommen, wird stellenweise gut bedient.
Peyrat und Cussac wollten Barrieren einreißen und die Grenzen zwischen E- und U-Musik verwischen. Das ist ein hehrer Ansatz, der in der Praxis jedoch oft daran scheitert, dass die große Oper unter dem Mikrofon der Kleinkunst schlicht geschrumpft wird, anstatt eine neue Dimension zu gewinnen. Die Mischung aus Ukulele, Akkordeon und Stimme besitzt zweifellos Reiz, Charme und Witz. Sie reicht jedoch nicht aus, um die strukturelle Armut mancher Bearbeitungen dauerhaft zu kaschieren. Am Ende bleibt eine CD, die polarisieren wird, weil sie zu viel will und dabei das Kerngeschäft der Dramatik manchmal aus den Augen verliert. Ein interessantes Experiment für zwischendurch – mehr allerdings nicht.
Dirk Schauß, im September 2026
Je chante la nuit
Agathe Peyrat und Pierre Cussac
Alpha Classics, Alpha1234

