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CD GUSTAV MAHLER: SYMPHONIE Nr. 3 in d-Moll, Royal Philharmonic Orchestra unter VASILY PETRENKO – Live-Mitschnitt vom 27.4.2023 aus der Royal Albert Hall London, harmonia mundi

01.07.2026 | cd

CD GUSTAV MAHLER: SYMPHONIE Nr. 3 in d-Moll, Royal Philharmonic Orchestra unter VASILY PETRENKO – Live-Mitschnitt vom 27.4.2023 aus der Royal Albert Hall London, harmonia mundi

Kühne musikalische Architekturen zwischen archaischen Naturgewalten und geheimnisvoll berührendem Liebesmysterium

„Vater, sieh an die Wunden mein! Kein Wesen lass verloren sein!“ Überschrift der ersten Seite des Finales

walt

Vasily Petrenko ist ein cooler, schlagtechnisch vorzüglicher Dirigent, ein ausgezeichneter Analytiker und futuristisch denkender Baumeister komplexer symphonischer Strukturen. Der nun bei harmonia mundi erschienene Live-Mitschnitt der gewaltigen dritten Symphonie Gustav Mahlers katapultiert den Platten Mahler-Neuling in die oberste Liga der jüngeren Mahler Interpreten. Er weist ihm und dem Royal Philharmonic Orchestra (RPO) auch bei historischer Betrachtung einen festen Platz unter den legendären Lesarten zu.

Was mich einnimmt an dieser das graniten Monumentale entschieden Schmiedende von Pans Erwachen bis in die paradiesisch gesteigerte Lust sich Aufschwingende (Liebestod, Erlösung?) – eine künstlerische Apotheose des überschäumenden Verliebtsein Mahlers in die Sopranistin Anna von Mildenburg – sind Petrenkos Klarheit in den großen Spannungsbögen und die stimmigen klanglichen Proportionen, die unsentimentale Disposition.

In diesen Schöpfungs-Rohbau hängt Vasily Petrenko alle großen und kleinen Facetten der programmatischen Erzählung des Komponisten. Als da explizit genannt wären Stimmen über den Sommer, die Felsen, die Blumen, die Tiere, Mensch, Engel und (göttliche) Liebe.

Der Dirigent entschlüsselt in stets lockerer Zwiesprache mit dem Publikum Mahlers teils skurril-humoriges, immer jedoch so humanistisches Verständnis von der „wimmelnden Fülle des Lebens“, dem Respekt gegenüber der Natur, der Erde und allen Wesen, die sie bevölkern. Der 36-jährige Gustav Mahler hat das Werk 1896 in seinem Komponierhäuschen in Steinbach am Attersee, inmitten der prächtigen Natur des österreichischen Salzkammerguts, vollendet.

Petrenko nimmt des jungen Mahlers klangliche Kosmologie des Menschseins in einer pantheistisch utopischen Betrachtung und einem allumfassenden Begriff von Leben nicht zum Anlass, den bereits reichlich ausformulierten Emotionen und erhabenen bis trolligen Gedanken noch zusätzliche via subjektive Überhöhung hinzuzufügen.

Vielmehr organisiert Vasily Petrenko völlig organisch den Ablauf der aufeinander bauenden und bezogenen fünf Sätze bei wundersam ins Gesamte sich einpassenden Beiträge der einzelnen Instrumente. Obschon es sicher klanglich opulentere und dynamisch weiter gespannte Aufnahmen gibt, lassen nur die wenigsten die stilistisch heterogene Musik derart natürlich strömen. Einen erratischen Block neben den anderen zu setzen, spielt es bei Vasily Petrneko nicht.

Ewigkeit als Wiederkehr: Selbstverständlich umarmen Mahler und die Ausführenden der vorliegenden Publikation bei aller strukturellen Geradlinigkeit der Wiedergabe ihr Publikum vielleicht nicht heroisch wie Beethoven, sondern zart behutsam, im Wissen um die mystische Dialektik von „Tag und Nacht, Schmerz und Freude, Vergehen und ewigem Leben.“ (Constantin Floros). Weniger schweißtriefend als Leonard Bernstein, aber mit genauso inniger bis tröstlicher Zuwendung.

Mitgefühl, Liebe, Erlösung sind einander bedingende Postulate in Richard Wagners „Parsifal“, aber auch Appelle in Mahlers dritter Symphonie, mit den Segnungen der Schöpfung und Ressourcen, im Endeffekt also Bitten an jedes Individuum, mit sich selbst pfleglich umzugehen. In Vasily Petrenkos final einfühlsamer und poetisch, aber nicht überschwänglich angestimmten, von einer friedlichen Einkehr träumenden bzw. sie ersehnenden Wiedergabe wird diese Message in moderner und eindringlicher, wenngleich unaufdringlich nobler Weise aus sich heraus verständlich.

Hanna Hipps üppiger Mezzosopran vermittelt im berühmten „Mitternachtslied“ (‚O Mensch! Gib Acht!‘) urmütterliche Fraulichkeit. Ich hätte mir für die langgezogenen meditativen Kantilenen aber eine weniger vibratoreiche, ruhiger geführte Stimme gewünscht. Der Philharmonia Chorus und Tiffin Boys Choir lassen die gehörige Portion kecker Ausgelassenheit in ihrem Engelglocken ‚bimm, bamm, bimm, bamm….‘ flott vom Zaun.

Das Royal Philharmonic Orchestra, als dessen Music Director Vasily Petrenko seit 2021 fungiert, verfügt über keine ausgeprägte Mahler-Tradition. Die Stärke des Orchesters liegt nicht so sehr in einem luxuriösen Streicherklang à la Wiener Philharmoniker, sondern in der bernsteinfarbenen Wärme der Blechbläser und einem charakterstarken Holz. Infolge Petrenkos gezielter künstlerischer Aufbauarbeit ist von einem höchst disziplinierten Klangkörper, einem zutiefst ausbalancierten Orchesterklang, nicht zuletzt einer gefühlvollen, nie gefühligen, und schon gar nicht effektheischend kommunizierenden Klangrede zu berichten.

Wenn man sich die Konzertprogramme V. Petrenkos der letzten Jahre und der nahen Zukunft ansieht, so ist auffällig viel Mahler zu finden. So gab es im März dieses Jahres mit dem RPO Mahlers „Sechste“ ebenfalls in der Royal Albert Hall, im April 2027 ist Mahlers „Auferstehungssymphonie“ dran, um nur einige zu nennen. Wie man hört, soll die Mahler-Erkundung mit Vasily Petrenko und dem RPO bei harmonia mundi ihre Fortsetzung finden. Sehr erfreulich, auch im Sinne einer künstlerischen Antithese zu Semyon Bychkovs klangverliebten, einen schweren romantischen Mischsound bevorzugenden Mahler-Zyklus mit der Tschechischen Philharmonie.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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