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CD HISTORISCHES neu editiert: JOSEF KRIPS dirigiert Mozart, Haydn, Schubert, Beethoven, Schumann, Brahms und Tchaikovsky; Hänssler Box

Einfach zum Niederknien

30.03.2019 | cd

CD HISTORISCHES neu editiert: JOSEF KRIPS dirigiert Mozart, Haydn, Schubert, Beethoven, Schumann, Brahms und Tchaikovsky; Hänssler Box

 

Einfach zum Niederknien

 

Wer jemals von Josef Krips, seinen Wundertaten als Mozart-Dirigent, der Wertschätzung und Schwärmerei, die ihm besonders das Wiener Publikum entgegenbrachte, gehört hat und ihn selber nicht (mehr) live erlebt hat, sollte zu dieser Box greifen. Das legendäre „Wiener Mozart-Ensemble“, das weltweit Gastspiele absolvierte und für seine besondere Gesangs- und Spielkultur gerühmt wurde, war eine Erfindung von Josef Krips. Elisabeth Schwarzkopf und Irmgard Seefried hatten nur höchstes Lob für das umwerfende Musikantentum des ohne Starallüren auskommenden Pultvirtuosen. Dabei zeigt seine Biographie, wie schwierig die persönlichen Lebensumstände und der künstlerische Weg des frühreifen Wiener Arztsohnes waren. 

 

Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 zog Krips nach Belgrad. 1939 ging er nach Wien zurück, erhielt aber wegen der jüdischen Herkunft seines Vaters Berufsverbot. Nach einem kurzen Engagement in Budapest arbeitete er heimlich als Korrepetitor und gab Privatstunden, 1943 erhielt er durch einen Freund eine Stelle in einer Lebensmittelfirma und wurde daher nicht zur Wehrmacht eingezogen. Krips war der Erste, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Wiener Philharmoniker leitete, er dirigierte bei den ersten Salzburger Festspielen der Nachkriegszeit. 1946 und 1947 leitete er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

 

Von 1950 bis 1954 war Josef Krips Chefdirigent des London Symphony Orchestra, anschließend neun Jahre Leiter des Buffalo Philharmonic Orchestra in New York sowie, von 1963 bis 1970 des San Francisco Symphony Orchestra. Seine letzte Stelle trat er 1970 an, als er Dirigent der Deutschen Oper Berlin wurde. Von 1970 bis 1973 war Krips Hauptdirigent der Wiener Symphoniker. Als erster österreichischer Dirigent unternahm er eine Tournee durch die Sowjetunion. Krips’ letzter großer Erfolg, Anfang 1974, war eine Neuinszenierung von Così fan tutte an der Grand Opéra Paris. (Quelle: Austria Forum)

 

Die Aufnahmen auf der vorliegende Box umfassen den Zeitraum von 1947 bis 1958. Mit den Wiener Philharmonikern sind so wegweisende und auch für unsere heutigen Ohren völlig moderne Aufnahmen der Haydn Symphonien  Nr. 94 und 99 und der Beethoven Konzert-Arie “Ah! Perfido” mit einer vor innerer Glut lodernden Inge Borkh als Sopransolistin zu hören. Den Bärenanteil der Box bilden Einspielungen mit dem London Symphony Orchestra. Mozarts Symphonien Nr. 31 (“Pariser”), Nr. 39 und 40 aus dem Jahr 1953 habe ich kaum je facettenreicher und sinnstiftender gehört als hier. Bügeln viele aktuell hoch im Kurs stehende Dirigenten die Frühklassiker und Klassiker in überzogenem Einheitstempo herunter oder pflegen gediegene Langeweile, so sind Krips‘ Interpretationen in jeder Faser, jedem Takt gefühlte organisch geatmete Tonschöpfungen, die den Menschen hinter jedem Tonsetzer erfühlen lassen.

 

Unter seiner Stabführung glänzt kein marmorn glattes Gesicht der nivellierten Ausgewogenheit, sondern wird die Kunst des Auf- und Abphrasierens gepflegt und dynamisch jede Einheit auf ihren Wahrheitskern geprüft. Krips erreicht einen hohen Grad an Binnenspannung, ohne den Gesamtbogen eines Satzes, einer Symphonie je aus dem Auge zu verlieren. Wo es rau zugeht, wird das auch artikuliert. Mozarts Violinkonzerte Nr. 4 und 5 mit Mischa Elman als Solisten mit den halsbrecherisch schwierigen Kadenzen Joseph Joachims weisen das sehr gute New Symphony Orchestra als Begleitung auf. Der Hörer glaubt diese so selten spannend interpretierten Werke völlig neu zu erleben.

 

Aber auch Kostproben der Zusammenarbeit mit dem Israel Philharmonie Orchestra (Mozart Symphony Nr. 41 “Jupiter”) und dem französischen Orchestre National de la RTF (Beethoven “Coriolan” Ouvertüre und Violinkonzert mit Isaac Stern als Solisten) belegen den hohen Rang des Josef Krips als Orchestererzieher und stilistisch treffsicheren Musiker ohnegleichen. Nichts klingt bei Krips beiläufig oder dümpelt im energetischen Abseits. Abhold jeder Routine zeugen gerade die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms mit Artur Rubinstein am Flügel und dem RCA Victor Symphony Orchestra von der ungeheuren Könnerschaft des Dirigenten mit Blick auf Rubati, Timing und einer dramaturgischen als goldrichtig empfundenen Klangarchitektur. In derselben Konstellation ist auch das Klavierkonzert Mozarts Nr. 24 in c-Moll zu hören. Edwin Fischer ist der Solist bei Mozarts Klavierkonzert Nr. 25 (Philharmonia Orchestra London),  Clifford Curzon spielt begleitet wiederum vom London Symphony Orchestra das Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur. Ein respektvoll Liebender in Sachen Musik ist dieser Josef Krips gewesen. Weder Zuckerguss, noch falsche Schönklangoberfläche oder exzessive Deutungen interessierten ihn. Krips legte das Innerste der Partituren frei, gab ihnen Seele und Jugend. Seine Kunst  selbst auf diesen alten Aufnahme erleben zu dürfen, bereitet uneingeschränkte Freude.  

 

Die Box enthält weitere Raritäten aus Krips’ magischer Werkstatt, wie Tchaikovskys fünfte Symphonie, die Vierten jeweils von Brahms und  Schumann oder die Schubert Symphonien Nr. 6 und 8 (“Unvollendete”) samt dessen Ouvertüre “Rosamunde, ebenfalls mit dem London Symphony Orchestra. 

 

Die Tonqualität sämtlicher Einspielungen ist für ihr Alter erstaunlich transparent, plastisch und klar. CDs für die berühmte einsame Insel. Legendär!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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