CD: Heavenly Lights Ian Bostridge, Tenor Nicolas Altstaedt, Violoncello Olli Mustonen, Klavier Alpha Chlassics, ALPHA1292
Nordische Mythen sprengen den Rahmen des Kammermusiksalons

Wer glaubt, das nordische Epos gehöre zwingend in den gewaltigen Apparat einer spätromantischen Orchesterpartitur, sieht sich beim Hören dieser Aufnahme rasch eines Besseren belehrt. Nicolas Altstaedt, Olli Mustonen und Ian Bostridge wagen auf dem Label Alpha Classics das Experiment, ein zentrales Thema der finnischen Mythologie in die denkbar intimste, aber zugleich schärfste Besetzung zu bringen: Tenor, Violoncello und Klavier. Mustonens Taivaanvalot, im Untertitel mutig als Kammer-Sinfonie bezeichnet, beschwört die Gesänge und Beschwörungen des Kalevala herauf, ohne sich in vagen Impressionismen zu verlieren. Es ist ein Naturereignis auf engstem Raum – eine Beschwörung von Licht und Finsternis, bei der man unwillkürlich den Atem anhält.
Ian Bostridge agiert in dieser Ersteinspielung der Urfassung von 2016 wie ein besessener Runensänger. Seine Stimme besetzt ja einen ganz eigenen, schneidenden, androgynen Farbraum, der keine sanfte Wohlgefälligkeit sucht, sondern die schamanische Kraft der alten Texte direkt in den Gehörgang meißelt. Er artikuliert das englische Wortmaterial mit jener messerscharfen Präzision, die man von seinen Liedinterpretationen kennt, lässt dabei jedoch eine unheimliche dramatische Entschlossenheit walten. Das ist kein schöner Gesang im klassischen Sinne, sondern deklamatorische Entäußerung. Man mag diesen eigenwilligen, bisweilen schrillen Zugriff sperrig finden – und doch trifft er das Herz dieser Musik punktgenau.
Nicolas Altstaedt entlockt seinem Instrument derweil Klänge, die wie aus Stein gehauen wirken. Da gibt es kein Glattstreichen, kein geschmackvolles Ausbalancieren zum Selbstzweck. Wenn die magische Herrin des Nordens die Sonne raubt, grollt das Celloregister bedrohlich, während Olli Mustonen am Flügel Kaskaden abfeuert, die den Hörer regelrecht anspringen. Das Trio agiert nicht wie ein braves Kammermusikensemble, sondern wie eine schicksalhafte Kampfgemeinschaft.
Diese kompromisslose Energie überträgt sich nahtlos auf die weiteren Werke der CD, die das finnische Epos mit der ungarischen Erdung Zoltán Kodálys verknüpfen. Die Gegenüberstellung ist ein stilistisch gute Entscheidung. Kodálys Sonatine von 1920 und seine Sonate für Violoncello und Klavier op. 4 spiegeln eine ganz ähnliche Suche nach der musikalischen Daseinsberechtigung im Volksgut wider. Hier zeigt das Zusammenspiel zwischen Altstaedt und Mustonen eine atemberaubende Wendigkeit. Der ungarische Tonfall wird keineswegs als Folklore missverstanden, sondern als hochexplosiver Treibstoff genutzt. Im Fantasia-Satz der Op.-4-Sonate baut Altstaedt einen monströsen Bogen auf: Das Cello ächzt unter der Last der ungarischen Schwermut, bevor es sich im anschließenden Allegro con spirito in einen rasenden Tanz stürzt. Mustonen begleitet nicht, er provoziert. Sein Klavierspiel besitzt metallische Brillanz, die selbst in den dichtesten Akkordballungen nie verklebt. Das Instrument klingt unter seinen Händen glühend und geradezu gefährlich.
Mustonens eigene Cellosonate aus dem Jahr 2006 fügt sich in dieses dramaturgische Konzept wie der fehlende Schlussstein ein. Der erste Satz Misterioso eröffnet eine Klangwelt, die von sakralen Obertönen lebt. Hier zeigt sich die ganze Stärke der Aufnahmetechnik, die den Raum großzügig ausmisst, ohne den Fokus auf die einzelnen Instrumente aufzugeben. Wenn das Cello im abschließenden Precipitato durch die Taktwechsel jagt, brechen alle Dämme. Das ist hochenergetische Kammermusik, die keine Gefangenen macht. Beide Interpreten werfen sich die Motive zu wie geschärfte Klingen, bis das Finale Con visione schließlich in einer tranceartigen Ekstase mündet.
Man kann sich dieser CD schwer entziehen, weil sie von einer selten gewordenen, bedingungslosen Hingabe getragen wird. Es gibt auf diesem Album keinen einzigen Ton, der aus Routine oder akademischer Pflicht geboren wäre. Altstaedt beweist einmal mehr, dass er zu den eigenwilligsten und packendsten Cellisten der Gegenwart gehört – weil er Risiken liebt und den sicheren Hafen des Wohlklangs ohne Zögern verlässt. Wer eine gefällige Hintergrundmusik für entspannte Abendstunden sucht, sollte um diese Veröffentlichung einen großen Bogen machen. Wer jedoch bereit ist, sich auf eine wilde, ungebändigte und zutiefst ehrliche musikalische Reise einzulassen, wird dieser Einspielung schlicht verfallen. Ein Dokument kompromissloser Gestaltungslust.
Dirk Schauß, im August 2026
Heavenly Lights
Ian Bostridge, Tenor
Nicolas Altstaedt, Violoncello
Olli Mustonen, Klavier
Alpha Chlassics, ALPHA1292

