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CD: Gustav Mahler Sinfonie Nr. 5 Mahler Academy Orchestra Philipp von Steinaecker, musikalische Leitung Alpha Classics, Alpha 1257

28.08.2026 | cd

Wiener Bläser ohne Schnörkel fordern das gewohnte Mahler-Bild heraus

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Ein schriller Aufschrei der Trompete eröffnet den Trauermarsch. Wer hier das gewohnte, schwere Fundament eines modernen Spitzenorchesters erwartet, reibt sich verwundert die Ohren. Philipp von Steinaecker und sein Mahler Academy Orchestra legen bei Alpha Classics die fünfte Sinfonie auf den Tisch – eingespielt auf mühsam zusammengesuchten Instrumenten der Wiener Philharmoniker um die Jahrhundertwende. Darmssaiten, Holzdämpfer, drastisch reduziertes Vibrato der Bläser und die akribisch restaurierte Urtextausgabe von Breitkopf & Härtel. Das Ergebnis ist keine sentimentale Museumsschau, sondern eine schonungslose, phasenweise verstörende Klangkur.

Wer Mahler mit breitbeiniger Blech-Apotheose und massivem Bass-Fundament verwechselt, wird enttäuscht. Hier fehlt schlicht die gewohnte Masse. Die große Trommel bleibt ein dezentes, scheues Begleitgeräusch, die Becken scheppern ungewohnt hell, den Streichern mangelt es an jener samtenen Opulenz, die Tennstedt oder Bernstein einst in die Gehörgänge brannten. Stattdessen regiert eine gläserne Transparenz, die den orchestralen Unterbau wie ein anatomisches Präparat offenlegt. Holz und Streicher rücken nah zusammen, das schlanke Blech lotet die Grenzen des physisch Machbaren aus. Das fordert Tribut: An manchen Stellen wirkt dieser Klang schutzlos, meilenweit entfernt von modernem Luxuskomfort.

Diese Schroffheit ist kein Selbstzweck. Steinaecker sucht den historischen Geist nicht allein im Instrumentarium, sondern in den Gesten einer vergangenen Epoche. Er bedient sich großzügig bei Willem Mengelbergs partiturgetränkten Überlieferungen, schwelgt in ausgeprägten Portamenti und wagt ein derart freies Rubato, dass die rhythmische Architektur mitunter ins Wanken gerät. Im gewaltigen Scherzo, dem zentralen Dreh- und Angelpunkt, zeigt sich das besonders plastisch. Das obligate Solohorn tritt hervor wie in einem Solistenkonzert – doch wo man sonst geschmeidige, makellos gerundete Phrasen hört, artikuliert das historische Instrument spitz, stakkatoartig, sperrig. Dieser Tanz am Rande des Abgrunds verliert jede süßliche Gemütlichkeit. Er wird zum bitteren, skelettierten Groteskspiel.

Dass die Fünfte nicht als dunkles Schicksalsdrama endet, verdankt sie Mahlers Neuanfang im Sommer 1901. Nach einer lebensbedrohlichen Notoperation, gequält von Todesängsten, fand er im Abgeschiedenen Zuflucht und begegnete kurz darauf Alma Schindler. Das berühmte Adagietto, oft zum tränenreichen Kitschstück degradiert, erfährt unter Steinaecker eine bemerkenswerte Heilung. Gut neun Minuten Spielzeit nehmen dem Satz jegliche falsche Tragik. Die Darmsaiten weinen nicht, sie seufzen diskret. Der Mittelteil wirkt nicht wie eine philosophische Behauptung, sondern wie eine feine, scheue Liebeserklärung im Vorbeigehen. Man hört die nackte, vibrierende Struktur der Streicher – frei von modernem Dauervibrato –, und genau das verleiht dem Satz seine eigenartige, spröde Intimität.

Das Rondo-Finale saust mit luftiger Leichtigkeit dahin. Die Bach-geschulten Fugenpassagen wirken keineswegs akademisch trocken, sondern besitzen den ungestümen Drang eines Frühlingsausbruchs. In diesen Momenten zeigt das Orchester – eine Mischung aus Nachwuchsmusikern der Bozener Akademie und erfahrenen Kräften europäischer Spitzenklangkörper – beeindruckende Wendigkeit. Man spürt die Lust am Experiment, das unbedingte Wollen, Mahler vom Staub der Rezeptionsgeschichte zu befreien. Dennoch bleibt die Frage, ob jede rhythmische Eigenwilligkeit zwingend logisch erscheint. Gerade in der Schlusscoda wirkt das plötzlich angezogene Tempo eher wie eine kalkulierte Kapriole als wie ein organisch gewachsener Ausbruch.

Man muss diese CD keineswegs bedingungslos lieben, um ihren Wert zu erkennen. Sie ist ein hochinteressanter, mutiger Gegenentwurf zur polierten Perfektion heutiger Studio-Standards. Wer den gewohnten orchestralen Druck sucht, wird diese siebzig Minuten als zu leichtgewichtig empfinden. Wer sich jedoch darauf einlässt, den Blick auf Mahlers Meisterwerk neu zu schärfen, wird belohnt. Ein Hörvergnügen für wache Ohren – für jene, die bereit sind, liebgewonnene Hörgewohnheiten über Bord zu werfen und der historischen Wahrheit ein Stück näher zu rücken.

Dirk Schauß, im August 2026

 

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 5

Mahler Academy Orchestra

Philipp von Steinaecker, musikalische Leitung

Alpha Classics, Alpha 1257

 

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