CD: Gustav Mahler Sinfonie Nr. 5 cis-moll Grand Teton Music Festival Orchestra Sir Donald Runnicles, musikalische Leitung Reference Recordings FR-763 SACD
Sir Donald Runnicles wahrt die Form

Man darf sich durchaus fragen, warum das CD-Regal ausgerechnet noch eine weitere Einspielung von Gustav Mahlers fünfter Sinfonie braucht. Die Kataloge quellen über von Deutungen, die entweder in analytischer Kälte erstarren oder im emotionalen Exzess baden, als gelte es, die Welt im Alleingang zu retten. Genau hier liegt die Daseinsberechtigung dieser Neuerscheinung aus den Rocky Mountains: Sir Donald Runnicles wählt den Weg der goldenen Mitte – ohne jemals ins Unverbindliche abzugleiten. In einer Zeit, in der Dirigenten oft zur Übertreibung neigen, um überhaupt noch aufzufallen, wirkt diese Aufnahme des Grand Teton Music Festival Orchestra wie eine wohltuende Insel der klanglichen Vernunft und strukturellen Klarheit.
In Jackson Hole, Wyoming, hat Runnicles über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg ein Ensemble geformt, das die Disziplin der großen amerikanischen Orchester mit europäischer Gelassenheit verbindet. Mahler, der seine Fünfte während der Sommerfrische am Wörthersee skizzierte, hätte in dieser Atmosphäre konzentrierter Entspannung vermutlich einen verwandten Geist erkannt. Der Trauermarsch zu Beginn kommt ohne falsches Pathos aus. Thomas Hooten setzt das einleitende Trompetensignal mit einer Nüchternheit, die dem Schrecken mehr Gewicht verleiht als jedes theatralische Schluchzen. Runnicles hält die Zügel fest in der Hand: Er lässt das Orchester wüten, wo die Partitur es verlangt, behält aber stets die architektonische Kontrolle über die gewaltigen Klangmassen. Das ist Mahler ohne Schaum vorm Mund – eine Interpretation, die auf die innere Kraft der Partitur vertraut, statt sie durch interpretatorische Mätzchen aufzupeppen.
Besonders im zweiten Satz zeigt sich dieser Ansatz der Balance. Wo andere im „Stürmisch bewegt“ den musikalischen Zusammenhalt opfern, bewahrt Runnicles die Übersicht. Die Schroffheit der Ausbrüche wird nicht geglättet, wirkt aber auch nie selbstzweckhaft. Die Musiker – Spitzenkräfte von Chicago bis Berlin, die sich allsommerlich in Wyoming versammeln – agieren mit einer Präzision, die jede Nebenstimme hörbar macht. Das ist kein Zufallsprodukt einer Urlaubslaune, sondern das Ergebnis langjähriger Vertrautheit zwischen Dirigent und Klangkörper.
Das berühmte Adagietto, oft zum kitschigen Soundtrack für Melancholiker missbraucht, gewinnt unter Runnicles seine Würde zurück. Er verweigert sich dem zähen Dahinschleichen und setzt stattdessen auf einen natürlichen, organischen Fluss von ca. zehn Minuten Spielzeit. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Fein.
Hier kommt die fabelhafte Arbeit der Toningenieure von Reference Recordings ins Spiel. Das Label setzt seit Jahren klangliche Maßstäbe, doch bei dieser Produktion haben sie sich selbst übertroffen. Die Akustik der Walk Festival Hall ist mit solcher Sorgfalt eingefangen, dass der Hörer eine plastische, räumliche Bühne direkt ins Wohnzimmer gestellt bekommt. Man spürt die physische Präsenz der Instrumente, ohne dass sie künstlich nach vorne gerückt wirken: das dezente Rasseln der kleinen Trommeln im Hintergrund, das punktgenaue Fundament der Kontrabässe, das sanfte Zurückweichen der Celli im Diminuendo – alles atmet Natürlichkeit.
Produzent Vic Muenzer und sein Team haben ganze Arbeit geleistet. Die Staffelung des Orchesters ist so präzise, dass man die Position jedes Musikers beinahe mit dem Finger nachzeichnen könnte. Wenn das Blech mit Macht zuschlägt, bleibt der Klang dennoch transparent und frei von jener digitalen Härte, die so manche Mahler-Aufnahme ungenießbar macht. Die Streicher entfalten einen warmen, edlen Glanz, der selbst im leisesten Pianissimo Substanz behält. Jedes Harfenzupfen im Adagietto bleibt glasklar definiert, eingebettet in ein Klangfeld von beeindruckender Räumlichkeit.
Im abschließenden Rondo-Finale beweist das Ensemble schließlich seine ganze Klasse. Die kontrapunktischen Verflechtungen werden mit einer Spielfreude serviert, die an die besten Zeiten der großen US-Orchestertradition erinnert. Runnicles lässt die Zügel am Ende etwas lockerer, verliert aber nie die Kontrolle über das Tempo. Er peitscht das Orchester nicht in hysterische Ekstase, sondern führt es mit souveräner Geste in ein strahlendes, triumphales Finale.
Diese Aufnahme ist ein Plädoyer für einen Mahler, der seine Kraft aus innerer Logik und klanglicher Vollendung bezieht. Wer die Fünfte in ihrer ganzen Pracht hören möchte, ohne von interpretatorischen Extravaganzen abgelenkt zu werden, kommt an dieser audiophilen Kostbarkeit aus Wyoming nicht vorbei. Es ist eine Einspielung für Kenner, die das Detail im Großen suchen und den kontrollierten Rausch dem bloßen Lärm vorziehen.
Dirk Schauß, im April 2026
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 5 cis-moll
Grand Teton Music Festival Orchestra
Sir Donald Runnicles, musikalische Leitung
Reference Recordings, FR-763 SACD

