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CD: Gustav Mahler Sinfonie Nr. 2 Louise Alder, Sopran Beth Taylor, Mezzosopran Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Sir Simon Rattle, musikalische Leitung BR Klassik, 900240

01.10.2026 | cd

CD: Gustav Mahler Sinfonie Nr. 2 Louise Alder, Sopran Beth Taylor, Mezzosopran Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Sir Simon Rattle, musikalische Leitung BR Klassik, 900240

Mahler mit Risiko – Sir Simon Rattle und die Zweite in der Isarphilharmonie

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Wer Sir Simon Rattle in den letzten Jahrzehnten am Pult erlebt hat, konnte manchmal den Eindruck haben, er stehe wie ein geduldiger Restaurator vor einer alten Partitur und löse behutsam Schicht um Schicht ab. Bei Gustav Mahler war das nie nur handwerkliche Sorgfalt. Hier ging es immer um mehr: um die großen Fragen nach Leben und Tod, um jene abgründige Sehnsucht, die das Fin de Siècle so schmerzhaft und zugleich so anziehend macht.

Nun liegt seine Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vor – mitgeschnitten im März 2026 in der Isarphilharmonie. Ein Abend, der einen nicht loslässt. Manchmal irritiert er, oft berührt er tief, und am Ende hinterlässt er das seltene Gefühl, Zeuge eines echten Wagnisses gewesen zu sein.

Dieses Orchester kennt Mahler in- und auswendig. Die Namen Kubelík, Maazel, Jansons und Haitink liegen wie unsichtbare Schichten unter dem Klang. Wer deshalb befürchtet hatte, Rattle würde nur noch polieren, was längst vertraut ist, wird schon in den ersten Takten eines Besseren belehrt. Der Einsatz der tiefen Streicher hat etwas Schroffes, Unerbittliches. Kein diplomatisches Abfedern, keine wohlklingende Glätte. Mahler wollte hier eine Totenfeier – und Rattle nimmt ihn beim Wort.

Die Isarphilharmonie, die manchen wegen ihrer Trockenheit immer noch suspekt ist, erweist sich als Glücksfall. Selbst in den dichtesten Momenten bleibt alles durchsichtig. Nebenstimmen, die sonst im Nachhall verschwinden, treten plötzlich klar hervor. Man hört genauer hin, als man es gewohnt ist.

Im zweiten Satz wird es dann merkwürdig persönlich. Rattle lässt das Orchester an der Grenze zur Manieriertheit entlanggehen: gestreichelt, verzögert innegehalten, bevor der Ländler weiterhinkt. Manche werden die Stirn runzeln. Andere spüren genau darin die Zerbrechlichkeit, die in diesem Satz steckt. Der dritte Satz rast anschließend mit einem Zynismus dahin, der einem den Atem nimmt. Das Orchester folgt mit einer Präzision, die selbst dann noch hält, wenn der Zusammenhalt für Sekundenbruchteile wackelt. Das ist kein Fehler. Das ist gelebtes Risiko.

Dann kommt das Urlicht.

Beth Taylor tritt vor, und plötzlich ist alles still. Kein akademisches Deklamieren, kein korrektes Abarbeiten des Textes. Ihr Mezzosopran hat etwas Dunkles, Mystisches, als käme er aus einer ganz anderen Welt. Mit einem langen Atem spinnt sie die Phrasen, und man hält unwillkürlich den eigenen Atem an. Man hört einfach nur zu – und ist berührt.

Das Finale entfaltet dann jene Größe, derentwegen man diese Sinfonie liebt. Die Bläser des Bayerischen Rundfunks spielen mit einer Sicherheit und Schönheit, die beeindruckt: die Hörnerrufe, die entfernten Trompeten, die Oboe mit ihren beinahe zärtlichen Linien. Die wuchtigen Schlagzeuger entfallen an vielen Stellen ihr druckvolles Spiel in aller Farbigkeit. Und dann der Chor der Bayerischen Rundfunks! Aus absoluter Stille wächst das „Auferstehn“ heran – so leise, so konzentriert, dass man den eigenen Herzschlag zu hören meint. Als Louise Alder dazutritt, wird der Klang licht und weit, ohne jemals forciert zu wirken. Am Ende steht kein lauter Triumph, sondern etwas, das sich langsam und unaufhaltsam aufbaut.

Ist das die große Mahler-Zweite unserer Zeit? Wahrscheinlich gibt es die gar nicht. Wer den architektonischen Ernst eines Klemperer oder die hemmungslose Tragik eines Bernstein sucht, wird hier vielleicht nicht fündig. Auch die analytische Akustik der Isarphilharmonie mag dem einen oder anderen zu nüchtern erscheinen.

Aber Rattle schenkt etwas anderes: einen Mahler voller Reibung und Risiko, der nicht zur Denkmalpflege einlädt, sondern zum Mitgehen. Man spürt, dass an diesem Abend niemand auf Nummer sicher gespielt hat. Und genau das bleibt hängen – lange nachdem der letzte Akkord verklungen ist.

Dirk Schauß, im September 2026

 

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 2

Louise Alder, Sopran

Beth Taylor, Mezzosopran

Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Sir Simon Rattle, musikalische Leitung

BR Klassik, 900240

 

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