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CD: GIACOMO PUCCINI: LA RONDINE – Weltersteinspielung der Version 1921 in der kritischen Edition von Ditlef Rindom 2025; Opera Rara

24.10.2026 | cd

CD GIACOMO PUCCINI: LA RONDINE – Weltersteinspielung der Version 1921 in der kritischen Edition von Ditlef Rindom 2025; Opera Rara

ERMONELA JAHO berührt als fragil tragische Magda

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Kann Versäumtes, Erträumtes nachgeholt werden? Wenn es um emotionale Defizite, um sehnsüchtige Gefühle wie die Liebe geht, ist das ein gefährliches Unterfangen. Denn anders als etwa noch einmal eine exzeptionelle sportliche Leistung anzustreben, sind in Liebessachen stets Dritte und deren Umfeld im Spiel. Glück auf kann man da nur wünschen.

Magda ist so eine Frau, die es noch einmal wissen will. Als etwas abgehalfterte Kurtisane, die ihren Sugardaddy in der Person des reichen Pariser Bankiers und Gönners Rambaldo Fernandez gefunden hat, träumt sie von der großen romantischen Liebe mit einem feschen unbedarften Landburschen. Der betritt in Gestalt des Ruggero den Salon des Rambaldo, wo sich bereits eine Schar Freunde und Künstler über Gott und die Welt und vor allem die Frage der wahren Liebe ereifern.

Wie in der bekanntesten Nummer aus der Oper „Chi il bel sogno di Doretta?“ in der eine junge Frau die Werbung eines Königs zugunsten echter Gefühle ablehnt, stürzt sich Magda wie eine Schwalbe in das Liebesabenteuer mit Ruggero. Die Leidenschaft explodiert im Nachtclub Bullier (Parallelszene zum Quartier Latin in „La Bohème“) und setzt sich im dritten Akt an der französischen Riviera fort, wo es zum gesellschaftlich unausweichlichen Eklat kommt.

Puccini hat an „La Rondine“ besonders lang geschrieben und überdies an dieser nach „La fanciulla del West“ entstandenen dreiaktigen Commedia lirica ordentlich herumgedoktert. Drei Fassungen gibt es. Als lyrisches Konversationsdrama stellte Puccini „La Rondine“ 1917 fertig. Der italienische Starkomponist folgte einem Operetten-Auftrag des Wiener Carltheaters. Die Aussicht auf eine hohe Entlohnung dürfte Puccini in seiner Reifephase dazu bewogen haben, einem solchen leichtfüßigen, sentimental-hybriden Stück nach der Art Lehars unter der Bedingung zuzustimmen, dass auf gesprochene Dialoge verzichtet wird.

Gesagt, getan: Die Wiener Librettisten Alfred Maria Willner und Heinz Reichert lieferten das zunächst opernhafte Libretto zu „Die Schwalbe“. Giuseppe Adami übertrug ins Italienische und änderte den Schluss ins Bittersüße. Der erste Weltkrieg machte der Uraufführung in Wien einen Strich durch die Rechnung, man musste 1917 ins neutrale Monte Carlo ausweichen, nachdem das Verlagshaus Sonzogno die Rechte von Ricordi erworben hatte.

In der zweiten Fassung, aus der Taufe gehoben in Palermo 1920, änderte Puccini die Figurenkonstellation des dritten Akts. Da reist Rambaldo an die Riviera und will Magda überreden, zurückzukommen, und prophezeit, die Schwalbe werde bald wieder in ihr Nest fliegen, was sie nach Offenlegung ihrer schlechten biografischen Karten auch tut. Zudem wurde die Rolle des Dichters Prunier nun für einen Bariton adaptiert.

Da Puccini noch immer nicht zufrieden war mit dem dritten Akt, revidierte er 1921/22 nochmals gründlich sein hübsches Problemkind. Die Neuerung betrifft vor allem das Finale. Zuerst ist noch alles Wonne Waschtrog, als Ruggero Magda über seine bereits mit seinen Eltern besprochenen Heiratspläne unterrichtet. Aber in einem anonymen Brief wird Ruggero über die Vergangenheit seiner Geliebten in Kenntnis gesetzt. Der reagiert wie ein unangenehmer Macho, wirft ihr das Geld der Börse Rambaldos ins Gesicht (Erinnerungen an die Demütigung der Violetta durch Alfredo in „La Traviata“ werden wach) und verflucht sie. Die Premiere dieser Fassung fand am 11.4.1924 im Teatro Verdi in Fiume (heute Rijeka) statt.

