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CD GUSTAV MAHLER: 4. Symphonie – LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA, VLADIMIR JUROWSKI; LPO

28.01.2020 | cd

CD GUSTAV MAHLER: 4. Symphonie – LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA, VLADIMIR JUROWSKI; LPO

 

„Cäcilia mit ihren Verwandten sind treffliche Hofmusikanten! Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen! Dass alles für Freuden erwacht.“ Aus „Des Knaben Wunderhorn“

 

Was ist das Schöne und Spannende an so manchem russischen Dirigenten und Interpreten von klassischer Musik. Sie lassen sich nicht leicht „einkasteln“ in Kategorien wie intellektuell sezierend, instinktiv oder emotional klangversessen. Kaum glaubt man, einen unserer musikalischen Lieblinge am Krawattl erwischt zu haben und in eine Schublade stecken zu können, entwischt er wieder. Genau so ein Fall ist der faszinierende Dirigent Vladimir Jurowski. Bei Mahlers Vierter, live während eines Konzerts in der Royal Festival Hall London am 12.10.2016 mitgeschnitten, mit dem erstklassigen Londoner Philharmonikern legt der in Moskau geborene Pultmagier einen detailversessenen, das Konzertierende der  Instrumente betonenden Start hin. Holzbläser und Glocken, eine schlichte Melodie, Mahler in Mozart Perücke.

 

Die folkloristischen Wunderhorn-Zitate erklingen wie in einem schalkhaft labyrinthischen Spiegelkabinett. Da winkt der klassizistische Stravinsky, im nächsten Moment dreht der rubatoverliebte Dirigent in die Vollen und zelebriert ein großes spätromantisches Fest. Die Violinen dürfen mit diebischer Freude Portamenti auskosten. 

 

Diese extremen Kontraste, die Jurowskis Musizieren so unvergleichlich intensiv und lebendig machen, sind eingebettet in einen großen Spannungsbogen, der nicht nur den dritten Satz zum Ereignis werden lässt. Dazu gehört, sich Zeit zu nehmen für die hellen lichten überschwänglichen Visionen der Kindheit, für ihre dunklen Ängste und im nächsten Moment himmlisch unbeschwerten Freuden. Da pfeifen die Jungen ihren Übermut in den Wind, Freund Hain suggeriert einen bukolischen Frieden. Auf dem Grabstein inspiriert ein in ewige Ruhe Eingegangener, die Arme über der Brust gefaltet, die Violinen zu einem ganz besonderen letzten Tanz.

 

Sofia Fomina als Sopransolistin ist für das paradiesische Leben zuständig: „Gut Kräuter von allerhand Arten, die wachsen im himmlischen Garten! Gut Spargel, Fisolen, und was wir wollen! Ganze Schüsseln voll sind uns bereit!“ Oboe und Horn geben erschreckt angstvolle Laute von sich. Ja, auch das Paradies hat seine Tücken, je nachdem von welcher Warte aus betrachtet: „Sankt Lucas den Ochsen tät schlachten ohn‘ eing‘s Bedenken und Achten.“ Die Symphonie endet in abschwellenden Harfenklängen.

 

Das London Philharmonic Orchestra begeistert in dieser modernen Lesart mit einer überragenden Klangkultur. Der ganze Mahler‘sche Kosmos überwindet die Entfernung Moskau-London im Nu, er kennt keine politischen Grenzen, aber alle humorvollen Seiten und Abgründe unseres Daseins. Vladimir Jurowski gelingt eine einzigartige unter die Haut gehende Interpretation, wo Analytisches sich mit böhmischem Jauchzen, scheinbar unschuldig Zartes sich mit grotesk winkenden Gestalten verlobt. Schlicht märchenhaft!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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