CD: GIOACCHINO ROSSINI: ELISABETTA REGINA D’INGHILTERRA • Kraków Philharmonic Orchestra, Antonino Fogliani
«… und schliesslich irgendein Herr Rossini …»

«Elisabetta regina d’Inghilterra» ist keine der populären Opern Rossinis, wohl aber ein Schlüsselwerk und liegt so bereits in mindestens zwölf Aufnahmen vor. Nach 1999 legt das Festival Rossini in Wildbad eine zweite Aufnahme (diesmal nach einer Ausgabe von Aldo Salvagno) vor.
Die neue Ausgabe von Aldo Salvagno entstand nach dem Autographen und Notizen der Zeit. Es handelt sich dabei nicht um die kritische Ausgabe der Rossini-Fondation unter Leitung von Vincenzo Borghetti, sondern, da das Rossini-Festival das Ius primae noctis der kritischen Ausgabe hatte, eine ad hoc für das Festival von Wildbad (ROSSINI IN WILDBAD) erstellte Ausgabe, die zusätzliche Stimmen z.B. für Bläser rekonstruiert (notiert auf den sogenannten «spartitini»: Zettelchen, die man in die Partitur klebte).
«Elisabetta regina d’Inghilterra» ist Rossinis erste Oper für das San Carlo in Neapel, die erste Oper im Auftrag des Impresario Domenico Barbaja und die erste Oper, deren Hauptrolle er für Barbajas Prima Donna und seine spätere Gattin Isabella Colbran komponierte. Als Rossini im Spätsommer 1815 nach Neapel kam, berichtete das «Giornale del Regno delle Due Sicilie» schrieb am 25. September 1815: «Alles bewegt sich gerade in unserer Theaterwelt. Überallher kommen Kapellmeister, Sänger, Tänzer, Künstler jeder Art. In wenigen Tagen kamen … und schliesslich irgendein Herr Rossini, Kapellmeister. Jemand sagte, dass er kam, um eine Elisabetta, vorzustellen, in diesem gleichen Teatro S. Carlo, wo noch die Melodien der und der Regina d’Inghilterra Medea des geehrten Herrn Mayr nachklingen Cora». «Elisabetta regina d’Inghilterra» war bereits am 12. Juli 1815 als Sujet für die Festoper zum Namenstag von Erbprinz Franz festgelegt worden. Das Libretto von Giovanni Federico Schmidt geht auf das Schauspiel «Il paggio di Leicester» (1813) von Carlo Federici nach dem Roman «The Recess or A Tale of other Times» (1785) von Sophia Lee zurück.
Für die Komposition griff Rossini auf eigene, in Neapel unbekannte Werke zurück. Möglich war das, auch wenn «Elisabetta regina d’Inghilterra» in vielerlei ein Schwellenwerk ist, weil die Musik immer noch wiederkehrenden, «schematischen» Affekten folgt, auf die das Sujet, hier das einer Opera seria, das als Folie der Vergegenwärtigung von Edelmut und Grosszügigkeit des Monarchen dient, nur in seltenen Ausnahmefällen einwirkt. Zukunftsweisende Tendenzen sind die Reduktion der Rezitative, die komplett ausgeschriebenen Koloraturen, zunehmendes Gewicht der Chöre als handlungstragendes Element, die Reduktion der Arien zugunsten der Ensembles und die Konzentration der Handlung auf einen Strang.
Serena Farnocchia gibt die mit dramatisch schimmerndem Sopran und reichlich Vibrato ein hörbar energische Elisabetta. Patrick Kabongo leiht dem Leicester seinen ganz leicht abgedunkelten, schlank geführten Tenore di grazia. Die Höhen kommen perfekt und mit viel Gefühl. Seine Stimme ist ideal für die lyrischen, immer wieder an Bellinis melodie lunghe lunghe erinnernden Passagen. Die Stimmakrobatik überlässt er seinem Fachkollegen: Mert Süngü gibt den Norfolc in nachtwandlerischer Sicherheit mit hellem, spritzigem und absolut höhensicherem Tenor. In der Rolle der Matilde gelingen die Koloraturen dem hellen, klaren Sopran von Veronica Marini tadellos. In den grossen Höhen neigt die Stimme allerdings zu unsauberer Tongebung und leichten Schärfen. Mara Gaudenzi als Enrico (Besetzung einer männlichen Rolle mit Mezzosopran als Überbleibsel der Tradition) und Luis Aguilar als Guglielmo ergänzen das Ensemble.
Das Kraków Philharmonic Orchestra unter Antonino Fogliani lässt Rossinis Melodien mit viel Schwung und Leidenschaft perlen. Ein besonderes Lob verdienen die sicheren, warm intonierenden Blechbläser. Der Kraków Philharmonic Chorus (Leitung: Marcin Wróbel) erledigt seine Aufgaben routiniert und klangschön.
Eine stimmige Einspielung.
02.03.2023, Jan Krobot/Zürich