Da die Partitur zum dritten Anlauf aufgrund der Zerstörung des Sonzogno-Archivs im Zweiten Weltkrieg verbrannte, musste die Orchestrierung von Teilen des ersten und des dritten Aktes von Martin Fitzpatrick rekonstruiert werden.

Ich finde den ersten Wurf am Schlüssigsten, weil Puccini eigentlich die Vergänglichkeit von Liebe und Leidenschaft analog zum „Rosenkavalier“ von Richard Strauss musikalisch und atmosphärisch einfangen wollte. Dazu passt der Konversations- und Unterhaltungsstil als auch die Tänze inkl. Walzer im zweiten Akt samt dem ursprünglich vorgesehenen melancholischen Schluss hervorragend, in dem Magda, um Ruggeros Zukunft besorgt, seinen Heiratsantrag zurückweist. Die Konstruktion eines hochdramatischen Tragödienendes voller Pathos stört die Balance im zarten Geflecht der einer Realitätsprüfung nicht standhaltenden Liebesgeschichten von Magda und Ruggero sowie des zweiten Paars Prunier mit Lisette, die ebenfalls im dritten Akt ein Ende findet.

Meine Einschätzung entspricht auch dem historischen Urteil, weil sich die 1917-er Fassung von „La Rondine“ im Gegensatz zur letzten Revision der „Madama Butterfly“ weltweit durchgesetzt hat. Es ist zweifelsohne verdienstvoll von Opera Rara, zum ersten Mal die dritte Version von „La Rondine“ einem breiten Publikum vorzustellen, zumal die Ausgabe in einem Anhang überdies vier Szenen aus der Fassung 1919 mit immerhin fast 25 Minuten Musik vorstellt. Allerdings wird da Prunier entsprechend der Stimmlage Bariton abweichend von der Fassung 1921 von Mattia Olivieri gesungen, und das außerordentlich prächtig dazu.

Vokal steht die Magda der Ermonela Jaho im Zentrum der Neuaufnahme. Wie einst Ljuba Welitsch (Rundfunkaufnahme 1952 mit Dermota, Berry und Kmentt unter Meinhard von Zallinger; Bella Voce) ist sie die zarte schwärmerische Seele und essentiell unglücklich Liebende, die mit leuchtendem Sopran, verletzlichem Fil di voce in schwebend flutenden Piani in der hohen und höchsten Lage entzückt. Sie ist kein mondän die Szene beherrschendes Wesen wie Anna Moffo oder später die luxuriös satintimbrierte Angela Gheorghiu in der hervorragenden, musikalisch unübertroffen von Antonio Pappano betreuten Aufnahme.

Magdas Interims-Lover Ruggero Lastouc ist mit dem kernig-dunklen peruanischen Tenor Iván Ayón-Rivas exzellent besetzt. An der Wiener Staatsoper wird er am 11.6.2027 in der Premiere von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ den Tebaldo verkörpern. Mit viel Emotion und Stamina geht er an die Rolle heran, die in der Version 1921 einen männlich unerbittlichen Ton verlangt. Das zweite Liebespaar des Dichters Prunier mit Magdas Zofe Lisette ist mit der britischen Sopranistin Ellie Neate und dem argentinischen Tenor Juan Francisco Gatell keck verspielt und jugendfrisch besetzt. Für die Rolle des Rambaldo Fernandez konnte man Nicola Alaimo gewinnen.

Das BBC Symphony Orchestra wird von Carlo Rizzi in einem romantisch, teils gleichförmig dahinfließenden Idiom geleitet, kommt somit instrumental deklamatorisch, in den rhythmischen Akzenten und der kontrastierenden Farbgebung nicht an die Aufnahme von Antonio Pappano heran.

Fazit: Ein musikwissenschaftlich interessantes Album, das die Zweifel des Schöpfers an der dramaturgischen Folgerichtigkeit von „La Rondine“ zweifach dokumentiert. Als Atouts sind vor allem die charakterlich stimmigen, exzellenten Gesangsleistungen von Jaho, Ayón-Rivas, Neate, Gatell und Olivieri hervorzuheben.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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