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CD GIOACHINO ROSSINI „PETITE MESSE SOLENELLE“ – Aufnahme mit dem Coro Ghislieri unter Giulio Prandi aus Padua vom Jänner 2021; Outhere Music

01.12.2021 | cd

CD GIOACHINO ROSSINI „PETITE MESSE SOLENELLE“ – Aufnahme mit dem Coro Ghislieri unter Giulio Prandi aus Padua vom Jänner 2021; Outhere Music

Erste Einspielung der kritischen Edition von Davide Daolmi

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Ein gar sonderbares, zwischen alten Kirchenmusik-Traditionen und einer harmonisch innovativen Klangsprache mit forschen Rhythmen stehendes Werk ist diese späte Rossini-Messe. In der ursprünglichen Fassung sind lediglich zwei Klaviere und ein Harmonium als Begleitung vorgesehen, später hat der Komponist auch eine Orchesterfassung vorgelegt. Heikel ist diese Kombination vor allem deshalb, weil die zwischen mittelalterlicher Schlichtheit (gregorianischer Choral), barocken Fugen und großem italienischen Belkanto-Ton pendelnden Vokalpartien schwierig mit der intimen kammermusikalischen Untermalung in Balance zu bringen ist. Dem Solistenquartett und dem Chor erlaubt dieses Kombination keinen noch so kleinen Fehler. Jedes überdrehte Vibrato, jede Intonationstrübung kommt da wie unterm Brennglas ins Übermäßige vergrößert daher.

Der 70-jährigen Rossini, dem mittlerweile der ganze Opernbetrieb samt ihren eitlen Impresarios verhasst war, hatte neben der Pflege seiner Kochkünste eine Menge an kleinen kompositorischen „Sünden“ vor allem für Klavier mit oder ohne Stimme gesammelt. Die „Petite Messe solennelle“ sollte sich unter Verwendung der einen oder anderen dieser „Alterssünden“ als Experimentierfeld im Sinne eines stetigen work in progress erweisen. Die ersten drei Teile (Kyrie, Gloria, Credo) hatte der mittlerweile längst in Paris/Passy ansässige Schwan von Pesaro schon 1863 fertig gestellt.

Bei den Klavierstimmen hatte Rossini die rhythmisch perkussiven Tugenden des Instruments genutzt, beim Harmonium, das der Orgel nahesteht, aber damals auch in den Pariser Salons en vogue war, standen die liturgische Atmosphäre und die bessere Stützung des Chores im Vordergrund. Bald war aber Rossini klar, dass die bislang dreiteilige Messe nicht nur für private Anlässe unter Freunden taugte, sondern mit ihren opernhaften Melodien, dem strengen Kontrapunkt, kammermusikalischen Arien und a cappella Chören ein größeres Maß vertrug. Als er 1864 vom Bankier Alexis Pillet-Will den Auftrag erhielt, ein Stück für die Einweihung von dessen neuem Palais in Paris zu schreiben, fügte er noch ein Sanctus und ein Agnus dei hinzu. Zudem stellte Rossini während der Proben fest, dass nach der gewaltigen Fuge im Credo die Sänger eine Pause verdient hätten. Ein rein instrumentales Prélude réligieux pendant l’Offertoire in der Stilistik Bachs sorgte für Abhilfe. Die Premiere nur für geladenen Gäste am 14.3.1864, an der auch Meyerbeer, A. Thomas und Auber teilnahmen, geriet zum spektakulären Erfolg. Später fügte er nach dem Sanctus den für die Pariser Tradition typischen eucharistischen Hymnus „O salutaris hostia“ hinzu.

Trotz der reichlich vorhandenen Aufnahmen gibt es nur (sehr) wenige, die wirklich durchgehend überzeugen. Eine ruhige Stimmführung der Solisten, ein instrumental geführter, vibratoarmer Chor, ein makelloses Legato, eine präzise Diktion, und eine astreine Intonation sind das A und O des Gelingens. Ich denke hier etwa an die Interpretation durch den RIAS Kammerchor unter Marcus Creed mit Krassimira Stoyanova, Birgit Remmert, Steve Davislim, und Hanno Müller-Brachmann als Solisten. Aber auch die neue in Padua entstandene Aufnahme mit Sandrine Piau (Sopran), José Maria Lo Monaco (Alt), Edgardo Rocha (Tenor) und Christian Senn (Bass) kommt ziemlich nahe ans Ideal heran. Ein Erdenrest haftet dem Bassisten im Fortissimo mit einem übermäßigen Wobble an.

Sonst ist in der neuen Aufnahme alles eitel Wonne. Da ist zuerst einmal der künstlerische Leiter Giulio Prandi zu nennen, der sich lange mit den Quellen und den Kontexten zu Rossinis Messe beschäftigt hat und das Werk vor der CD-Aufnahme ca. 30-mal dirigierte. Er verwendete historische Instrumente: einen Érard aus 1838 (gespielt von Francesco Corti) und einen Flügel aus dem Hause Pleyel 1855 (gespielt von Cristiano Gaudio) , das klanglich von der Aufnahmetechnik ein wenig vernachlässigte Harmonium ist ein Alexandre aus dem Jahr 1890, gespielt von Daniel Perer. Schon der delikate Klang dieser Instrumente entzückt überaus.

Sein Hauptaugenmerk hat Prandi aber auf eine hervorragenden Chorarbeit gelegt. Der Coro Ghislieri ist nämlich der wahre Star der Aufnahme. Schlank, sehnig, in Phrasierung und Dynamik ungeheuer flexibel, mit frischen Stimmen in allen Gruppen ausgewogen besetzt, vereint er die hohen Tugenden der a cappella Chorkunst Alter Musik mit den bis heute avantgardistisch wirkenden Anforderungen an Rhythmik und Harmonie, die Rossini an seine Musiker stellte. Atmosphärisch hat Prandi gemeinsam mit dem Chor das spirituelle Moment dieser feinen geistlichen Musik besonders schön zur Geltung gebracht. 

Die CD ist zudem mit knapp 87 Minuten Spielzeit gut gefüllt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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