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CD HÄNDEL: ALMIRA – Gesamtaufnahme des Hamburger Opernerstlings als Ko-Produktion von Boston Early Music Festival und Radio Bremen; cpo  

24.11.2019 | cd

CD HÄNDEL: ALMIRA – Gesamtaufnahme des Hamburger Opernerstlings als Ko-Produktion von Boston Early Music Festival und Radio Bremen; cpo

 

Der 18-jährige Georg Friedrich Händel verließ Halle Richtung Hamburg, um beim damals wohl größten deutschen Opernkomponisten Reinhard Keiser als Geiger in verschiedenen Opernproduktionen wie „Claudius“, „Minerva“ oder „Salomon“ mitzuwirken. Keiser machte den junge begabten Musiker bald zu seinem Stellvertreter am Opernhaus. Hat er da schon gewusst, dass er wegen drückender Schulden nach Weißenfels fliehen müsste? Die Hamburger Produktion seiner nächsten Oper war inklusive Kostüme und Bühnenbildner schon weit fortgeschritten. Also war dringend ein junger Komponist gesucht, der auf dasselbe Libretto des Friedrich Christian Feustking rasch eine Oper schreiben konnte. Kurzum: Händel feierte sein glanzvolles Operndebüt am Hamburger Gänsemarkt 1704 gleich mit zwanzig Aufführungen am Stück.

 

Händels „Almira“ mit über 4 Stunden Netto-Spielzeit ist länger als Wagners Walküre (Furtwängler Aufnahme 1954) oder kann sich in der Aufführungsdauer mit 241,55 Minuten Spielzeit mit dem Parsifal-Mitschnitt aus Wien (Thielemann) messen. Mit 53 Arien, 51 Rezitativen, Duetten, Chören, etlichen Instrumentaleinlagen und Ballettmusiken zeigt diese prächtige Barockoper die ungeheure Hybris der Gattung im reichen Hamburg. „Almira“ ist ihrem Wesen nach eine deutsche Oper. Gesungen wird in der überwiegenden Mehrzahl der Nummern deutsch, einige Arien sind in italienischer Sprache komponiert. Das reich instrumentierte Stück vereint venezianische, französische und deutsche Stilelemente. Prunkvolle Szenen wie die Krönung der Almira, ein Ball am Hofe zugunsten des Königs von Mauretanien oder die große Prozession der Elemente im dritten Akt sollten und werden das Publikum beeindruckt haben. 

 

Die vorliegende Studioaufnahme vom Jänner/Februar 2018 ist eine Ko-Produktion des Boston Early Music Festivals – in Boston wurde die Oper 2013 szenisch aufgeführt – mit Radio Bremen. Sie schließt eine wichtige Lücke in der Händel-Diskographie, ist doch die einzige bisher verfügbare Aufnahme aus dem Jahr 1994 (ebenfalls beim Label cpo erschienen, Radio Bremen, mit Anne Monoyios in der Titelpartie unter Andrew-Lawrence King) längst vergriffen. 

 

Das universale musikalische und pragmatische Genie Händels zeigt sich nirgendwo besser als anhand dieser „Almira, Königin von Kastilien“. Wir dürfen davon ausgehen, dass Händel die vorhandenen Teile aus Reinhard Keisers Fragment als auch den Willen seines Kollegen Johann Mattheson, bei der Komposition mit Rat zur Seite zu stehen, ausgiebig genutzt hat. Händels Talent für empfindsame, unsterbliche Melodien ist hier ebenso zu bewundern wie sein handwerkliches Können. Affektgeladene wirkungsvolle Arien, bisweilen ironisch gebrochen, beißender Humor und larmoyantes Selbstmitleid gehen in dieser am besten als musikalische Komödie zu bezeichnenden Oper Hand in Hand. Die im Libretto abgegebene Bezeichnung ,Singspiel‘ gilt mangels gesprochener Texte wohl nicht. Bis zu seiner letzten Oper „Deidamia“ wird sich Händel aus seiner ersten Oper in bester Recycling Manier bedienen. Zwei von Händels populärsten Arien gehgen auf Almiras Tänze zurück: Zum Beispiel gehen „Penna tiranna“ aus „Amadigi“ und „Lascia ch‘io pianga“ aus Rinaldo aus zwei Saranbandes der Oper „Almira“ zurück. 

 

Die Vielfalt der Emotionen, die hohe Qualität der Arien („Liebliche Wälder, Fernando, 1. Akt; „Alter schadt der Torheit nicht“ Tabarco 2. Akt; „Sanerá la piaga“, Almira 3. Akt, „Der Himmel wird strafen“ Edilia 3. Akt) als auch die üppige Instrumentierung mit Streichern, Oboe, Blockflöte, Fagott, Trompeten, Schlagzeug, Theorbe, Barockgitarre ; Barockharfe, Cembalo, Viola da Gamba und Drehleier sorgen trotz der Länge der Oper für ein kurzweiliges und lustvolles Hörvergnügen. Außerdem kann – unbezahlbarer Vorteil aller Tonträger – die Oper in mehreren Teilen genossen werden. 

 

Die Aufnahme ist musikalisch ganz große Klasse. Das ist das Verdienst der Alten Musik und Lautenisten-Legenden Paul O‘Dette und Stephen Stubbs als musikalische Leiter des exzellenten Barock Music Early Festival Orchestra sowie einer rundum sehr guten Besetzung ohne Schwachstelle: Emöke Baráth (Almira), Amanda Forsythe (Edilia), Colin Balzer (Fernando), Christian Immler ( Consalvo), Zachary Wilder (Osman), Jesse Blumberg (Raymondo), Teresa Wakim (Bellante) und Jan Kobow (Tabarco) lassen die abstrus verschlungene Handlung um Heiratspolitik, opportunistische Verehrer, Eifersucht, Intrigen sonder Zahl, die Liebe der Königin zu einem feschen Waisenjüngling samt Happy End mit prallem Theatergeist, ungezügelter Spiellaune und klanglich schönen Stimmen aufleben. Die Tonqualität genügt höchsten audiophilen Ansprüchen. Für Freunde von Barockopern eine unverzichtbare Neuerscheinung.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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