CD: HORIZONS The Impossible Orchestra Alondra de la Parra, musikalische Leitung Fuga Libera, FUG870
Alondra de la Parra zertrümmert lateinamerikanische Postkartenklischees

Das Vorurteil reist leider verlässlich mit. Wer Lateinamerika auf dem Etikett liest, erwartet im Konzertsaal nur zu oft das übliche Klischeesortiment aus Feierabend-Temperament, hüftschwingender Rhythmik und wohlfeiler Lagerfeuer-Nostalgie. Umso heilsamer wirkt der kalkulierte Schock, den das Label Fuga Libera nun mit der Veröffentlichung Fuga Latina verabreicht. Es ist das Debütdokument des Festival PAAX GNP an der mexikanischen Riviera Maya, eingefangen im Jahr 2023, und es fegt den folkloristischen Staub gründlich vom Parkett. Unter der Stabführung von Alondra de la Parra zeigt The Impossible Orchestra, dass ein symphonischer Dialog zwischen den Hemisphären weit mehr sein kann als ein musikalischer Urlaubsgruss. Hier wird nicht dekoriert. Hier wird dekonstruiert und mit erstaunlicher Schärfe neu zusammengesetzt.
Den Auftakt macht Paquito D’Riveras dreisätziges Konzert The Journey, im Untertitel nonchalant als The Rice and Beans Concerto deklariert. D’Rivera wählt eine Solistenbesetzung, die auf dem Papier wie ein mutwilliges Experiment der Weltmusik-Abteilung aussieht: Klarinette, Violoncello und die chinesische Erhu. Wer nun allerdings ein beliebiges Crossover-Geplätscher befürchtet, sieht sich bereits nach wenigen Takten eines Besseren belehrt. Im ersten Satz Beans verflechten sich die Stimmen der Klarinette und des Cellos, gespielt von Rolando Fernández, zu einem dichten, polyphonen Gestrüpp. Das Orchester unter De la Parra grundiert das Geschehen keineswegs mit gefälligem Breitwand-Sound, sondern treibt die Solisten mit feinen, knallharten Akzenten vor sich her.
Richtig aufregend wird es jedoch im zweiten Satz, der dem Reis gewidmet ist. Andy Lin tritt hier mit der zweisaitigen Erhu vor das Mikrofon. Man muss sich diese Begegnung im Gedächtnis reiben. Der schneidende, nasal-melancholische Ton des ostasiatischen Streichinstruments bricht in den lateinamerikanischen Klangkörper ein wie ein unangemeldeter, aber ungemein faszinierender Gast. D’Rivera erweist damit den chinesischen Einwanderern die Referenz, die an der Seite afrikanischer und europäischer Kulturen den Kontinent prägten. Kein billiges Zitat, sondern eine klangliche Reibung von enormer Intensität. Lin lässt die Erhu wimmern, singen und gleiten, während das Orchester eine unwirkliche Stille bereithält. Wenn sich im Schlusssatz The Journey Temperament und Lässigkeit entladen, dann geschieht dies nicht in Form eines stumpfen Crescendos. Es ist ein hochkomplexes Versteckspiel der Rhythmen. D’Rivera selbst an der Klarinette bläst mit einer alterslosen, spöttischen Eleganz, dass man sich unwillkürlich aufrichtet.
Einen völlig anderen, ungleich düstereren Ton schlägt Omar Massa mit seinem Konzert für Bandoneon und Orchester Buenos Aires-Berlin an. Wer nach den ersten Akkorden des Prologue & Tango an Piazzolla denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Sicher, die Wurzeln liegen im Granatfeuer des städtischen Tangos, doch Massa zieht den Kopf nicht vor der mitteleuropäischen Moderne ein. Die weiche Streichereinleitung baut zwar eine trügerische Atmosphäre auf, doch sie trägt ein giftiges Keimblatt in sich.
