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CD GIOVANNI CARISSIMI „JONAS“, ORLANDI DI LASSO „LAGRIME DI SAN PIETRO“, „PROPHETIAE SIBYLLARUM“; BR-Klassik

22.12.2025 | cd

CD GIOVANNI CARISSIMI „JONAS“, ORLANDI DI LASSO „LAGRIME DI SAN PIETRO“, „PROPHETIAE SIBYLLARUM“; BR-Klassik

Live-Aufnahme aus dem Münchner Prinzregententheater 2024: Giovanni Antonini dirigiert den Chor des Bayerischen Rundfunks und Il Giardino Armonico

Veröffentlichung: 9.1.2026

beth

Eine der märchenhaftesten Geschichten im Alten Testament erzählt vom widerstrebenden Jonas (Bedeutung=Taube), der im göttlichen Auftrag ins verderbte Ninive gehen und dort den Einwohnern gehörig einheizen soll. Jonas will sich das nicht antun und versucht, in die entgegengesetzte Richtung mit einem Schiff nach Tarsis zu fliehen. Der Himmelschef schickt einen Sturm, der sich nur dadurch besänftigen lässt, dass die Schiffscrew den Schuldbewussten – immerhin im Losverfahren – ins Wasser wirft. Aber Gott hat noch was vor mit Jonas. Also schickt er einen Wal, der ihn sanft, offenbar ohne zu beißen, schluckt. Da bleibt er im mehr oder weniger bequemem Magen geborgen, bis der Prophet betend nach drei Tagen und Nächten vom Wal wieder ausgespuckt wird, nach Ninive geht und dort mit der Aussicht auf Untergang der Stadt die Bürger zu Reu‘ und Buße bringt.

In der Bibel geht die Geschichte noch weiter, aber im Oratorium auf ein Textbuch eines unbekannten Dichters endet sie hier. Carissimi, vielscheckige Gestalt im Rom des 17. Jahrhunderts, Priester, Kapellmeister, Chormeister und Komponist an der Kirche Sant’Apollinare, schrieb das Oratorium „Jonas“ im Auftrag der Erzbrüder der „Arciconfraternita del Santissimo Crocifisso“ in den 1650-er Jahren als – trotz des gegenreformatorischen Zwielichts durchaus unterhaltsam dramatisierte – traditionelle Bußandacht. Als Figuren des für Soli, Doppelchor, Streicher und basso continuo bestimmten Werks erscheinen ein Historicus (ein Chronist, der von verschiedenen Solisten gesungen wird), Gott (Bass), Jonas (Tenor), und natürlich Seeleute und Niniviter. Wie das Werk strukturell funktioniert, dazu ein Zitat von Wolfgang Stähr: „Der Sologesang bewegt sich frei und expressiv zwischen liturgischer Rezitation und dem ‚stile recitativo‘ der neuen Oper zwischen Psalmodie und Melodie, Rhetorik und Melisma, Wortlaut und Wohlklang. Die elementaren Affekte, Angst, Wut, Reue, Euphorie,…., überträgt Carissimi dem Chor.“

Interpretiert wird dieses spachteldick malende Stück, gekrönt von einer lautmalerisch eindrücklichen Chor-Sturmszene vom so präzisen, wortdeutlichen wie kraftvoll sich aufschwingenden Chor des Bayerischen Rundfunks, dem Originalklangensemble Il Giardino Armonico unter der temperamentvollen, erzählerisch bewegten musikalischen Leitung von Giovanni Antonini. Als Solisten erfreuen Q-Won Han Jonas, Magdalena Dijkstra Sopran, Mareike Braun Alt, Kerstin Rosenfeldt Alt, Andreas Hirtreiter Tenor, Nicolas Ries Gott und Korbinian Schlag Bass.

Claudio Monteverdis „Lamento d’Arianna“, einzig erhaltenes Klagegesang-Fragment der zur Vermählung von Francesco von Gonzaga und Margherita von Savoyen 1608 im Palazzo Ducale von Mantua aufgeführten, leider verschollenen Oper „L’Arianna“, gibt es gleich in drei Fassungen: als expressives Paradestück für eine dramatische (Frauen)Stimme mit basso continuo, mit lateinischem Text als „Pianto della Madonna“ und als fünfstimmiges Madrigal, das Monteverdi in seinem Sechsten Madrigalbuch 1614 publizierte. Der Chor des Bayerischen Rundfunks schafft es, in der lyrischeren Variante im kunstreichen Wogen von Stimmen und Stimmgruppen jegliche Dynamik eines todtraurig verlorenen Herzens nach gescheitertem Selbstmordversuch nachzuempfinden. Im Vergleich zur in fünf affektiv unterschiedliche Abschnitte (Verzweiflung, zarte Erinnerungsbeschwörung, Treulosigkeits-Vorhalte, Wut und finale Einsicht „Seht, so endet, wer zu sehr liebt und zu sehr vertraut“) gegliederten Solofassung erwartet uns ein mittelbarer erlebtes, subtil klanggeschichtetes Musikerlebnis: Exemplarische Chorkultur ersten Ranges und dennoch voller lebensechter Vitalität.

Als dritter Block des Albums wurden Ausschnitte aus Orlando di Lassos Münchner Madrigal- und Motettenzyklen „Prophetiae Sibyllarum“ (Prolog, Teile 1, 4, 6) und der dem Papst Clemens VIII. gewidmeten „Lagrime di San Pietro“ (geistliche Madrigale 1, 2, 3, 6, 11, 12, 13, 15, 18, 20, 21) gewählt.  Es handelt sich bei Letzteren um in Zahlensymbolik aufgelöste, emotional distanziertere Renaissancemusik des 16. Jahrhunderts am Wittelsbacher Hof. Entstanden waren die Zyklen im Abstand von ca. 40 Jahren an den frühen und späten Eckpunkten von di Lassos künstlerisch aktivem Leben in Deutschland.

Der in Mons (heutiges Belgien) geborene di Lasso soll als Knabe eine solch exquisite Stimme gehabt haben, dass er zweimal aus seinem Elternhaus entführt und in dasselbe wieder zurückgeholt wurde (Samuel Quicchelberg, kunstwissenschaftlicher Berater von Albrecht V. von Bayern). Nach ersten beruflichen Stationen bei den Gonzagas in Palermo und in Mailand ab seinem zwölften Lebensjahr, hierauf Neapel und Florenz, an der römischen Lateranbasilika und in Antwerpen, kam die Lasso mithilfe von Johann Jakob Fugger im September 1556 als Tenor an den Münchner Hof Herzogs Albrecht V. Kosmopolitisch und hochgebildet, war di Lasso ein ausgesprochen fruchtbarer Tonsetzer, der u.a. über 60 Messen, hunderte Madrigale, Motetten, Magnificats, dazu französische Chansons und deutsche Lieder hinterließ. Wem die hier eingespielte Auswahl nicht genügt, dem stehen im Katalog zwar einige hochkarätige Gesamtaufnahmen vor allem der Prophetiae Sibyllarum offen. Kaum eine kann sich aber nicht zuletzt aufnahme- und chortechnisch mit den nun publizierten Kostproben messen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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