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CD GIUSEPPE VERDI „MACBETH“ – Weltersteinspielung der französischen Version 1865 mit Ludovic Tézier, Silvia Dalla Benetta, Giorgio Berrugi und Riccardo Zanellato; Dynamic  

17.11.2021 | cd

CD GIUSEPPE VERDI „MACBETH“ – Weltersteinspielung der französischen Version 1865 mit Ludovic Tézier, Silvia Dalla Benetta, Giorgio Berrugi und Riccardo Zanellato; Dynamic

 

Live-Mitschnitt einer von Roberto Abbado dirigierten konzertanten Aufführung vom Festival Verdi 2020 aus dem Parco Ducale di Parma

 

Veröffentlichung: 3.12.2021

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Verdis „Macbeth“ aus dem Jahr 1847 in der den meisten Operngehern geläufigen italienischen Version aus 1874 gilt zu Recht als eine der spektakulärsten und innovativsten Partituren des Meisters aus Busseto. Francesco Maria Piave und Andrea Maffei adaptierten das berühmte Shakespeare-Stück um die Hybris von Macht, ihre Anmaßung und toten Kinder zu einer Vorlage für eine der gelungensten Opern des 19. Jahrhunderts.

 

Weniger bekannt dürfte sein, dass Verdi seine Oper 1864 für Paris dem Zeitgeschmack entsprechend bis zum nicht Wiedererkennen (auch Teile des Librettos wurden umgeschrieben) umarbeitete. Diese revidierte Fassung, der auch die gegenständliche Aufführung zugrunde liegt,  wurde am 21. April 1865 im Théâtre-Lyrique Impérial in Paris uraufgeführt. Natürlich gibt es in der französischen Version ein umfangreiches Ballett zu Beginn des dritten Aktes mit der Erscheinung Hekates, einem Tanz der Nymphen und Sylphen über dem bewusstlosen Macbeth, der nach den Prophezeiungen der Hexen in Ohnmacht fiel. Nur zwei Monate hatte Verdi Zeit, um den Erwartungen des Auftraggebers Léon Carvalho (u.a. sollte ein Chor Macbeths Tod ersetzen) gerecht zu werden. Dafür soll die finanzielle Gegenleistung mehr als großzügig gewesen sein. 

 

Der „neue“ Macbeth wurde vom Publikum nur lau aufgenommen. Kein Wunder auch für heutige Ohren, wenn man die beiden Versionen vergleicht. Die Änderungen im Libretto betreffen vor allem Lady Macbeths Artie im ersten Akt, das Rezitativ und die Szene der Erscheinungen, das Duett im dritten Akt und das letzte Finale, wo eine Siegeshymne (Chor, Malcolm, Macduff)  Macbeths „Mal per me che m‘appressai“ ersetzt. Piave werkte überwiegend in Venedig, zweimal fuhr er nach Sant‘Agata. Bei der Arie „La luce langue“ legte Verdi selber Hand an, der Text stammt ausschließlich von ihm und der Strepponi.

 

Wie auch immer, die Aufnahme aus Parma schließt eine wichtige Lücke, kann aber sängerisch kaum überzeugen. Silvia Dalla Benetta als Lady Macbeth verfügt über einen ausdrucksstarken Sopran, ein dunkles Timbre, ist aber mit der Dramatik und Tessitura der Rolle überfordert. Die Akuti klingen messerscharf, das Vibrato auch in der Mittellage schwingt weit aus. Da wir wissen, was Verdi über die Stimme einer Lady gesagt hat, müssen wir konzedieren, dass diese Interpretation wohlwollend noch immer als eine legitime Möglichkeit aufgefasst werden kann. Die italienische Sopranistin wirkte in weit besserer Verfassung in vielen Rossini Produktionen beim Festival in Wildbach mit und ist dementsprechend gut auf Tonträgern bei Naxos präsent.

 

Aber auch bei Ludovic Tézier als Macbeth hält sich die Freude in Grenzen. Sicherlich singt er aus der „Vollen“ und kann mit einem beeindruckenden Stimmmaterial aufwarten. Aber sein heldisch gewordener Bariton wirkt bisweilen stumpf gaumig und in den Höhen verengt. Auf jeden Fall aber klingt Tézier trotz gekonnter Legatobögen zu undifferenziert und grobschlachtig in einer Rolle, in der etwa Renato Bruson mit seiner noblen Phrasierung und unendlichen Abschattierungen die Latte hoch legte.  

 

Giorgio Berrugi als Macduff bietet mit seinem offen-schrillen Tenor kein Hörvergnügen, nur der Banquo des Riccardo Zanellato versöhnt mit sämiger Tongebung. 

Roberto Abbado bemüht sich um eine expressive Lesart, er kämpft für die Dramatik und innere Spannung des Stücks. Leider bieten das Orchester Filarmonica Arturo Toscanini und der Coro del Teatro Regio di Parma aber nur künstlerisches Mittelmaß. 

 

Auf eine gültige Aufnahme dieser französischen „Macbeth“-Version aus dem Jahr 1865 werden wir also noch warten müssen. Bis dahin bleiben wir bei Altvertrautem je nach Gusto von Höngen, Mödl, Rysanek, Callas, Verrett, Bumbry, Cossotto oder Zampieri, um nur einige Glanzlichter zu nennen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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