Schiller schüttelt Bach die Hand

Der traditionell geschulte Klassikkäufer reagiert auf das Wort „Konzeptalbum“ meist mit akutem Fluchtreflex. Zu oft verbirgt sich dahinter nur der verzweifelte Versuch, disparate Archivaufnahmen mit einem prätentiösen Text historisch aufzuhübschen. Was die belgische Edelschmiede Fuga Libera unter der Katalognummer FUG864 vorlegt, ist hingegen ein intimes Kammerspiel von stupender Logik und innerer Folgerichtigkeit.
Die Mezzosopranistin Coline Dutilleul und die Pianistin Aurelia Vişovan spannen einen Bogen von den barocken Konstruktionen Johann Sebastian Bachs zu den melancholischen Abgründen Franz Schuberts. Das klingt nach schwerer Kost – und entfaltet doch eine Dynamik, die den Hörer erstaunlich erfrischt entlässt. Man verlässt dieses siebzigminütige Seelenbad geläutert und merkwürdig leicht.
Friedrich Schillers Frage nach den entschwundenen Göttern Griechenlands liefert das intellektuelle Fundament. Mit Schuberts Vertonung dieses Wehrufs beginnt eine Reise, die das Wandern, das Verzagen und das schlussendliche Akzeptieren der Vergänglichkeit abschreitet. Dutilleul widersteht der Versuchung, die Lieder mit opernhafter Wucht zu zertrümmern. Ihr Mezzosopran arbeitet mit minimalem Vibrato und weichen Konsonanten – eine beinahe geisterhafte Unwirklichkeit, die den Hörer sofort packt.
Statt im frühromantischen Tränental zu verharren, folgt der radikale Bruch: Bach betritt die Szene. Wo Schubert die seelische Wunde schlägt, errichtet der Thomaskantor das architektonische Lazarett. Aurelia Vişovan übernimmt im Capriccio über die Abreise des geliebten Bruders den Solopart und zaubert einen so reinen, kantablen Gesang auf die Tasten, dass jede menschliche Stimme überflüssig erscheint.
Ein wahrer Star dieser Aufnahme steht allerdings auf drei Beinen und hört auf den Namen Opus 102. Der Instrumentenbauer Stephen Paulello hat einen Flügel konstruiert, der die Grenzen des modernen Klaviers sprengt: 102 Tasten, schräg parallel verlaufende Saiten, ein Farbspektrum, das den gewohnten Konzertflügel wie eine blasse Kopie wirken lässt.
In Gretchen am Spinnrade zeigt dieses Instrument seine ganze Klasse. Das obsessive Kreisen des Spinnrades in der linken Hand wird unter Vişovans Fingern zu einem packenden Psychogramm – man meint das Holz förmlich knarzen zu hören. Dutilleul gestaltet die Ungeduld der verlassenen Liebenden mit dramatischem Zugriff. Auch das in rasendem Tempo genommene Präludium und Fuge in c-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier profitiert enorm von dieser Konstruktion: Der melodische Abstieg bleibt trotz des hohen Tempos gestochen scharf und transparent.
Die Dramaturgie des Programms folgt konsequent den Phasen der Trauerarbeit: von der Auflehnung über den schmerzhaften Verzicht bis hin zur erlösenden Besänftigung. In Die junge Nonne peitscht das Klavier zunächst den äußeren und inneren Sturm herauf, bevor das finale Alleluja einen radikalen Weltabschied feiert. Dem stellen die Interpretinnen das minimalistische Vom Mitleiden Mariä entgegen – Schubert nähert sich hier dem lutherischen Choral an, und die Ausführung ist so schlicht wie schmerzvoll diszipliniert.
Ein echter Coup gelingt auf der Zielgeraden: Das Melodram Abschied von der Erde, ein Fragment gebliebenes Spätwerk Schuberts auf einen Text von Adolf von Pratobevera. Dutilleul wechselt vom Gesang in die gesprochene Prosa und trägt den Text mit einer Natürlichkeit vor, die jede Kitsch-Klippe elegant umschifft. Begleitet von den zarten Akkorden des Paulello-Flügels entlässt dieses Werk den Hörer in eine wohltuende, beinahe sakrale Stille.
Die Paarung von Bach und Schubert im steten Wechselspiel bricht mit den Hörgewohnheiten des Publikums, rechtfertigt sich aber durch das Ergebnis. Diese Veröffentlichung beweist, dass kluge Programmgestaltung und handwerkliche Präzision einander nicht ausschließen. Am Ende dieser feinsinnigen Reise durch die Nachtseiten der menschlichen Existenz bleibt ein warmer, gereinigter Gesamteindruck zurück: Man verlässt den intimen Konzertraum sortiert und auf eine sehr weltliche Weise getröstet.
Fuga Libera liefert mit dieser Aufnahme ein starkes Plädoyer für das bewusste Hören – ein Fels in der Brandung der digitalen Dauerberieselung.
Dirk Schauß, im Mai 2026
In deinen süßen Händen
Bach, Schubert
Coline Dutilleul, Mezzosopran
Aurelia Vişovan, Klavier
Fuga Libera, FUG864

