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CD GIUSEPPE VERDI: SIMON BOCCANEGRA, Version 1881 – Live-Mitschnitt aus dem Teatro San Carlo Napoli 2024; Prima Classics

04.03.2026 | cd

CD GIUSEPPE VERDI: SIMON BOCCANEGRA, Version 1881 – Live-Mitschnitt aus dem Teatro San Carlo Napoli 2024; Prima Classics

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Der beste Verdi unserer Tage: Ludovic Tézier, Marina Rebeka, Michele Pertusi, Mattia Olivieri und Andrea Pellegrini als Stars im genuesischen Opern-Politkrimi

Das Melodramma in einem Prolog und drei Akten „Simon Boccanegra“, in der massiv überarbeiteten Version von Arrigo Boito (Text) und Verdi, wurde am 23.3.1881 im Teatro alla Scala, Milano uraufgeführt. Die Oper gehört zu den psychologisch ausgefeiltesten, musikalisch reichsten und exquisitesten Opern des reifen Verdi. Es geht um Macht, Standesfragen, politische Intrigen, Giftmord und natürlich um Liebe und deren Verstrickungen.

Allerdings liegen die bedeutenden Einspielungen der lange als Spezialistenwerk eingestuften Oper Jahrzehnte zurück.: 1957: Gabriele Santini; Tito Gobbi, Boris Christoff, Victoria de los Ángeles, Giuseppe Campora; EMI, 1973: Gianandrea Gavazzeni; Piero Cappuccilli, Ruggero Raimondi, Katia Ricciarelli, Plácido Domingo; RCA sowie 1977: Claudio Abbado; Piero Cappuccilli, Nicolai Ghiaurov, Mirella Freni, José Carreras; Deutsche Grammophon.

Jetzt endlich gibt es mit diesem Live-Mitschnitt aus Neapel eine Gelegenheit, Simon Boccanegra wieder auf dem künstlerischen Niveau zu hören, das wir von den oben genannten Platten kennen. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Aufnahmetechnik nun den höchsten HiFi-Standards gerecht wird. Ich musste mehrfach nachschauen, ob es sich tatsächlich um einen Live-Mitschnitt handelt, so präsent, natürlich-plastisch sind die Stimmen eingefangen, so umwerfend dunkel aufgewühlt und dramatisch trumpft das fabelhafte Orchester des Teatro di San Carlo di Napoli unter der musikalischen Leitung von Michele Spotti auf.

Der 33 Jahre junge Dirigent, aktuell Musikdirektor des Opernhauses und des Philharmonischen Orchesters von Marseille und musikalischer Leiter des Orchestra Filarmonica di Benevento, ist ein Verdi-Dirigent von Gnaden, voller Passion und geschärftem Klangsinn. Das ist nicht nur auf der vorliegenden Publikation nachzuhören, sondern schlägt sich auch in seinen kommenden Engagements nieder. Im Mai 2026 gibt er mit „La Traviata“ sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York. In Berlin wurde er von Aviel Cahn, Intendant der Deutschen Oper Berlin ab 2026/27, zum Principal Guest Conductor berufen. Ich freue mich enorm darauf.

Für „Simon Boccanegra“ flicht Michele Spotti mit dem neapolitanischen Klangkörper einen atmosphärisch und artikulatorisch dicht verwobenen Verdi-Klang, der mit zum saftig Aufregendsten gehört, was ich Verdi betreffend auf Tonträgern gehört habe. 

Da funkelt die Orchesterbegleitung als instrumentaler Herzschlag zu Amelias Auftrittsarie ‚Come in quest’ora bruna‘, in der sie ihrem Geliebten Gabriele Adorno entgegen fiebert bzw. geht mit nervenzerreißender Spannung direkt unter die Haut, wie etwa das Finale des atto primo. Generell gelingt es Spotti, das Orchester – wie einst Claudio Abbado in Wien – zu einem gleichberechtigten Handlungsträger aufzuwerten, der die Gesangslinien nicht nur stützt, sondern sie mit Bedeutung, generell mit dampfendem tiefenpsychologischem Humus auflädt. Aufregend schön!

Die tiefen Stimmen sind mit Ludovic Tézier als vom Korsaren zum Doge von Genua avancierten Simon Boccanegra, der nach wie vor in der top Liga spielenden Basslegende Michele Pertusi als seinem Gegenspieler Jacopo Fiesco und den fantastischen jungen Stimmen des italienischen Bassbaritons Mattia Olivieri als Paolo Albiani und des aus Bari stammenden schwarzen Basses Andrea Pellegrini (nicht zu verwechseln mit dem Pianisten oder der dänischen Mezzosopranistin gleichen Namens) als dessen Kumpel Pietro nicht nur rollenadäquat, sondern auch von den unterschiedlichen Timbres her richtig besetzt.

Ludovic Tézier dürfte derzeit in den heldischen Baritonpartien Verdis ohnedies ohne Konkurrenz sein. Balsamisch strömt sein fluider, jede Seelennuance als liebender Vater und politisch machtvolle Figur farblich wandelbar auslotender Bariton. Die hochdramatischen Höhepunkte meistert er mit imponierender Autorität. Mit einem Wort: für mich der überzeugendste Rolleninterpret seit Renato Bruson.

Die Krone gebührt jedoch Marina Rebeka in der Rolle der Amelia Grimaldi, Simons lang verloren geglaubter Tochter. Mit ihrem einzigartigen Spintosopran, in der Mittellage kupferfarben ausdrucksvoll, in den Höhen durchschlagend und leuchtkräftig wie das keine andere ihres Fachs vorweisen kann, dazu verzierungsagil und stets auf der goldrichtigen Tonspur, gibt sie dem Schicksal der für ihre Liebe kämpfenden Frau in jedem Moment organisch-glaubhaftes Profil.

Leider kämpft sich der überforderte Francesco Meli mit seinem mittlerweile strapazierten Tenor mit erheblichem Vibrato durch die dramatischen Stellen der anspruchsvollen Partie des Gabriele Adorno, junger Adeliger in Liebe Amelia verbunden, doch ein politischer Gegner von deren Vater Simone.

Fazit: Grandiose Verdi-Einspielung, dank Michele Spotti mit atemberaubendem Thrill und Stamina und mehrheitlich sagenhaft gut besetzt. Die direkte und brillante Aufnahmequalität trägt überdies wesentlich zum Hörgenuss bei.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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