Giorgi Gigashvili plays Prokofiev – With all my breath and all my blood Alpha-Classics, ALPHA1194
Mit Atem und Blut ins Feuer der Geschichte gehen

Es gibt Prokofjew-Aufnahmen, die beeindrucken durch Präzision, durch technische Souveränität, durch glänzend polierte Oberflächen. Und es gibt solche, die den Hörer tiefer hineinziehen, die nicht nur zeigen, was gespielt wird, sondern warum. Giorgi Gigashvilis zweites Rezitalalbum gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Wer diese CD hört, hört keinen Pianisten beim Reproduzieren großer Musik. Er hört einen jungen Musiker, der sich mit Haut und Haaren in ein Werk hineinwirft, das ihn seit über zehn Jahren begleitet und geprägt hat.
Giorgi Gigashvili wurde 2000 in Tiflis geboren. Er erhielt früh Klavierunterricht und machte international auf sich aufmerksam, als er 2019 den ersten Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb von Vigo gewann. Weitere Auszeichnungen folgten, darunter Preise bei Wettbewerben in Dublin und Tel Aviv. Gigashvili studierte unter anderem in Deutschland und Österreich und wird für seine kompromisslosen, emotional dichten Interpretationen geschätzt. Neben dem klassischen Repertoire engagiert er sich stark für zeitgenössische Musik und die Werke georgischer Komponisten. Seine enge Verbindung zu Prokofjews Musik prägt sein künstlerisches Profil nachhaltig.
Im Zentrum des Albums stehen Sergej Prokofjews drei sogenannte „Kriegssonaten“, die Klaviersonaten Nr. 6, 7 und 8. Werke, die in den Jahren des zweiten Weltkriegs entstanden und bis heute nichts von ihrer existenziellen Wucht verloren haben. Für Gigashvili sind diese Sonaten keine abstrakten Monumente der Moderne, sondern „Kämpfe schlechthin“. Musik, der man, wie er selbst sagt, „mit Leib und Seele“ begegnen muss. Dieser Zugriff prägt jede Minute dieser Aufnahme.
Schon die sechste Sonate in A-Dur, op. 82, macht klar, dass Gigashvili Prokofjew nicht als distanzierten Konstrukteur versteht, sondern als Komponisten innerer Zerrissenheit. Der erste Satz, Allegro moderato, wird zum regelrechten Ringkampf zwischen rechter und linker Hand. Die Motorik treibt voran, die Akzente sind scharf gesetzt, die Spannung reißt nicht ab. Nichts wirkt bequem, nichts dekorativ. Hier geht es um Reibung, um Widerstand, um das Beharren auf Gegensätzen.
Im Allegretto des zweiten Satzes zeigt sich Gigashvilis Gespür für Prokofjews bitteren Humor. Die hüpfenden Akkorde haben Biss, die Melodielinie ist klar konturiert, trotzig. Besonders beeindruckend ist die kluge Agogik: kleine Verzögerungen, minimale Beschleunigungen, die dem Satz Charakter geben, ohne ihn zu zerreden. Gigashvili vertraut dem Material und seiner eigenen inneren Uhr.
Der dritte Satz, Tempo di valzer, lentissimo, öffnet einen anderen Raum. Traumverhangene Walzerklänge entfalten sich langsam, beinahe tastend. Hier zeigt sich die lyrische Seite dieses Pianisten. Die Musik schwebt, ohne ins Sentimentale zu kippen. Jeder Ton scheint bedacht, jeder Klang trägt Bedeutung. Das abschließende Vivace schließlich bringt Sturm und Drang, schneidende Rhythmen, abrupte Bremsungen. Die Artikulation bleibt dabei erstaunlich klar, selbst in den dichtesten Passagen.
Die siebte Sonate, op. 83, gilt vielen als die kompromissloseste der drei. Gigashvili nimmt diese Herausforderung an. Das Allegro inquieto beginnt in stürmischem Tempo, nervös, vorwärtsdrängend. Hämmernde Akkorde treiben die Musik voran, wie unter Zwang. Es ist eine Interpretation, die Unruhe nicht glättet, sondern ausstellt. Der zweite Satz, Andante caloroso, wirkt wie ein Innehalten, ein kurzer Blick nach innen. Hier entfaltet Gigashvili eine intensive Kantabilität, die viel zu erzählen hat. Der Ton singt, ohne süß zu werden. Man hört einen Pianisten, der zuhören kann, auch sich selbst.
