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CD „HAYDN2032“ – Vol. 1-10, IL GIARDINO ARMONICO, KAMMERORCHESTER BASEL, dirigiert von GIOVANNI ANTONINI; alpha

26.01.2022 | cd

CD „HAYDN2032“ – Vol. 1-10, IL GIARDINO ARMONICO, KAMMERORCHESTER BASEL, dirigiert von GIOVANNI ANTONINI; alpha

Vielversprechend: Einzigartiges Haydn-Projekt mit Blick auf den 300. Geburtstag des Komponisten am 31. März 2032

mertz

„Mein Fürst war mit all meinen Arbeiten sehr zufrieden, ich erhielt Beyfall, ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt, und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen: Ich war von der Welt abgesondert. Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so musste ich original werden.“ Joseph Haydn 

Gesamtaufnahmen aller Haydn-Symphonien (ein Dirigent, ein Orchester) gibt es im Wesentlichen zwei: Diejenige unter Antal Dorati mit der Philharmonia Hungarica (DECCA) aus den 70-er Jahren und die kompletten Symphonien unter Adam Fischer mit dem Austro-Hungarian Haydn-Orchestra, die zuerst bei Nimbus, dann bei Brilliant erschienen ist. Dann gibt es „The Complete Haydn Symphonies“ als Naxos Box (34 CDs), in der Aufnahmen verschiedener Dirigenten und Orchester (Sinfonia Finlandia Jyväskylä, Northern Chamber Orchestra, Kölner Kammerorchester, Toronto Chamber Orchestra, Nicolaus Esterhazy Sinfonia, Swedish Chamber Orchestra, Capella Istropolitana, Nicholas Ward, Helmut Müller-Brühl, Patrick Gallois, Kevin Mallon, Bela Drahos, Barry Wordsworth) zu einem „Ganzen“ zusammengewürfelt sind. Unter den vielen abgebrochenen Originalklang-Zyklen möchte ich besonders zwei im Detail reizvolle und klangtechnisch sehr attraktive Anläufe hervorheben: Roy Goodman mit The Hanover Band bei hyperion/helios und Christopher Hogwood mit der Academy of Ancient Music bei L’Oiseau Lyre/DECCA.

Die nunmehrige Initiative der Joseph Haydn Stiftung Basel in Kooperation mit dem Label Alpha unter dem Titel „Haydn2032“ ist im Vergleich zu den früheren Aufnahmen aller 108 Symphonien in jeder Hinsicht ganzheitlicher und auch musikalisch konsistenter. Dies deshalb, weil der italienische Dirigent Giovanni Antonini, der mit zwei Klangkörpern arbeitet, zusätzlich zu einer enzyklopädischen Einspielung aller Symphonien Werke anderer Komponisten (u.a. Gluck, W.F. Bach, Mozart, Cimarosa, Kraus oder Bartók) bzw. Stücke aus dem Schaffen Haydns, wie Ouvertüren und Arien, mit einbezieht. Sein „Kaleidoskop der menschlichen Gefühlswelten“ macht aber nicht halt bei der Musik, sondern setzt sich auf visueller und literarischer Ebene fort. Es gibt eine Medienpartnerschaft mit der Fotoagentur Magnum Photos. Zudem bereichern zeitgenössische Schriftsteller jedes Projekt mit einem Essay, der sich mit dem jeweiligen Projekttitel auseinandersetzt. Antonini nimmt die Symphonien nämlich nicht chronologisch auf, sondern thematisch. In der ersten Box mit zehn Titeln finden sich Titel wie „La Passione“, „Solo e Pensoso“, „Il Distratto“, „L’Homme de Genie“, „Lamentatione“, „Gli Impresari“, „La Roxolana“, „L’Addio“ und „L’Heures du Jour“.

Sind die beiden erwähnten großen Gesamteinspielungen der Herren Dorati bzw. Fischer bei allen aus der Entstehungszeit heraus verständlichen Verdiensten von arg variierender künstlerischer, orchestraler und tontechnischer Qualität, ergo nicht vorbehaltlos zu empfehlen, so scheint sich mit Haydn2032 kulinarisch Großes anzubahnen. Vorausgesetzt, die beteiligten Ensembles, Dirigent und Financiers halten durch. Der fesche Italiener Giovanni Antonini mit üppig silbergrauer Mähne und ebensolchem Bart hat sich die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis schlafwandlerisch angeeignet, ohne die bärbeißigen Exzesse mancher Vorgänger zu wiederholen. Die ersten zehn Alben sind, was klare Artikulation, sprühenden Instrumentalwitz, Atmosphäre, Temperament, federnde Binnenspannung, aber auch nachdenkliche Andante und lächelndes Herz anlangt, wirklich so etwas wie das interpretatorische Summum aller bisherigen Aufnahmen. Tatsächlich sind die Aufnahmen kurzweilig, beseelt, voller frechem Humor und der greifbaren Lust an der verblüffend unerwartet gesetzten Pointe. Wir hören schön gerahmte, formvollendete Porträts von des Lebens ungeschminkter Leidenschaften als auch höfisch koketter Spiele samt gekonnt platzierter theatralischer Effekte. Die Aufnahmen müssten als Vertreiber schlechter Stimmung, sozusagen als mildes Psychopharmakon, eigentlich auf ärztliches Rezept hin erhältlich sein!

Die Klangqualität ist stupend und entspricht höchsten audiophilen Standards. 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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