Nelson Goerner lässt die Davidsbündler tanzen

Nelson Goerner am Flügel ist kein Tastentitan der alten, muskelstrotzenden Schule, sondern ein Erzähler von Gnaden. Mit einer Noblesse und Durchsichtigkeit, die man heute oft schmerzlich vermisst, verwandelt er das Instrument in ein feines Medium der Erzählung.
Für seine neue Einspielung beim Label Alpha Classics hat der Argentinier ein Programm zusammengestellt, das auf den ersten Blick wie eine bunte Mischung aus Barock, Romantik und Wiener Salon wirkt, sich bei näherem Hinhören jedoch als klug austariertes Psychogramm entpuppt. Im Zentrum stehen Robert Schumanns Davidsbündlertänze op. 6, umrahmt von Georg Friedrich Händels Chaconne HWV 435 und den opulenten Arabesken über „An der schönen blauen Donau“ von Adolf Schulz-Evler. Es ist eine Reise von struktureller Klarheit über romantische Zerrissenheit bis hin zum virtuosen Rausch des Fin de Siècle.
Den Auftakt bildet Händels Chaconne HWV 435. Ein Werk, das oft im Schatten der großen Suiten steht, erwacht hier unter Goerners Händen zu funkelndem Leben. In den Variationen entfaltet sich ein Panorama pianistischer Möglichkeiten, das der Argentinier mit kristallklarer Artikulation und durchsichtiger Polyphonie angeht. Wer glaubt, Händel auf dem modernen Konzertflügel müsse zwangsläufig schwerfällig klingen, wird eines Besseren belehrt. Goerner wahrt stets den architektonischen Überblick, lässt die Phrasen in den ruhigen Momenten weiträumig ausschwingen und findet in den Moll-Variationen eine nachdenkliche, meditative Färbung – ohne je in Sentimentalität zu verfallen. Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten, das die barocke Architektur respektiert und dennoch eine berührende Wärme ausstrahlt.
Von dieser Klarheit aus führt der Weg direkt in die innere Zerrissenheit der Romantik. Robert Schumann schrieb die Davidsbündlertänze 1837, kurz nach seiner Verlobung mit Clara Wieck, und man hört jeder Note den emotionalen Ausnahmezustand an. In diesen achtzehn Charakterstücken – aufgeteilt in zwei Bücher zu je neun Tänzen – lässt er seine beiden Alter Egos, den stürmischen Florestan und den verträumten Eusebius, abwechselnd zu Wort kommen. Goerner trifft diesen dualistischen Tonfall mit verblüffender Sicherheit. Er eröffnet den Zyklus mit fester, impulsiver Hand und arbeitet die extremen Kontraste zwischen ungeduldigem Aufbegehren und idyllischem Träumen mit großer Schärfe heraus.
Besonders beeindruckend ist, wie Goerner das Doppelbödige dieser Musik herausarbeitet. In den humoristischen Nummern schwingt bei ihm stets eine leichte Note ins Groteske oder Derbe mit – als wolle er daran erinnern, dass dieser Humor aus tiefer innerer Unruhe geboren ist. Wenn Florestan in den Nummern drei oder sechs wütet, entfaltet der Flügel eine geradezu orchestrale Wucht, nur um im nächsten Augenblick, wenn Eusebius das Wort ergreift, in eine zerbrechliche Zartheit zurückzufallen, die den Atem stocken lässt. Das Wiederkehren des Motivs „Wie aus der Ferne“ im siebzehnten Stück wirkt unter seinen Händen nicht wie ein bloßes Zitat, sondern wie der emotionale Anker eines Mannes, der zwischen höchstem Glück und psychischem Abgrund schwankt. Goerner beweist eindrucksvoll: Die Davidsbündlertänze sind vielleicht das persönlichste und aufrichtigste Dokument von Schumanns Genialität.
Zum krönenden Abschluss serviert Goerner ein Wiener Bonbon der besonders opulenten Sorte: die Arabesken über „An der schönen blauen Donau“ von Adolf Schulz-Evler. Dieses berühmte Transkriptionsstück meistert er nicht als bloße Fingerakrobatik, sondern mit echter pianistischer Eleganz. Die Einleitung fließt flirrend und impressionistisch, die Triller und Läufe in der rechten Hand glitzern wie Gischt auf dem Wasser. Sobald der berühmte Walzerrhythmus einsetzt, geschieht dies mit einer natürlichen Anmut und Wiener Leichtigkeit, die man nur bei absoluten Weltklassesolisten findet. Goerner meistert die spektakulären Kaskaden und Verzierungen mit spielerischer Souveränität – Technik wird hier vollständig in den Dienst von Charme und Freude gestellt.
Diese Live-Aufnahme fängt die ganze Bandbreite von Goerners Kunst ein. Es ist ein Plädoyer für ein musikalisches Erzählen, bei dem die Technik stets im Dienst der Aussage steht. Nelson Goerner beschwört die Geister der Vergangenheit nicht nur, er lässt sie im Hier und Jetzt lebendig tanzen.
Dirk Schauß, im April 2026
Handel, Schumann, Schulz-Evler
Nelson Goerner, Klavier
Alpha Classics, Alpha1134