Das berühmte Precipitato des Finales wird zur Hetzjagd über Stock und Stein. Atemlos, kompromisslos, mit unerbittlichem Puls. Gigashvili verliert dabei nie die Kontrolle, auch wenn er das Risiko sucht. Gerade diese Balance aus Wagnis und Präzision macht den Satz so packend.
Die achte Sonate, op. 84, ist vielleicht die komplexeste der drei, ein Werk voller Ambivalenzen. Das Andante dolce des ersten Satzes beginnt ungewöhnlich mild und süß, wie hingetupft. Gigashvili spielt diesen Beginn mit viel Innigkeit, ohne ihn zu idealisieren. Das Träumerische bleibt diesseitig, verletzlich. Im Andante sognando des zweiten Satzes entfaltet sich eine schwebende Atmosphäre, die dennoch geerdet bleibt. Kein Weltflucht-Gestus, sondern ein stilles Nachdenken. Das Vivace des Finales bündelt noch einmal Energie, Rhythmus, Widerstand. Ein Fest der Virtuosität, in dem Dynamik, Geschwindigkeit und Artikulation bis an die Grenzen ausgereizt werden.
Nach dieser pianistischen Tour de force öffnet das Album bewusst den Raum. Mit der Einladung an Lisa Batiashvili, eine der großen Geigerinnen unserer Zeit, setzt Gigashvili einen starken Kontrapunkt. Die Transkription des „Rittertanzes“ aus Prokofjews Romeo und Julia für Violine und Klavier ist ein riskantes Unterfangen, ersetzt sie doch das berühmte Orchester. Doch das Duo meistert diese Herausforderung eindrucksvoll. Zwei Instrumente genügen, um die Wucht, die Düsternis und den archaischen Puls dieses Klassikers einzufangen. Batiashvili steuert einen intensiven, dunklen Tonfall bei, Gigashvili gibt dem Klavier orchestrale Wucht. Spannend, konzentriert, ohne Effekthascherei.
Den Abschluss bildet To Giya (P. S.) von Josef Bardanashvili, ein Werk, das eigens für dieses Duo komponiert wurde und eine Hommage an den großen georgischen Komponisten Giya Kancheli darstellt. Nach all den inneren und äußeren Kämpfen der vorangegangenen Werke wirkt dieses Stück wie ein persönlicher Brief, leise, anrührend, von großer Wärme. Die Musik spricht direkt, ohne Umwege. Ein sehr persönlicher Ausklang, der dem Album eine zusätzliche emotionale Dimension verleiht.
Der Titel der CD, With all my breath and all my blood, ist mehr als ein poetisches Bild. Er spiegelt die Haltung dieses jungen Pianisten wider, der die jüngste Geschichte seines Landes mit großem Schmerz erlebt hat. Für Gigashvili wurde Prokofjews Musik zu einem Ort, an dem er Wut, Trauer und Widerstand ausdrücken konnte. Diese biografische Dimension ist auf der gesamten Aufnahme spürbar, ohne je aufdringlich zu wirken.
Auch klanglich überzeugt das Album. Der Klang ist weit und dynamisch, jede Feinheit hörbar, vom zartesten Pianissimo bis zu den eruptiven Ausbrüchen der Kriegssonaten. Das unterstützt eine Interpretation, die auf Kontraste setzt und Extreme nicht scheut.
Am Ende bleibt der Eindruck eines exzellenten Virtuosen, der mehr will als beeindrucken. Giorgi Gigashvili präsentiert sich hier mit großer Hingabe, breitem Farbspektrum und dem Mut, sich angreifbar zu machen. Diese CD ist kein bequemes Hörerlebnis. Aber ein intensives, ehrliches und bewegendes.
Dirk Schauß, im Januar 2026
Giorgi Gigashvili plays Prokofiev – With all my breath and all my blood
Alpha-Classics, ALPHA1194

