CD „GOLDEN AGE“- LAWRENCE BROWNLEE und ERIN MORLEY singen Arien und Duette von Rossini, Donizetti, Verdi, Delibes und Bizet; Pentatone
Hommage an die Schönheit und unendlichen Ausdrucksnuancen der menschlichen Singstimme

Bei Youtube kann in zwei Folgen „How to sing Bel Canto“ den Gedanken von Joan Sutherland, Marilyn Horne, Luciano Pavarotti und Richard Bonynge zu den Wundern von Gesangstechnik, Reifezeiten, Timbre und den stilistischen Geheimnissen des Belcantos in entspannter Salon-Atmosphäre bei Tee und Scones gelauscht werden. Daran musste ich denken, als ich das vorliegende Album hörte.
Die US-amerikanische Koloratursopranistin Erin Morley und der lyrische Tenor Lawrence Brownlee wollen mit ihrer Auswahl italienischen Komponisten und solchen Opern französischer Tonsetzer huldigen, die auf vokale Linien, Phrasierung, Koloraturglanz, stratosphärische Spitzentöne, glühende Romantik, die Qualität des Tons und Ausdruck besonderen Wert legen.
Obwohl Rossini schon 1858 beklagte, dass die Kunst des Belcantos verloren gegangen sei und tatsächlich die Zeit solcher gigantischer Diven und Tenorweltsuperstars wie die oben genannten vorbei ist, dürfen wir anhand des vorliegenden Albums erfreulicherweise festhalten, dass sich der Schwan aus Pesaro, zumindest was den Fortbestand qualitätsvoller Interpretationen anlangt, offensichtlich irrte.
Das Album startet leichtfedrig und beschwingt mit dem Liebesduett Marie-Tonio aus dem ersten Akt von Donizettis „La fille du régiment“ sowie dem Duett Countess Adèle-Count Ory aus Rossinis komischer Oper „Le comte Ory“. Der intensive Vortrag der beiden Koloratur-Paradiesstimmen nimmt sofort durch eine glasklare Diktion, ein wunderbares Französisch sowie technische Reife und Stilkundigkeit ein.
Larry Brownlee begeistert nicht nur in der magisch schönen Arie des Nadir ‚Á cette voix quel trouble… Je crois entendre encore‘ aus Bizets „Les pêcheurs de püerles“ oder der teuflisch anspruchsvollen Arie des Fernando ‚Di mia patria a bel soggiorno‘ aus Donizettis „Marino Faliero“ mit seinem luxuriösen, sofort wiedererkennbaren Timbre (eines der schönsten und seidig-abgerundesten eines tenore di grazia bzw. im lyrischen Tenorfach überhaupt), dem schillernden Einsatz von Farben, der meisterhaft legierten voix mixte, seinen gloriosen Piani, den fantastischen, bei aller Präsenz und Kraft stets völlig freien, gut gedeckten Spitzentönen und einem seelenruhig geführten Legato.
Gibt Lawrence Brownlee den unwiderstehlichen schwärmerischen Lover, so stellt Erin Morley mit ihrem herbfrischen, wiedererkennungsmäßig jedoch weniger ausgeprägten Stimmcharakter den passenden, keck flirtenden Widerpart dazu dar. Morley überzeugt mit fliegenden Läufen, spielerisch erreichten Akuti, gestochenen Koloraturen und temperamentvollem Spielwitz. In ihren Solonummern aus „Lakmé“ (‚Où va la jeune Indoue‘) und „Rigoletto“ (‚Gualtier Maldé! …Caro nome‘) stellt Morley ohne Anspruch auf Perfektion das mädchenhaft-pure der Figuren heraus.
So viel tenorale Bravour und unwiderstehlicher weiblicher Charme wirken offensichtlich gegenseitig beflügelnd und anregend. Beiden Protagonisten gelingt es rarerweise, dem im Juli 2024 im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks brillant aufgenommenen, die Stimmen mit bestechender Natürlichkeit eingefangenen Album eine lebendige Bühnenatmosphäre einzuhauchen.
In diesem Sinne verführen die Duette von Catherine-Smith aus Bizets Oper „La jolie fille de Perth“, von Lakmé-Gérald aus Leo Delibes „Lakmé“ und besonders von Norina-Ernesto aus Donizettis „Don Pasquale“ die Hörerschaft zu ansteckend gute Laune.
Das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Ivan Repušić sind die kundigen wie einfühlsamen Partner von Brownlee und Morley.
Fazit: Kulinarisches Melomanen-Futter aus der aktuellen vokalen Haubenküche par excellence!
Dr. Ingobert Waltenberger

