CD JAZZ – JULIA IGONINA und MAXIM EMELYANYCHEV spielen Musik von Akhunov, Poulenc und Messiaen; Aparte
Jazz steht zwar drauf, ist aber keiner drin
Veröffentlichung: 30.6.2023

Der 1967 in Kiew geborene Oboist und Komponist Sergey Akhunov, kam auf den Gedanken, ein Stück mit dem Titel „Jazz“ zu schreiben, ohne dass die Musik irgendetwas mit dieser Musikrichtung zu tun hätte, als er 2013 im Moskauer Puschkin Museum die Matisse-Collagen „Ost-West Jazz“ für sich entdeckte. Das im Schablonendruckverfahren hergestellte Buchkunstwerk, das beim Verleger Tériade 1947 erschien, stützt sich auf 1943/44 entstandene „papiers découpés“ des damals bettlägerigen Henri Matisse. Bei diesem „Akt des Malens mit der Schere“ schnitt Matisse abstrakte Formen aus Papier, ließ sie mit Goauchefarben tönen und arrangierte diese auf ebenfalls eingefärbten Papierbögen.
Inhaltlich ließ sich Matisse, wie dies auch die Titel der 15 doppelseitigen Drucke (plus 5 einseitige, die hier keine Rolle spielen) künden, vor allem von Zirkusdarstellungen („Der Messerwerfer“, „Das Pferd, der Reiter und der Clown“), aber auch von Reiseerinnerungen und Volksmärchen inspirieren. Matisse schrieb zu jedem Titel einen kontrastierenden Text, der nicht erläutert, sondern selbsterkenntnishaft existenzielle Themen wie Glück, Tod oder Gott vor dem Hintergrund philosophischer und literarischer Vorbilder wie Henri Bergson oder Charles Baudelaire reflektiert. Kunstgeschichtlich ist Matisse innovatives Alterswerk von hoher Bedeutung, als es etwa Strömungen wie die aufkommende Pop Art nachhaltig beeinflusste.
Akhunov übernahm die Bezeichnungen der Collagen und schrieb dazu kontrastierende polystilistische Kammermusiken für Violine und Klavier, wobei man sich wieder nicht täuschen lassen darf. Denn die Musik hat nichts von einer Programmmusik. Sie illustriert klanglich nichts weniger als Matisse bildliche Vorlagen, sie stellt keine Analogien her. Akhunov war vielmehr von der „Machart“ fasziniert, der experimentellen, rhythmischen (Jazz), improvisatorischen Natur der Papierarbeiten. „Matisse Scherenschnitte und die Musik existieren parallel, getrieben von einer gemeinsamen Idee“, so der Tonsetzer, der seinen Plan erst realisierte, als er von Julia Igonina (Geige) und Maxim Emelyanychev (Klavier) den Auftrag zu diesem Stück erhielt.
Auf dem neuen Album kombinieren die beiden Künstler Sergey Akhunovs Werk mit Francis Poulencs Violinsonate FP 119 und dem Ausschnitt „Louange á l’Éternité de Jésus“ aus Olivier Messiaens Zyklus „Quatuor pour al fin du temps“. Um dem Klang der Entstehungszeit möglichst nahe zu kommen spielt Igonina auf einer Violine mit Darmsaiten und Emelyanychev auf einem Blüthner Flügel aus dem Jahr 1908 aus dem Klaviermuseum Rybinsky, einem „Asyl“ für heimatlose Klaviere in einem ehemaligen Busdepot im Moskauer Nordosten.
Die auch klangtechnisch sehr attraktiven Aufnahmen schlagen Brücken zwischen bildender Kunst und Musik in avantgardistischen Strömungen der letzten 80 Jahre. Ein clever programmiertes und intensiv dargebotenes Album abseits des Mainstreams.
Dr. Ingobert Waltenberger

