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CD GIUSEPPE VERDI: UN BALLO IN MASCHERA – Sängerisch reizvolle Studioeinspielung mit Freddie De Tommaso, Lester Lynch, Saioa Hernández, Annika Gerhards und Elisabeth Kulman, Pentatone

18.06.2023 | cd

CD GIUSEPPE VERDI: UN BALLO IN MASCHERA – Sängerisch reizvolle Studioeinspielung mit Freddie De Tommaso, Lester Lynch, Saioa Hernández, Annika Gerhards und Elisabeth Kulman, Pentatone

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Das Glück mit Verdi-Opern Gesamtaufnahmen des Labels Pentatone hielt sich in letzter Zeit in knapp bemessenen Grenzen. Nach einem weder vokal noch interpretatorisch einigermaßen konkurrenzfähigen „Otello“ schlug bei „La Traviata“ die „Corona-Falle“ zu. Da wurden offenbar aus Abstandsgründen die Mikros der drei Hauptrollen so ungünstig voneinander platziert, dass der Eindruck herrschte, die Violetta singt hinter der Bühne und der Alfredo klebt an der Aufnahmequelle.

Mit diesem „Maskenball“ verhält es sich komplett anders. Da wurde im Auditorium Rainer III Juni/Juli 2021 in Monte Carlo anständig aufgenommen, die im November 2021 in Radiostudio im rumänischen Cluij mit dem frisch klingenden Transsilvanischen Philharmonischen Chor aufgenommenen Chorpassagen fügen sich redlich ins Ganze. Aber was noch viel wichtiger ist. Seit der berühmten Abbado-Studioaufnahme aus dem Jahr 1999 wurde diese Oper im Studio nicht mehr so beherzt und feurig interpretiert wie auf der vorliegenden vokal durchgehend sehr erfreulichen Neuerscheinung.

Allen voran Freddie De Tommaso, der in der Rolle des Riccardo das richtige Maß an virilem, dunkelziegelrot gefärbtem Timbre, tenoralen Schmelz, drängendem Elan, leichtfüßigen Verzierungen und dramatischem Aplomb einbringt, dass man ihm sowohl den kopflos testosterongeladenen Verführer der Frau seines intimsten Freundes und Sekretärs Renato, den fatalistischen Kopf in den Sand-Stecker, als auch (zu spät) den vernünftigen Politiker und im innersten Kern loyalen Freund, der Renato und Amelia per Erlass nach England schicken will, um Ehe und den Ruf zu schützen, gerne abnimmt. Im Grunde erinnert mich De Tommaso vom Typ her an den jungen Franco Bonisolli, was nicht die schlechteste Empfehlung sein sollte.

Seine angebetete Amelia wird von der spanischen Sopranistin Saioa Hernández gesungen. Auch Amelia kämpft mit allen Mitteln gegen ihre schwer zähmbare Leidenschaft. Das geht so weit, dass sie zur Wahrsagerin Ulrica läuft, um sich eines probaten Mittels gegen diese Liebe zu versichern. Diese rät ihr zu einem nächtlich zu pflückenden, magischen Kraut, das auf dem Galgenberg vor den Toren der Stadt wächst. Sowohl für ihre Gruselarie „Ecco l’orrido campo“, das zart verzweifelte „Morro, ma prima in grazia“ als auch das glühende Pathos im emotional verzweifelten Liebesduett mit Riccardo und erst recht im lodernden Terzett mit Renato und Riccardo im zweiten Akt bringt sie einen expansionsfähigen, leuchtkräftigen Spinto mit. Das sinnlich vibrierende Timbre, die gute Mischung aus kultiviertem Legato, wunderbar in die Gesangslinie eingebundenen klangvollen Tiefen und dramatischen Spitzentönen, alles bei lupenreiner Intonation, machen diese Verdi-Gesang zu einer rundum erfreulichen Begegnung. Da stört denn auch ein minimaler Übersteuerungsfaktor nicht, sondern wirkt eher anregend wie die sprichwörtliche „cerise sur le gâteau“.

Ich gestehe, dass mich nicht zuletzt die Besetzung der Ulrica mit Elisabeth Kulman neugierig auf diese Aufnahme gemacht hat. Und was soll ich sagen. Meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen. Die österreichische Kontraaltistin mit der tollen Mezzosopranhöhe oder Sopranistin mit ausladender Tiefe, wie man will, ist eine der besten Gestalterinnen dieser Partie. Die für ihre abgründig tiefen Register als auch explosiven Höhen berühmt-berüchtigte Arie „Re dell’abisso, affrettati“, dankbares Vehikel für Mezzoprimadonnen sonder Zahl, singt Kulman mit hörbarer Freude am Hokuspokus, von unten bis oben höchst beeindruckend sonor und farbenreich, ohne der Versuchung nachzugeben, in einen plakativen Stimmexhibitionismus zu verfallen. Ganz große Klasse. Wie wahnsinnig schade für die Welt der Oper, dass sich diese bedeutende Sängerin 2021 – aus persönlich nachvollziehbaren Gründen – dazu entschlossen hat, ihre klassische Gesangskarriere zu beenden und sich im Oktober 2021 mit einem Liederabend beim Liszt-Festival in Raiding verabschiedete. Dafür können wir umso dankbarer sein, diese wohl letzte Opernrolle auf Schallplatte in stupender stimmlicher Verfassung mit- und nacherleben zu dürfen.

Renato wird auf dieser Aufnahme von Lester Lynch sensitiv mit in allen Lagen ausgeglichen wohlklingendem Bariton gesungen. Mir gefällt diese auch vom Stimmcharakter her gewählte Differenzierung zwischen dem warmherzig treuen, dann umso enttäuschteren Renato und dem draufgängerischen Riccardo sehr. Wenn, wie nicht selten, beide Rolleninterpreten als stentorhaft auftrumpfende Macholackeln imponieren wollen, wieso verliebt sich dann Amelia zweimal in genau denselben Typen?

Annika Gerhards ist ein ausgezeichneter, koloraturgewandt funkelnder Page Oscar, der noch besser wäre, wenn – kleiner Einwand – Manierismen wie übermäßige Portamenti oder Schleifereien unterblieben.

Das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter der Leitung von Marek Janowski setzt die schöne Partitur mit Bedacht, rhythmisch präzise, aber mit einem deutlichen Hang zu Behäbigkeit um. Janowski dirigiert altkapellmeisterlich präzise, ohne annähernd die Geschmeidigkeit, die Eleganz und italienische Glut wie vor ihm etwa Toscanini, Busch, Gavazzeni, Muti oder Abbado erreichen zu können.

Fazit: Eine ungemein schön und dramaturgisch jederzeit glaubhaft gesungene Gesamtaufnahme, durch Kulmans Ulrica geadelt, die orchestral aber nicht über gehobenes Mittelmaß hinauskommt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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