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CD HUGO WOLF & EDUARD MÖRIKE: Alle LIEDER – CHRISTIAN IMMLER und ALINA WUNDERLIN begleitet von ANNE LE BOZEC am Flügel; Oktav Records

05.04.2026 | cd

CD HUGO WOLF & EDUARD MÖRIKE: Alle LIEDER – CHRISTIAN IMMLER und ALINA WUNDERLIN begleitet von ANNE LE BOZEC am Flügel; Oktav Records

mörike

53 Wolf-Lieder nach Gedichten von Eduard Mörike sind es, die der lyrische Bassbariton Christian Immler und die Sopranistin Alina Wunderlin (fünf davon) im Markus-Sittikus Saal Hohenems 2023/24 eingespielt haben. Immler, als Konzert- und Opernsänger, Pädagoge und Liedsänger aktiv, hat sich an eine Gesamteinspielung der hauptsächlich in einem Schaffensrausch zwischen Februar und Mai 1888 entstandenen Kompositionen gewagt. 44 Lieder schrieb Wolf im Haus des Juristen Dr. Heinrich Werner in Perchtoldsdorf im Süden von Wien, Das, was die Komponierhäuschen in Maiernigg am Wörthersee, in Steinbach am Attersee und in Toblach für Gustav Mahler waren, weil vollkommene Ruhe und Konzentration herrschte, war für Wolf der Rückzug in Perchtoldsdorf. Da spazierte der 28-jährige, im Slowenischen geborene Hugo frühmorgens auf den Hochberg im Wienerwald, genoss die Aussicht. Hierauf ging es mit kurzen Unterbrechungen für Kaffee und Zigaretten ans tägliche Schreiben. Zuerst vertonte Wolf den „Tambour“, bis Mitte Mai weitere 42 Gedichte. Die letzten neun Mörike-Lieder komponierte Wolf im Haus seines Freundes Friedrich Eckstein am Attersee, bevor er den Zyklus im November mit der „Christblume II“ in Perchtoldsdorf abschloss.

Ekstase des Schaffens, Entzückung an Inspiration, manische Begeisterung bis zur ungehemmten Selbstrührung. Der glückliche Zustand des Jahres 1888, in dem Wolf insgesamt 93 Lieder und Balladen ersann, sollte nicht lange andauern. Von schwacher Konstitution, nervös, reizbar, unstet, wechselten extreme Perioden einander ab. Mit 18 fing er sich eine Syphilis ein, die ihn 1897 in eine Heilanstalt zwang, dazu kamen erhebliche psychische Probleme, die schließlich zu der Einweisung in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt führten. Dort siechte er vier Jahre dahin und verstarb am 22. Februar 1903.

Sein Schaffen war und ist bei Spezialisten und vor allem bei den herausragenden Interpreten und Interpretinnen elaboriertester Gesangskünste enorm geschätzt. Populär im Sinne von Schubert oder Schumann waren seine Lieder nie und sind es auch heute nicht. Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig oder Dietrich Fischer-Dieskau schwärmten in ausgefeiltesten Tönen von seinen differenzierten Vertonungen, artifiziell ausgeklügelten Harmonien, seiner schöpferischen Urkraft. Letzterer sah sich sogar veranlasst zu sagen, dass er sich in der Auseinandersetzung mit dem Schaffen Wolfs „nicht mehr allein mit mir oder zuzeiten dem Begleiter, sondern in der unbequemen Gesellschaft des Komponisten befinde.“ Warum unbequem? Weil „Wolf nie locker lasse in der Forderung nach Vielseitigkeit des Ausdrucks, Schattierung der Farbgebung, Konsonantengestaltung.“

Wenn man sich die Mörike-Lieder mit Fischer-Dieskau, begleitet von Gerald Moore, Daniel Barenboim oder Sviatoslav Richter anhört, dann bekommt man vor allem in den bis 1960 entstandenen Aufnahmen den Gipfel an möglicher Kunstfertigkeit und kleinteiligster Durchdringung in Dynamik, durchdachter Phrasengestaltung und poetischer Edelauslese. Fischer-Dieskaus typische Vorlieben für harte Konsonanten und dramatische Rezitation waren schon damals ausgeprägt.

Wenn man die Aufnahmen Fischer-Dieskaus mit den Interpretationen von Immler vergleicht, dann bringt Immler mit seinem einschmeichelnd und traumhaft sinnlich timbrierten Bassbariton einen guten Schuss Schubert mit in seine erzählerisch so natürlichen, dem Wogen der Melodie wie dem Fluss der Worte gleichermaßen folgenden Wiedergaben. Keine bemühte Tüftelei, keine Überartikulation, keine Kopflastigkeit beeinträchtigt den Hörgenuss. Dabei bleibt Immler stets ein Muster an Textverständlichkeit, ein Mitlesen der im Bocklet dankenswerterweise in deutscher und französischer Sprache abgedruckten Liedtexte erübrigt sich. Mir persönlich ist er nicht nur diesbezüglich lieber als Fischer-Dieskau. Auf der anderen Seite ist Fischer-Dieskaus kernigere Höhe bei von der Tessitura höher liegenden Liedern wie dem „Feuerreiter“ ein Atout.

Christian Immlers Verdienst ist und bleibt es, mit dieser klangschönen Edition, den im Ausgleich aller Interpretationsanforderungen als schwierig geltenden, im hochgestochenen Ideal quasi unerreichbaren Wolf-Olymp auf ein menschliches Maß gebracht und damit für ein – hoffentlich – breiteres Publikum genussfähig angerichtet zu haben.

Dabei setzt Immler in der reichen Palette an Stimmungen und Formen dieser spätromantischen Lieder von feinsinnigen Naturbeschwörungen, wilden Balladen bis hin zu skurrilen, humorvollen und religiösen Titeln auf eine expressive Klangschönheit, die sich weder in Extremen noch des Gedankens Blässe verliert. Ich denke, dem mit seiner Tätigkeit als evangelischer Pastor in Ludwigsburg hadernden Eduard Mörike, in dessen Lyrik sich Hugo Wolf 1886 vollends vernarrt hatte, hätte – wenn er das hören hätte können –  die musikalisch kulinarische, in dunklere Farben getauchte Wort-Toninteraktion gut gefallen.

Fazit: Das klangschönste und wichtigste Hugo Wolf-Album unserer Zeit!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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