CD HENRY DESMAREST „CIRCÉ“ – Tragédie en musique en un prologue et cinq actes sur un livret de Louise-Geneviéve Gillot de Saintoge, crée á Paris 1694; Château de Versailles Spectacles
Weltersteinspielung aus dem Repertoire der Académie royale de musique zur Zeit Ludwig XIV.

Diese „Circe“ ist einerseits eine Oper im Fahrwasser des in der Epoche des Sonnenkönigs am Hofe allmächtigen Lully, andererseits harmonisch weiterentwickelt und durch das Libretto von Madame Saintoge doch ganz anders als die von der literarischen Symbiose mit Quinault geprägten Werke Lullys. Louise-Geneviéve Gillot de Saintoge war die erste Dramatikerin, die mit der Académie royale de musique zusammenarbeitete. In ihren drei Bühnenwerken stehen Frauen im Titel und im Interesse der Handlung: Didon, Griselda und Circé.
Letztere, Tochter der Sonne und Okeanide, war eine begehrenswert schöne Zauberin, die es nach Homer liebte, ihre ehemaligen Liebhaber in Bäume bzw. Felsen und die griechischen Gefährten von Odysseus in Schweine zu verwandeln. Außerdem schaffte sie es, Odysseus auf einer Insel festzuhalten. In der Oper von Saintoges/Desmarest verwandelt Circé die Griechen in verschiedengestaltige Monster und die Insel in einen Garten, in dem ein Fest für Liebende zelebriert wird.
Der Plot verteilt sich auf irdische, himmlische und höllische Schauplätze. So böse wie sie historisch ab Horaz und im Mittelalter dargestellt wird, ist unsere Halbgöttin, die schwarze Magierin Circé in der Oper nicht: Schließlich agiert sie nach Odysseus Willen (weil sie glaubt, er bleibt) und gibt den Griechen ihre menschliche Gestalt wieder, bevor sie sie freilässt. Sie vermasselt es, die Flucht von Odysseus und Aiolus zu verhindern. Ihren Befehl an die Dämonen, die Schiffe anzuzünden, kann Éolie mithilfe von Merkurs Blume abwenden. Diese ambivalente zweideutige liebende Frau zerstört zu Ende der Oper ihre Insel. Ein Statement.
Schon die literarische Vorlage schreit quasi nach der Oper mit dem Einsatz der gesamten Bühnenmaschinerie, Chören, Tänzen und allerlei Zaubertricks. Der Auftrag die Circé zu vertonen, ging 1694 an den 32-jährigen Desmarest, nachdem er und seine Librettistin ein Jahr zuvor mit ihrer „Didon“ äußerst erfolgreich waren. Circé wurde zwei Monate lang in ungefähr 30 Aufführungen gespielt, der Dauphin besuchte sieben davon. Dann war Schluss bis zur Wiederbelebung für diese Schallplatteneinspielung.
Dass wir nicht mehr Musik von Desmarest überliefert haben, ist seiner eigenen Leidenschaftlichkeit und seinem Draufgängertum zuzuschreiben. Der testosterongeladene Jungspund, schon erstmals verwitwet, wurde 1699 bezichtigt, seine 18-jährige schwangere Schülerin Marie-Marguerite, Tochter des Präsidenten des Steuergerichts Jacques de Saint-Gobert, entführt zu haben. Um dem Tod durch Erhängen zu entgehen, musste der als „kleine Marais“ und Nachfolger Lullys bezeichnete Götterliebling ins Exil fliehen. Zuerst nach Brüssel, wo er für Maximilian von Bayern wirkte, dann zum pfälzischen Kurfürsten nach Düsseldorf und schließlich nach Spanien, wo Desmarest von Philipp V. zum maestro de musica de la Cámara ernannt wurde. Im Juni 1706 wurde Desmarest von Herzog Leopold an den Hof von Lothringen berufen, wo er mit Marguerite bis zu seinem Tod 1741 blieb.
Cembalist und Dirigent Sébastien d’Hérin erweckt die Oper „Circé“ mit all der höfischen Pracht und zahlreichen effektvollen lautmalerischen Effekten, all den Tänzen und todbringenden Passionen zu prallem Leben. Mit dem von ihm 2006 gegründeten Originalklang-Orchester Les Nouveaux Caractères gelingt es ihm, die widerstreitenden Facetten einer unglücklich liebenden Frau, deren Kräfte immens groß sind, in barocken Klangzauber zu wandeln. Schließlich kann sie „das Gericht des Monds trüben, oder den Glanz der Sonne, ihres Vaters, durch Wolken verhängen.“ Und natürlich wird Odysseus herausgefordert: „Du wirst, Gefühlloser, durch beispielhafte Wirkungen lernen, was eine Frau kann, eine sowohl gekränkte als auch liebende.“
Circé ist eine ideale Rolle für die französische Diva Véronique Gens, die die Leidenschaften und Rachelust aufkochen lässt, mit ihrem Edel-Vibrato eher die Tragödin denn die begehrenswerte Frau bedient. Ihr Ulysses ist mit dem französischen lyrischen Tenor Mathias Vidal ein junger liebender Mann auf schwieriger Mission. Schließlich muss er ja flux nach Hause, um Penelopes Freier zu töten und in Ithaka wieder nach dem Rechten zu sehen.
In weiteren Rollen sind Caroline Mutel (Astérie), Minerve), Cécile Achille (Éolie), Romain Bockler (Polite, Phantase) und Nicolas Courjal (Elphénor) zu hören. Chorsolisten übernahmen ebenfalls zahlreiche kleinere Rollen: Cécile Granger (amour), Marie Picault (une nymphe), Pierre Derhet (Mercure), Mathieu Montagne (un amant fortuné, un Grec, un songe) und Arnaud Richard (un dieu des eaux, le grand prêtre & Phaebetor).
Eine weitere Entdeckung der kunstreichen französischen Barockoper, an der Spezialisten und Neugierige ihre Freude haben werden. Wer sich vor langen rezitativischen Passagen nicht scheut, wird durch wundersame orchestrale Finessen, schöne Stimmen und vollendeten Ziergesang reich belohnt.
Dr. Ingobert Waltenberger