Im zentralen Mittelsatz Prayer kippt die Szenerie vollends ins Unheimliche. Es ist eine beunruhigende, fast schauderhafte Klanglandschaft, die De la Parra aus den Streicherpulten zieht. Aus dieser bedrohlichen Kulisse schält sich das Bandoneon heraus, geblasen und gezogen von Massa selbst. Sein Instrument klagt nicht mit billigem Sentiment. Es ist ein eisernes, trockenes Keuchen, eine verlassene Stimme in einer metropolitanen Wüste. Hier spürt man die Achse zwischen der rauen Ästhetik des Río de la Plata und der analytischen Kälte der Berliner Philharmonie, wo das Werk einst uraufgeführt wurde. Der abschließende Satz Tango entwickelt sich schließlich zu einem regelrechten Parforceritt für das Orchester. Das Impossible Orchestra, zusammengewürfelt aus Spitzenmusikern internationaler Spitzenensembles, liefert hier keine routinierte Dienstleistung ab. Die Musiker werfen sich mit einer Hemmungslosigkeit in die synkopierten Kaskaden, die im Studio schlicht unmöglich wäre. Man hört das Knistern, das Risiko, das absichtliche Spiel auf der Rasierklinge.
Den Schlusspunkt setzen Yamandu Costa und Sérgio Assad mit Ilhas Concertantes. Assad hat dafür Themen des brasilianischen Gitarrenvirtuosen Costa aufgegriffen, sie zerlegt und zu einem dreiteiligen symphonischen Zyklus verbaut. Hier zeigt sich die ganze Stärke dieser Einspielung: Die Absage an die klassische Dreisatzform zugunsten einer offenen, erzählerischen Struktur. Im ersten Satz Itaparica irrt die Sologitarre von Yamandu Costa zunächst suchend durch den Raum. Es gibt kein festgelegtes Thema, keinen sicheren Hafen. Costa zupft, schlägt und streichelt das Holz mit verstörender Beiläufigkeit. Das Orchester umspült ihn vorsichtig, ohne ihn zu erdrücken.
Der zweite Teil La Graciosa entfaltet eine zutiefst trügerische Schönheit. Was wie eine pastorale Idylle beginnt, entpuppt sich als doppelbödiges Spiel mit harmonischen Abgründen. Assad weiß genau, wie man einer Gitarre den Raum organisiert, ohne dass das Symphonieorchester sie verschlingt. Schließlich bricht im Schlusssatz La Invernada das feurige Temperament aus Costa heraus. Seine Finger rasen über das Griffbrett, dass man meint, das Holz müsse gleich Funken schlagen. Doch auch hier verfällt die Aufführung nie in hysterisches Gefimmel. Die Struktur bleibt eisern. Alondra de la Parra hält die Zügel straff, pariert jede rhythmische Hakenbewegung des Solisten mit traumwandlerischer Präzision und peitscht das Ensemble in eine Zielgerade, die den Hörer mit offenem Mund zurücklässt.
Man muss diese CD als das nehmen, was sie ist: ein Manifest gegen die musikalische Verwässerung. Fuga Latina beweist nachdrücklich, dass die Aneignung populärer Formensprachen durch den akademischen Konzertsaal keineswegs in glattgebügeltem Gefälligkeitssumpf enden muss. Es braucht dazu allerdings Musiker, die bereit sind, auf dem Podium etwas zu wagen. De la Parra hat sich mit ihrem Festivalorchester ein Instrument geschaffen, das ohne akademische Berührungsängste zu Werke geht. Es knirscht an manchen Stellen, die Live-Situation fordert an den extremen Rändern ihren Tribut, und genau das macht diese 54 Minuten so kostbar. Es ist die Dokumentation eines Moments, in dem lateinamerikanische Musik ihre eigene Komplexität zurückerobert.
Dirk Schauß, September 2026
HORIZONS
The Impossible Orchestra
Alondra de la Parra, musikalische Leitung
Fuga Libera, FUG870

