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CD HERBERT SCHUCH spielt BAGATELLEN von LIGETI und BEETHOVEN, CAvi-music

18.08.2019 | cd

CD HERBERT SCHUCH spielt BAGATELLEN von LIGETI und BEETHOVEN, CAvi-music

 

Der in Rumänien geborene Herbert Schuch, gleichermaßen an der Violine wie am Klavier ausgebildet, hat die Konstellation Beethoven-Ligeti schon im Konzertsaal erprobt. Und es hat funktioniert. Erst dann wagte er sich an diese CD-Produktion, in der die elf kleinen Stücke der in den frühen 50-er Jahren entstandenen „Musica Ricercata“ von György Ligeti und Beethovens „11 Bagatellen“ Op. 119 ineinander verzahnt gespielt werden. 

 

Durchaus spannend zu hören, wie zwei solitäre Genies im ständigen Wechsel 130 Jahre vor und zurück in der Musikgeschichte für die kleine Form verwandte Lösungen vorgeschlagen haben. Wie Tagebuchnotizen zeugen diese oftmals auf verfremdeten Tanzrhythmen basierenden musikalischen Gedankenflüsse bei Beethoven in den 1820er Jahren von der völligen Freiheit, nach der letzten Klaviersonate Op. 111 wirklich frei mit Themen umgehen zu können. 

 

Mit stets bewundernswerter Dichte  kommen in den sogenannten „Bagatellen“ Stimmungen auf, die beileibe nicht nur autobiographisch konnotiert sind (Anm.: Beethoven hatte damals ziemliche Probleme mit Verlegern und seinem Bruder, die Arztrechnungen stapelten sich etc.). Wie einfach und vor allem abgeklärt manche Miniaturen scheinen. Als würde einer den Blick von einem anderen Universum aus auf die Erde richten und alles, was im Alltag verschlingend groß vorkommt, ist nun ganz minimal und unbedeutend. Man höre nur das „Andante con moto, Cantabile e compiacevole“ und  das darauf folgende flinke „Allegro“ aus den Bagatellen Op. 126, die das Album beschließen. Wie sehr hier unendliche Ruhe und aufgewühlteste Introspektion Rätsel eines Menschen bergen, die so nur die Musik ausdrücken und aufwerfen darf. Dem Presto wiederum ist etwas eines wilden Rittes durch vordergründige Landschaften eigen, die Seele kreist einstweilen sturmumtost in anderen Sphären. 

 

György Ligeti hat mit seinem frühen Zyklus „Musica Ricercata“ ein  Meisterwerk geschaffen, das in der expressiven Polarisierung von leisem Auftritt und mächtiger Klangentfaltung, in der kühn gedachten jedoch weitgehend tonalen Struktur, ihrer perkussiven Energie an Mussorgsky, in den folkloristischen Ursprüngen an Kodaly  erinnert. In einigen Sätzen fügt Ligeti so etwas wie ein Programm hinzu: „Tempo di Valse“ (wie ein Leierkasten), „In Memoriam Béla Bartók“ oder als „Omaggio a Girolamo Frescobaldi“. Das Nebeneinander Hören von Ligeti und Beethoven ist eine mehr als überraschende Entdeckungsfahrt, wo Einfallsreichtum, Humor, das lustvolle Auflösen der Form, das Baden in kunstreich hingeklecksten Farben und übereinander gelagerten Rhythmen wie eine frei improvisierte Jam Session wirken.

 

Herbert Schuch lässt den späten Beethoven schwebend leicht von den Fingern gleiten als wär‘s experimenteller Mozart. Bei Ligeti lässt Schuch schon mal die Krallen ausfahren, aber auch die Zeit still stehen. „Mesto, rigide e cerimoniale“ als feierlich meditative Übung steht hier ebenso auf der Kante wie das „Allegro con spirito“ irrlichternd ins Nichts rast.

 

Spätsommerlich schön, abgeklärt bis stürmisch den Atem raubend.  

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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