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CD GIAN FRANCESCO MALIPIERO – Instrumentalwerke mit dem Orchestra della Svizzera italiana unter der Leitung von DAMIAN IORIO; NAXOS 

15.03.2020 | cd

CD GIAN FRANCESCO MALIPIERO – Instrumentalwerke mit dem Orchestra della Svizzera italiana unter der Leitung von DAMIAN IORIO; NAXOS 

 

Auf diesem 2017 in Lugano aufgenommenen Raritäten-Album sind neben der „Streichersymphonie Nr. 6“ aus dem Jahr 1947 und der „Serenata mattutina“ (1959) als CD-Weltpremieren das fünfsätzige „Ritrovari“ (1926) und die „Cinque studi“ (1959/60) enthalten.

 

Die durch konzertierende Elemente der Form eines barocken Concerto grosso nachempfundene, ähnlichen Werken von Strawinsky verwandte neoklassizistische „Streichersymphonie“ spielt mit vielerlei atmosphärischen und klanglichen Möglichkeiten des Streicherklangs. In ihrem singenden Sound ein veritabler Nachfahre der Streichquartette des Komponisten, lässt Malipiero bei Beibehaltung der viersätzigen typischen Beethoven‘schen Satzfolge Schell, Langsam, Scherzo, Finale die Themen scheinbar frei fließend mäandern. Kapriziös wechseln bei diesen musikalischen Erkundungen die Perspektiven, tauchen unerwartet üppig blühende Landschaften, dann wieder felsiges Gelände auf. 

 

„Ritrovare“ entstand auf Bestellung Gabriele D‘Annunzios. Das für elf Instrumente (Bläserquintett – Flöte Oboe, Klarinette, Horn, Fagott – vier Bratschen, Cello und Kontrabass) geschriebene Werk ist wohl weniger heroisch kriegerisch ausgefallen, als dies dem Auftraggeber vorschwebte. Die Stärken des wohl zarter beseiteten Malipiero liegen ohnedies in den langsamen Sätzen. Im Trauermarsch werden Anklänge an Monteverdi evident, für dessen erste komplette Edition Malipiero ebenfalls verantwortlich zeichnete. 

 

Die 30 Jahre später entstandene Morgendliche Serenade („Serenata mattutina“) ist ebenfalls ein Stück für Kammerensemble (Flöte, Oboe, Klarinette, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Bratschen, Celesta). Die chromatisch herbere Atmosphäre dieses an der Wende von der Nacht zum Tag in Zwielicht getauchten Stücks hat wenig mit der klar sonnigen Stimmung des Golfs von Sorrent zu tun, wo die Serenade im Kloster des Heiligen Franz von Assisi uraufgeführt wurde. Knapp angerissene Themen verstummen wieder, der schimmernde Glanz des Mittelmeeres verschwimmt wie das Licht in Monets London-Bildern. Wir hören eine blinkende „Großstadt am Meer“-Kakophonie an Tönen, mal dampfend wie eine Lok, mal volkstümlich, mal Vogelgezwitscher imitierend.

Das düstere morgendliche Ständchen wird wohl am ehesten am Ende des Stücks gefeiert, wenn die Klänge der Celesta Erinnerungen an gläserne Kirchenglocken wachrufen. 

 

Die „Fünf Studien“ hat Malipiero zuerst für Klavier verfasst, bevor der beinahe 80-jährige Tonsetzer sie zu Beginn der 60-er Jahre orchestrierte.  Das Wort „Studien“ sollte nicht allzu Ernst genommen werden. Was aber auf jeden Fall auffällt, ist die zunehmend zerklüftete Klangsprache. Die im Vergleich zum unbeschwerten Heraufbeschwören barocker Sinnenlust in der Sechsten Symphonie knapper und dissonanter gewordene Klangrede spricht wohl nicht für eine optimistische Weltsicht des reifen Komponisten.

 

Fazit: Ein musikhistorisch aufschlussreiches Album der insgesamt wenig bekannten italienischen Instrumentalmusik des 20. Jahrhunderts. Vom operngeeichten Damian Iorio und dem exzellenten Orchestra della Svizzera italiana werden alle vier Programmpunkte mit großer Hingabe an die unzähligen instrumentalen Details musiziert.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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