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CD: Jan Lisiecki kehrt zu Mozart zurück Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzerte 9 und 22, Bamberger Symphoniker Manfred Honeck, musikalische Leitung Deutsche Grammophon, 520238000

16.04.2026 | cd

Jan Lisiecki kehrt zu Mozart zurück
Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzerte 9 und 22
Jan Lisiecki, Klavier
Bamberger Symphoniker
Manfred Honeck, musikalische Leitung
Deutsche Grammophon, 520238000

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Zehn Jahre sind im Musikbetrieb eine Ewigkeit. Karrieren können darin verglühen oder zur bloßen Routine erstarren. Als Jan Lisiecki vor einem Jahrzehnt sein Debüt beim gelben Siegel vorlegte, rieben sich Kritiker weltweit die Augen: ein junger Kanadier, der Mozart nicht als museales Porzellan, sondern als lebendiges, atmendes Wesen begriff. Pünktlich zum 270. Geburtstag des Komponisten kehrt der gereifte Tastenvirtuose nun an den Ort seines frühen Triumphes zurück. Er wählt zwei Schwergewichte in Es-Dur: das neunte und das zweiundzwanzigste Klavierkonzert. Unterschiedlicher könnten sie kaum sein – und doch tragen beide dieselbe gestalterische Pracht in sich. Wer Mozart für gepflegtes Nachmittagsgeplänkel hält, wird hier eines Besseren belehrt.

Lisiecki nähert sich dem „Jeunehomme“-Konzert mit einer Leichtigkeit, die entwaffnend ehrlich klingt. Man spürt in jedem Takt, dass hier ein Musiker am Werk ist, der die Partitur nicht nur liest, sondern sie einatmet. Begleitet wird er von Manfred Honeck und den Bamberger Symphonikern – eine Paarung, die sich als wahrer Glücksfall erweist. Die Bamberger sind bescheren einen warmen, runden Orchesterklang. Unter Honecks Leitung gewinnen sie eine Wachheit, die jeden Begleitautomatismus im Keim erstickt. Es entsteht ein echtes Zwiegespräch: ein Geben und Nehmen, bei dem das Orchester den Solisten nicht nur trägt, sondern herausfordert, neckt und schließlich liebevoll auffängt.

Besonders im neunten Konzert, diesem Geniestreich eines Einundzwanzigjährigen, blüht diese Spielfreude auf. Das Allegro kommt mit einem Schwung daher, der direkt ins Blut geht, ohne die aristokratische Haltung zu verlieren, die Mozart stets verlangt. Der Übergang zum Andantino gelingt Lisiecki mit solcher Selbstverständlichkeit, dass die Welt um einen herum versinkt. Hier zeigt sich die ganze Palette seines Anschlags: Er tupft die Töne in die Stille, formt Phrasen von einer Klarheit, die an kühles Quellwasser erinnert. Nichts wirkt aufgeblasen oder durch interpretatorisches Gehabe beschwert. Es ist die Kunst des Weglassens, die Lisiecki beherrscht – das Vertrauen darauf, dass Mozart selbst genug zu sagen hat, wenn man ihm nur den Raum lässt. Das abschließende Rondo sprüht vor Witz und geistreichem Funkeln. Die Fingerfertigkeit des Solisten wird nie zum Selbstzweck; er spielt die Kapriolen des Finales mit einem Augenzwinkern, das dem Hörer unweigerlich ein Lächeln entlockt. Es ist diese menschliche Wärme, die durch die gesamte Aufnahme flutet und für sich einnimmt.

Noch gewichtiger, beinahe symphonisch, präsentiert sich das zweiundzwanzigste Konzert. Der Horizont weitet sich, die Farben werden satter, der Anspruch komplexer. Honeck hört tief in die Strukturen hinein und legt Details frei, die in anderen Aufnahmen oft im Gesamtklang untergehen. Man höre nur die Einleitung des Andante: Die Streicher legen ein Fundament, das vor unterdrückter Leidenschaft bebt. Wenn Lisiecki einsetzt, geschieht es mit einer Ernsthaftigkeit, die im Innersten packt – eine Melancholie ohne Larmoyanz. Er wagt den Blick in den Abgrund, ohne darin zu versinken. Die Kadenzen nutzt er nicht zur eitlen Selbstdarstellung, sondern als Momente tiefer Reflexion. Ein Sonderlob verdienen die Bamberger Holzbläser. In den Dialogen zwischen Klavier und Bläsern entstehen Augenblicke kammermusikalischer Intimität, wie man sie nicht oft findet. Das abschließende Allegro bricht dann alle Dämme und feiert die Rückkehr des Lichts. Lisiecki lässt die Läufe perlen, setzt Akzente mit bewundernswerter Präzision und behält doch stets die Übersicht – ein souveränes Spiel mit dem Feuer.

Technisch ist die Aufnahme makellos: Das Klangbild transparent, der Flügel präsent, ohne das Orchester zu erdrücken, die Dynamik feinfühlig eingefangen. Diese Veröffentlichung spricht nicht nur den Sammler an, sondern jeden, der sich für die zeitlose Modernität Mozarts begeistern kann.

Jan Lisiecki hat sich mit dieser Einspielung als überzeugender Mozart-Interpret unserer Zeit bestätigt. Er zeigt, dass man kein historisierendes Instrumentarium braucht, um den Geist der Klassik lebendig werden zu lassen. Es genügen ein hellwacher Geist, makellose Technik und die Demut vor einem Komponisten, dessen Musik nach über zwei Jahrhunderten nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat. Wer diese CD hört, wird mit innerer Ruhe und zugleich belebender Energie belohnt – ein wahres Privileg für die Ohren.

Dirk Schauß, 17. April 2027, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

von Dirk Schauß

 

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