CD GRAND TOUR – Das Freiburger Barockorchester und Gottfried von der Goltz spielten Werke von FISCHER, PEZ, KUSSER, J. S. BACH, TELEMANN und J. L. BACH; aparte
Europäische Stilvielfalt in deutschen Landen: Französisch höfische Tanzeleganz, italienisches Concertare und deutscher Kontrapunkt

Matthias Claudius wusste in seinem berühmten Gedicht „Urians Reise um die Welt“ um den Wert des Reisens an sich, die Erweiterung von Erfahrung, Horizont, schlicht um die anregende Wirkung eines Ortswechsels. Ich weiß zwar nicht, mit welchen Verkehrsmitteln die Musikerinnen und Musiker des Freiburger Barockorchesters ihre Tourneen absolvieren. Die Hauptziele ihrer Konzerte waren aber und sind über die Jahre hinweg immer wieder Stuttgart und Berlin.
Da hat sich dann jemand wahrscheinlich beim Hinausschauen aus dem Zugfenster gedacht, gut, jetzt will ich aber wissen, welchen Komponisten man auf dieser Strecke vom äußersten Südwesten in die heutige Hauptstadt im frühen 18. Jahrhundert wohl begegnet wäre. Als Stationen boten sich nach eifriger Forschung und wohlüberlegter Auswahl Rastatt, Stuttgart, Ansbach, Meinigen und Eisenach an.
In Rastatt stoßen wir imaginär auf Johann Caspar Ferdinand Fischer, dessen sechssätzig beschwingte Suite in d-Moll., Op. 1, Nr. 4 aus der Sammlung „Le journal du Printemps“ entnommen ist. Der Satzanordnung (Ouvertüre, Entree, Rondeau, Gavotte, Menuet und Passacaille) und der fünfstimmigen Besetzung nach könnte Fischer Jean-Baptiste Lully auch in Sachen Instrumentierung nachgeeifert haben, obwohl nicht belegt ist, dass er dessen Schüler war. Auf jeden Fall begeistern die jedes Tanzbein lockernden französischen Rhythmen bei angenehm aufgerauter Wiedergabe des live im Freiburger Konzerthaus am 10.1.2025 aufgenommenen Programms.
In Stuttgart wirkte der Münchner Johann Christoph Pez ab 1707 als Oberkapellmeister. Seine Laufbahn führte ihn von München – Kurfürst Max Emanuel von Bayern finanzierte dem begabten Musiker eine mehrjährige Studienreise nach Rom – nach Köln, Lüttich Düsseldorf und wieder nach München, bevor er als Nachfolger von Johann Sigismund Kusser zum Hofkapellmeister avancierte. Von ihm ist auf dem Album das italienisch zitronenvanillesinnliche, klanglich reizvolle, im Wechselbad von Streichern und Soloflöten konzertierende siebensätzige Concerto Pastorale zu hören.
Beim aus Bratislava stammenden Johann Sigismund Kusser dürfte der französische Geschmack am stärksten durchgeschlagen haben. Die Ouvertüre in g-Moll (aus der Sammlung „Apollon enjoué“) samt den Sätzen Les Chimères, Les Vents, Gavotte, Menuets, Gigue und Échos ist wegen ihrer galanten Originalität und der onomatopoetisch gefärbten Programmatik mein erklärtes Lieblingsstück des Albums. Wenn man es nicht besser wüsste, wo die Musik herkommt, würde man bei einem Ratespiel sicher fesch danebenliegen. Kein Wunder, war Kusser bei Lully in Ausbildung und ein wohl gelehriger Adept. Seine knallbunte Laufbahn führte ihn nach Baden-Baden, Ansbach, München, Bologna, London und Dublin.
Johann Ludwig Bach, ein weitschichtig Verwandter von Johann Sebastian Bach, war am Zenit seiner Laufbahn Leiter der Meininger Hofkapelle. Als Komponist war er auf das Verfassen geistlicher Vokalmusik konzentriert. Auf dem Album ist er mit einer seiner nur zwei (erhaltenen) Instrumentalwerke vertreten, und zwar mit der Ouvertüre in G-Dur vom Februar 1715. Wie Martin Bail anmerkt, „verbindet sie italienische Streichervirtuosität mit feinsinnigem Kontrapunkt deutscher Tradition.“
Im Schlussspurt des Albums treffen wir auf das Concerto für Flöte und Violine in e-Moll von Georg Philipp Telemann, der zur Zeit der Komposition in Eisenach mit der Gründung einer Hofkapelle beauftragt war. Johann Ludwig Bach begegnete in Eisenach aber nicht nur Telemann, sondern auch dem in Weimar stationierten J.S. Bach. Je näher wir Berlin kommen, desto weiter entfernen sich die Haupt-Bezugspunkte der Reise. Bach soll 1718 nach Berlin gereist sein, um sich ein neues Cembalo anzuschaffen. Da lernte er den Markgrafen Christian Ludwig kennen, dem er die sechs Brandenburgischen Konzerte widmete. Das Konzert Nr. 2 in F-Dur BWV 1047 lässt unsere Grand Tour mit Streichern, Blockflöte, Oboe und Trompeten würdig ausklingen.
Das auf Originalinstrumenten aufspielende Freiburger Barockorchester unter der tänzerisch anregenden, temporeichen wie klangopulenten Leitung von Gottfried von der Goltz weiß aus allen Stücken die zündendsten Funken zu schlagen. Den Hörer erwartet eine appetitlich gedeckte Tafel an barocker Feierlaune. Der fröhlich vogelzwitschernden Soloflötistin Isabel Lehman sei ein Sonderlob ausgesprochen. Das Gute an dem Album ist überdies, dass man eine Fahrkarte von Freiburg nach Berlin gelöst hat und die vergnüglichen klanglichen Abstecher nach Paris, Venedig und Rom gratis dazu bekommt.
Dr. Ingobert Waltenberger

