CD GIOACHINO ROSSINI: EDIPO A COLONO – NAHUEL DI PIERRO in einem Live-Mitschnitt vom Rossini Opera Festival Pesaro vom 17. August 2022, Audax Records

Eine Schauspielmusik von Rossini? Die in Italien gar nicht übliche Form hält mit dieser wahrlich nicht eingebungsstarken Komposition des Schwans von Pesaro in vieler Hinsicht dennoch ein Alleinstellungsmerkmal. Es war kein Theater, das die Musik in Auftrag gab, sondern der Dichter Giambattista Giusti. Als dieser im Zuge seiner Befassung mit antiken Stoffen die letzte Tragödie der thebanischen Sophokles-Trilogie, nämlich „Ödipus auf Kolonos“, ins Italienische übersetzte, wollte er vor allem die schlichte Schönheit der Originalsprache mit besonderer Berücksichtigung der Chöre restituieren, wie er in seinem „Discorso sullo stile della tragedia italiana“ festhielt.
Giusti beauftragte Rossini mit der Komposition einiger Chöre, setzte aber bald nach. Rossini, der mit dem Schreiben von „Il barbiere di Siviglia“ und „La Cenerentola“ genug zu tun hatte, nahm 1816 schließlich an. Unter dem Druck der Belastung und nicht zuletzt einer gezielten Prioritätensetzung nach ökonomischen Gesichtspunkten beschränkte sich Rossini der Forschung nach auf die Arien des Basses und den Männerchor. Für den Rest engagierte er einen anonymen Musiker mit dem Auftrag, die Partitur nach den melodischen und harmonischen Vorgaben der vorläufigen Fassung zu vollenden. Die erste Aufführung im 20. Jahrhundert fand 1982 in Pesaro statt. Sie stützte sich auf den gesamten gesprochenen Text mit der bestimmungsgemäßen Begleitmusik von Rossini und anderen..
Die 44 Minuten der Musik teilen sich auf eine Sinfonia, ein Interludio, acht langatmige Rezitative (17 Minuten), drei Chöre (12 Minuten) und zwei Arien (5 Minuten), eine davon mit Chor, auf.
2022 begnügte man sich klugerweise mit einer konzertanten Version. Den um Wohllaut bemühten Coro del Teatro della Fortuna und die tapfere Filarmonica Giachino Rossini dirigierte Fabrizio Ruggero in breiten Tempi, aber insgesamt leider furchtbar spannungsarm. Was bei den schablonenhaften Chorinterventionen und bedauerlicherweise den durch einen veritablen „Wackler“ irritierenden Bass des bislang von mir äußerst geschätzten Nahuel di Pierro in seinen kleinen zwei Arien noch stärker ins Gewicht fällt.
Fazit: Nur für eingefleischte Rossini-Allessammler oder Freaks von Schauspielmusiken um jeden Preis generell zu empfehlen.
Dr. Ingobert Waltenberger

