CD Gioacchino Rossini „!MESSA DI GLORIA“ – Neuaufnahme mit Buratto, Brownlee, Spyres, Iervolino, Lepore; Antonio Pappano; Warner Classics
„Rossini tritt Gott mit offenen Augen, offenem Gesicht und offenen Armen gegenüber.“ Pappano

Rossinis beschwingt melodienselige liturgische Werke, wie das Stabat Mater, die sparsam klavier- und harmoniumbegleitete Petite Messe solennelle oder die Messa di Lugo haben nicht viel mit den Messchöpfungen nördlich der Alpen zu tun. Nicht der liturgische Text und seine religiös-atmosphärische Feinausleuchtung stehen hier im Vordergrund, sondern klanglicher Prunk und eine auftrumpfend jubelnde Geste zur höheren Ehre Gottes.
Das gilt auch für die neunsätzige Messa di Gloria für Orchester, Chor und fünf Solisten, die weder ein Credo noch ein Crucifixus enthält. Charakteristisch für dieses frühe kirchenmusikalische Werk ist neben der opernhaften Attitüde die sinfonische Behandlung des Textes mit Soli von Englischhorn und Klarinette
Die neue Aufnahme ist bis auf den ziemlich rau granulierten Bass des Carlo Lepore ein Belcantofest der Sonderklasse geworden. .Eigentlich haben wir es mit einer Art von Kirchenoper oder eucharistischer Party zu tun, wenn es so etwas gäbe. Und so verwundert es auch nicht, dass Rossini diese Messe nicht für eine Kirche, sondern 1820 auf Auftrag für das Teatro di San Carlo in Neapel geschrieben hat. Die Uraufführung fand in der barocken Chiesa di San Fernando statt. Ein Teil der Kritik bemängelte damals, dass die eine oder andere Nummer u.a. von Rossinis Opern bekannt wäre, ein für Rossini und seine ökonomische Art der Ablieferung neuer Werke freilich durchaus üblicher Vorgang. Das ging in diesem Fall jedoch so weit, dass Rossini bei der akademisch strengen Schlussfuge die „Hilfe“ des Kollegen Pietro Raimondi gerne akzeptierte.
Rossini wollte aber auch, wie Pappano dies anmerkt, seinen Sängervirtuosen, darunter der Kastrat Moisé Tarquinio bzw. die Tenöre Giovanni Rubini und Giuseppe Ciccimarra „Gelegenheit geben, ihre hochberühmte Kunst zu beweisen.“
Das Publikum sollte sich bei dieser Art von Gottes Lob weniger um spirituelle Introspektion und Gottesfurcht bekümmern, sondern pure Lebensfreude empfinden. Dabei hilft der Einfallsreichtum Rossinis (Chor “Qui tollis! Track 8), aber auch seine Eleganz, Eloquenz, sein Tempo und die theatralische Präsenz.
Die Besetzung der Solistenpartien mit der himmlischen Eleonora Buratto (Sopran), Teresa Iervolino (Mezzo), den amerikanischen tenoralen Belcanto Überfliegern Lawrence Brownlee und Michael Spyres sowie dem Bassisten Carlo Lepore unterstreicht nochmals das gurgelakrobatische Spektakel der Musik, die Zurschaustellung glänzender Verzierungen und halluzinatorisch anmutender Spitzentöne. Melomanen und Stimmfetischisten frohlockt. Spyres liefert beim ungemein anspruchsvollen „Qui sedes ad dexteram patris“ eine seiner berühmten Bravournummern ab. Erstaunlich.
Antonio Pappano leitet den klangmächtigen Coro dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, das stilgerecht agierende Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit dem ihm eigenen Gespür für Dramatik und Italianitá.
Dr. Ingobert Waltenberger

