Simon Rattle bringt die ungekürzte Magie der russischen Märchenwelt zum Strahlen

Musikkritiker haben ein gespaltenes Verhältnis zu Suiten. Sie sind prägnant, handlich, konzentrieren das Beste einer Partitur auf dreißig Minuten und sparen dem Konzertveranstalter erhebliche Gage. Doch wer Igor Strawinskys Ballettensemble von 1910 jemals in seiner vollen, rund dreiviertelstündigen Urfassung gehört hat, empfindet die üblichen Konzertsuiten womöglich als halbe Sache. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat unter der Leitung seines Chefdirigenten Sir Simon Rattle im November 2025 in der Münchner Isarphilharmonie das ganze Werk auf die Bühne gebracht. Nun liegt das Ereignis bei BR-Klassik auf CD vor, ergänzt um eine halbe Stunde englischsprachiger Werkbetrachtung aus der Feder und dem Mund des Meisters selbst. Das ist kein Beiwerk, sondern ein Gewinn.
Als der gewiefte Impresario Sergej Djagilew dem blutjungen Strawinsky Anfang 1909 den Auftrag für die Ballets Russes erteilte, stand der Komponist unter immensem Zeitdruck. Was binnen weniger Monate entstand, war nichts Geringeres als die Geburtsstunde einer neuen Orchesterkultur. Strawinsky wollte seinen Lehrer Nikolai Rimski-Korsakow nicht bloß kopieren, er wollte ihn überrumpeln. Mit Flatterzungen, unheimlichen Ponticello-Klängen der Streicher, kühnen Flautando-Effekten und Harfen-Glissandi schuf er ein Klanggewebe von schier unerschöpflicher Farbigkeit.
Man kennt Rattles Hang zur akribischen Detailarbeit. In München nutzt er das riesige Orchesteraufgebot nicht für eine sinnlose Phon-Schlacht, sondern für ein fein ausgehörtes Panoptikum. Der Beginn im tiefen Streicher-Grummeln: Hier riecht es nach feuchter Erde, nach dem dunklen Zauberwald des unsterblichen Kaschtschej. Rattle lässt den Holzbläsern spürbaren Raum zur Entfaltung. Die Oboe klagt mit jener leichten Trockenheit, die vornehmes deutsches Orchesterspiel so wohltuend von frankofoner Süßlichkeit unterscheidet. Die Streicher phrasieren nicht bloß, sie atmen. Das ist plastisch geraten, keineswegs unter kühler Laborglasglocke sezierte Struktur, sondern pulsierendes Musiktheater ohne Bühne. Wenn der Höllentanz des Zauberers hereinbricht, zeigt das Orchester seine Zähne. Hier poltern die Pauken nicht stumpf, sie besitzen Kontur. Die Xylophon-Passagen schneiden scharf durch den Raum, das Blech präsentiert sich von einer schneidenden Schärfe, die man diesem Klangkörper sonst eher selten attestiert. Rattle hält die Zügel straff. Er vermeidet jenes unelegante Verhetzen des Tempos, dem so viele seiner jüngeren Kolleginnen und Kollegen auf dem Podium erliegen, wenn sie die Wucht der Strawinsky-Rhythmen mit bloßer Geschwindigkeit verwechseln. Man spürt das Ballett hinter den Tönen. Besonders glückt der Übergang zur Coda. Das feinsinnige, unvergleichlich zart geblasene Solo des Horns leitet den Tonartenwechsel ins strahlende H-Dur ein. Hier löst sich die Dissonanz der Zauberwelt auf. Das Bayern-Blech baut den Schlusssatz mit majestätischer Ruhe auf, ohne in plumpes Blechgedröhn abzugleiten. Man hört jede Stimmlinie, selbst im vollen Tutti des Finales bleibt das Fundament der Bässe durchhörbar und sonor. So klingt eine Aufnahme, die von der Akustik des neuen Münchner Interimsbaus spürbar profitiert hat; die Tontechniker des Rundfunks haben ganze Arbeit geleistet.
Das Format „Discover Music with Simon Rattle“ erweist sich als charmante Ergänzung. In knapp dreißig Minuten führt der britische Dirigent auf Englisch durch die Partitur. Wer Rattles feinen, britisch-trockenen Humor kennt, kommt hier voll auf seine Kosten. Er erklärt keine Musikwissenschaft für Fortgeschrittene, sondern zeigt mit wachem Blick und unnachahmlicher Begeisterung, worauf es an den Nahtstellen der Komposition ankommt. Er spricht über die rhythmischen Fallstricke wie ein erfahrener Kapitän über Untiefen im Meer. Das wirkt nie belehrend, sondern eher wie das Gespräch mit einem belesenen, enthusiastischen Freunde nach dem Konzert bei einem Glas Wein. Natürlich bleibt die Diskographie des „Feuervogels“ dicht besetzt. Von Antal Doráti über Pierre Boulez bis hin zu Rattles eigener früherer Einspielung mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra existieren Referenzen für die einsame Insel. Doch diese Münchner Aufnahme muss keinen Vergleich scheuen. Sie besitzt jene Reife, die erst aus der täglichen, vertrauten Zusammenarbeit eines Spitzenorchesters mit seinem Chef entsteht. Keine Show, kein eitles Gehabe am Dirigentenpult, sondern tiefes Eindringen in eine Partitur, die auch nach über einhundert Jahren nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Wer den vollständigen Feuervogel sucht, der weder in träger Spätromantik versinkt noch in technokratische Kälte erstarrt, findet in dieser Neuerscheinung eine vorzügliche Alternative. BR Klassik liefert damit ein rundum gelungenes Dokuments eines Münchner Konzertabends, der im Gedächtnis bleibt.
Dirk Schauß, im Oktober 2026
Igor Strawinsky
Der Feuervogel
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle
BR Klassik, 900231

