CD GIOVANNI BATTISTA PERGOLESI: L’OLIMPIADE – Live Mitschnitt aus dem Teatro Pergolesi, Jesi/Ancona von November 2025; Arcana
Realisierung der kritischen Edition von Francesco Degrada und Claudio Toscani der Pergolesi Spontini Foundation

„L’Olimpiade“ basiert auf einem der besten, verrücktesten und erfolgreichsten Libretti des Hofpoeten Pietro Metastasio. Ursprünglich für den Wiener Hofkomponisten Antonio Caldara vorgesehen, stürzten sich im Lauf der Jahre Dutzende Tonsetzer auf die Geschichte des freundschaftsdienstlichen Identitätstausches eines für die Olympischen Spielen befähigten Athleten und dessen Antritt unter falschem Namen (denn wer siegt, bekommt Aristea zur Frau). Unter den prominentesten Künstlernamen, die sich den Stoff zu Eigen machten, finden sich Vivaldi, Hasse, Galuppi, Leo, Scarlatti, Jommelli und Pergolesi.
Dass es bei sportlichen Wettkämpfen mitunter der Fairness willen heftig zugeht, ist nichts Neues. Das gab es schon in der Antike. Wenn aber sportliche Regeln einer falsch verstandenen Freundschaft und der Liebe wegen gebrochen werden, dann ist das rasch ein Fall für die Oper, zumindest in barocken Zeiten war das so. Denn der sportliche Athener Megacle, der im Namen seines Freundes Licida, der ihm einst das Leben gerettet hat, kämpft, liebt die Prinzessin Aristea. Natürlich siegt Megacle alias Licida und ebenso klar ist, dass die windschiefe Sache auffliegt mit allen Verwicklungen, emotionalen Berg- und Talfahrten samt Peripetien, die es für das typische Happy End braucht. Zuerst einmal sind alle sauer oder verzweifelt oder beides zugleich. Bis sich wundersamerweise herausstellt, dass Licida eigentlich der vom Vater ausgesetzte Filinto, Sohn des Königs Clistene und Zwillingsbruder der Aristea ist. Da dem königlichen Spross die kretische Adelige Argene nun wieder nah sein kann, finden am Ende Megacle und Aristea sowie Licida und Argene zusammen.
Der heutigen Hörerschaft kann es gleich sein, dass sich Pergolesi bei dieser für Rom geschriebenen, 1735 im Teatro Tordinona uraufgeführten Oper aus Zeitmangel großzügig aus eigenen Werken, besonders aus seiner in Rom damals nicht bekannten Oper „Adriano in Siria“ und dem dramma sacro „San Guglielmo d’Aquitania“ bediente bzw. Musik davon paraphrasierte.
Auf jeden Fall waren die anfänglich reserviert aufgenommene Oper bzw. daraus gefilterte Pasticcios das ganze 18. Jahrhundert hindurch populär, wie die zahlreichen Manuskript-Kopien belegen. Wie traurig jedoch, dass der 26 Jahre junge Pergolesi knapp über ein Jahr später im Kapuzinerkloster Pozzuoli bei Neapel an Tuberkulose starb. Sohin betrug seine gesamte Opernkarriere gerechnet ab seinem ersten Auftrag für das neapolitanische Theater San Bartolomeo knappe fünf Jahre.
Der in den Rezitativen gekürzte Mitschnitt von der 58. Opernsaison des Teatro Pergolesi vom 21. und 23. November profitiert von der musikalischen Leitung des Giulio Prandi mit seinem Orchestra Ghislieri. Ihm gelingt der Spagat zwischen den ‚empfindsamen‘, auf ausgedehnte Legatobögen bauenden Lamenti versus den virtuosen, koloraturgespickten Vokalnummern sowie den atmosphärisch humoristischen wie dramatischeren Arien völlig organisch. Was den melodischen Einfallsreichtum, Brio und dramaturgischen Lauf der Arien anlangt, war Pergolesi sowieso eine Koryphäe.
Die ursprüngliche Besetzung rekrutierte sich ausschließlich aus Männern, in der Mehrzahl Kastraten. Das ist heute selbstverständlich anders. Im Teatro Pergolesi war 2025 eine junge, die Charaktere der Oper in all ihren Facetten und Klangfarben verkörpernde Riege an Sängern und Sängerinnen engagiert.
Der tot geglaubte, in Wirklichkeit leidenschaftliche Königssohn Licida wurde als Hosenrolle von der mozart- und belcantogeeichten José Maria Lo Monaco mit rundem Mezzo und Verve gesungen.
Die viel umworbene Aristea lag bei der italienischen Sopranistin Carlotta Colombo, die ihre flexible Stimme auch mal mit Biss und Furor einzusetzen vermochte, in besten Händen.
Silvia Frigato wartete als Prinzessin von Kreta Argene und einstige Geliebte Licidas mit einem kecken, verzierungsfreudigen, federleicht anspringenden Sopran auf, bruchlos geführt und im Ausdruck allseits gewitzt.
Theodora Raftis konnte als Spitzensportler Megacle ihren entzückenden lyrischen, nougatcremigen Sopran mit robuster Mittellage und saftiger Tiefe in allen Gefühlslagen ausspielen. Was für eine schön gedeckte Stimme mit wunderbarem Legato und expressiver Einfühlung.
Anicio Zorzi Giustiniani agitierte mit seinem hellherben Tenor in ausreichend trockener Befehlsmanier als autoritärer und abergläubiger König Clistene. Licinas Tutor Aminta war beim Tenor Matteo Straffi, Alcandro bei der Kontraaltistin Francesca Ascioti gut aufgehoben.
Zu erwähnen wäre noch die (in den Rezitativen) komplettere Aufnahme von den Innsbrucker Festwochen für Alte Musik aus dem Tiroler Landestheater aus dem Jahr 2010 mit Alessandro de Marchi am Pult der Academia Montis Regalis.
Nach einem vergleichenden Hören bevorzuge ich das neue Album aus Pergolesis Geburtsort Jesi. Es jst elastischer und federnder musiziert. Die Aufführung vereint für mich in nahezu idealer Weise das Beste aus den Sphären historisch informierten Akzentuierens mit einem sanglich einschmeichelnden Fluidum, insbesondere einen softeren Klang der Violinen nutzend. Glorios!
Dr. Ingobert Waltenberger

