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CD HERMANN GRÄDENER: Klavierkonzert, MATHILDE KRALIK VON MEYRSWALDEN: : f-Moll Symphonie – Norddeutsche Philharmonie Rostock; hänssler Classic

13.10.2026 | cd

CD HERMANN GRÄDENER: Klavierkonzert, MATHILDE KRALIK VON MEYRSWALDEN: f-Moll Symphonie – Norddeutsche Philharmonie Rostock; hänssler Classic

Seelenvolles Klavierkonzert und spätromantisch Symphonisches in aller perlenden Anmut und gebührender Pracht angerichtet

gredner

Das Klavierkonzert in d-Moll, op. 20, des Musiktheoretikers und Komponisten Grädener wurde im März 1879 in Wien uraufgeführt. Wie Brahms, mit dem Grädener auch private Kontakte pflegte, stammte der in Kiel gebürtige, in Hamburg aufgewachsene spätere Lehrer von Webern, Korngold und Schreker aus Norddeutschland. Für viele, die in der deutsch-österreichischen Musiktradition reüssieren wollten, war Wien damals so etwas wie das gelobte Land. Auch Hermann Grädener ging in die Donau-Metropole und schlug dort Wurzeln. Er war Geiger im Hofopernorchester, unterrichtete Tonsatz an der Universität und dirigierte.

Schon der mit 18 Minuten Spielzeit ausgesprochen weit gesteckte erste Satz seines einzigen Klavierkonzertes mit der Vortragsbezeichnung Allegro moderato schwelgt in lyrischer Emphase und kantabler Innigkeit, deren Fantasmen sich im Laufe der Durchführungen zu das Instrument auf Flügeln tragenden symphonisch romantischen Fluten weiten. Ob es sich um ein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk handelt, kann ich nicht beurteilen (das sollen dazu berufene Musikwissenschaftler tun). Was ich hingegen weiß, dass das Hören dieser melodisch so einprägsamen, wie besonders im Kopfsatz harmonisch sehnsuchtsvoll sonnenlichten, rhythmisch  eirndringlichen Musik genauso viel Vergnügen bereitet, wie es die Meisterwerke von Dvořák bis Brahms tun. Der Klaviersatz will dabei nicht in erster Linie Brillanz demonstrieren, das tut schon das Allegro molto im Rondo, sondern scheint seine traumhaft poetischen Kantilenen verspielt zu singen, die Themen verschmitzt zu kommentieren, und am liebsten frei von der Leber seine wundersamen Kapriolen zu schlagen.

Interessanterweise ist der langsame zweite Satz knapper, stiller formuliert, er hält sich wie ein in sich ruhender Meditierender emotional zurück. Im virtuosen Finalrondo zückt Grädener kontrastvoll die Karte der unbändigen Lebensfreude und eines ausgelassenen Miteinander von Klavier und Orchester. Jeglicher musikhistorische Anwurf eines trockenen Akademismus wäre spätestens da als blanker Unsinn vom Tisch gefegt. Wie die Blumengirlanden eines Flechtwerks drehen sich die Tonkaskaden des Soloinstruments mit dem Klangornamenten des mit ihm konzertierenden Klangkörpers, umranken einander und wuseln gemeinsam sportlich beschwingt ins Ziel.

Oliver Triendl ist der goldrichtige Pianist zur richtigen Stunde, wenn ich so sagen darf. Er spielt seinen Klavierpart mit behänder Leichtigkeit, hält die musikalischen Fäden am Fließen, extemporiert die Kadenz mit einem ungemein bildlichen Chiaroscuro Feeling, weiß um die agogisch passgenauen Gewichtungen der einzelnen Phrasen. Vor allem aber ist Triendl ein begnadeter Dichter auf seinem Instrument (höre ich da einen künstlerisch verwandten Oleg Maisenberg Nachfolger heraus?), der eine stupende Anschlagskultur, zarteste Verinnerlichung und expressive Gestik in den Dienst einer am Ende unerhörten klangsinnlichen Erfahrung stellt. Begleitet wird er von der vor allem in den Streichern seidig vibrierenden Norddeutschen Philharmonie Rostock unter der einfühlsamen Leitung ihres Chefdirigenten Marcus Bosch.

Ein völlig anderes musikalisches Erlebnis beschert uns Mathilde Kralik von Meyrswalden mit ihrer Hymnischen Sinfonie in f-Moll. Sie entstammt einer böhmischen Glasfabrikantendynastie, lebte in Linz, später in Wien. Sie war nicht nur Schülerin von Anton Bruckner, sondern erhielt eine profunde musikalische Ausbildung. Gemeinsam mit Gustav Mahler drückte sie die „Schulbank“ am Konservatorium. Das Hauptinteresse der gläubigen Katholikin galt geistlicher Musik.

Ihre Sinfonie in f-Moll sollte der einzige Gattungsbeitrag der Komponistin werden, allerdings überarbeitete sie das 1903 komponiert Stück 1942, also mitten im Krieg und gegen Ende ihres Lebens grundlegend und fügte ein Sopransolo nach eigenen Worten hinzu. Uraufgeführt wurde ihre Sinfonie erst im Jahr 2021 am Brucknerhaus Linz.

Die typisch spätromantische musikalische Sprache der Komponistin erweist sich sozusagen vom ersten Ton des Kopfsatzes an als wesentlich dramatischer im Vergleich zu derjenigen von Grädener. Die viersätzige Sinfonie mag Anzeichen einer Verwandtschaft zu Brahms oder besonders zu Bruckner (massiver Einsatz des Blechs und der Pauken, choralartige Themen, fantastische Fuge im Adagio) aufweisen, eine direkte Nachfolge höre ich nicht heraus.

Vielmehr ist diese Hymnische Sinfonie in ihrer theatralischen Wucht, den komplexen harmonischen Strukturen ein stolzes Kind der österreichischen Spätromantik. Ihre geistigen Dimensionen dürften sich aus Kriegserfahrungen, aber auch aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte speisen. Aus Kraliks Versen („Die Seele schwingt zum Himmel empor, vorm Höchsten steht sie nun bereit… so steht die Seele nun bereits vorm Riesentor der Ewigkeit“), der vokal-orchestralen Ausgestaltung sowie aus der nach vielem Auf und Ab nach hochdramatischen Steigerungen tröstlich, metaphysisch weltumarmenden Haltung lugt eine eindeutige Nähe zu Gustav Mahler hervor.

Spannend ist das Scherzo („sehr rasch“), das neben humorvollen Klarinettensoli, bäuerlich sich drehenden Rhythmen, einem als Trio getarnten Walzer auch koboldisch skurrile Züge trägt.

Das in einen dichten Orchestersound gebettete Sopransolo wird von der Belgierin Tineke Van Ingelgem mit Anstand, einigem Vibrato, aber kaum textdeutlich gesungen. Die Norddeutsche Philharmonie Rostock zeigt sich hier von einer völlig anderen Seite ihres Könnens. Es ist die Stunde des präzisen Blechs und der charakterstarken Holzbläser bei gleichbleibend hoher Kompetenz und Opulenz der Streichergruppe. Marcus Bosch hält die dirigentischen Zügel straff genug, um die vielschichtige Rhythmik des Werks akkurat expressiv und die Aufschwünge eindrücklich nach vorwärts pushen zu können, lässt aber auch genug Freiraum für melodisches Sehnen und Weben. Eine Orgel sorgt gegen Ende für himmlisches Entzücken.

Für alle, die romantische Klaviermusik sowie klanggewichtige österreichische Spätromantik lieben, eine klare Empfehlung.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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