CD GEORG PHILIPP TELEMANN: SIEG DER SCHÖNHEIT – Aufnahme aus der Magdeburger Viehbörse 2024 in Verbindung mit den Aufführungen des 26. Magdeburger Telemann Festivals; cpo

Von zagend verliebten Vandalen und amourösen Nöten römischer Frauen
Das Singspiel in drei Akten „Sieg der Schönheit“ mit gesungenen Rezitativen nach einem Libretto von Christian Heinrich Postel war Georg Philipp Telemanns erste Oper, die er nach Amtsantritt als Musikdirektor und Kantor am Johanneum für das Hamburger Theater am Gänsemarkt schrieb. Auf ein Textbuch des italienischen Rechtsanwalts und Dichters Niccolò Beregan basierend, dreht sich die Oper vom ‚Großen König der Africanischen Wenden Gensericus, als Rom- und Karthago-Überwinder‘ um die wahrlich weit gedachte machtpolitische Heiratspolitik des Wendenfürsten Gensericus mit Rom samt allen emotionalen Komplikationen, die solch ein auf sturmschwankenden Gefühlen bauendes Unterfangen mit sich bringen kann. Die Waffen, zumindest die schweren, schweigen dafür.
In gar prächtigem Bühnendekor und Kostümen ging das Singspiel das erste Mal am 13.7.1722 in der überwiegend verloren gegangenen „Hamburger Fassung“ (‚nur‘ 21 Arien sind in überarbeiteter Version überliefert) über die Bühne. Glücklicherweise gibt es – vor allem den vokalen Fähigkeiten der zur Verfügung stehenden Interpreten geschuldet – das Braunschweiger Arrangement der Oper (Aufführungen fanden am Hagenmarkt Theater 1725, 1728 und 1735 statt), das als Vorlage dieser Einspielung diente.
Die Änderungen waren so tiefgreifend, wie der deutsche Musikwissenschaftler Wolfgang Hirschmann kundig im Booklet erläutert, dass, um dem neuen ‚Tonartenplan‘ zu entsprechen, die Rezitative vom Braunschweiger Komponisten und Kapellmeister Georg Caspar Schürmann komplett neu aufgesetzt werden mussten. Auch weichen zwei Arien (‚Holde Augen, euren Strahlen‘ des Olybrius und ‚Kein Herz mit Geist erfüllet‘ der Placida) musikalisch völlig von der Ariensammlung aus Hamburg ab, sodass von der Musikwissenschaft als deren musikalischer Schöpfer Carl Heinrich Graun vermutet wird. Der Titel der Oper wurde in Braunschweig auf „Gensericus“ geändert.
Akademisches beiseite, erweist sich die fast dreistündige Oper in der Braunschweiger Version 1728 als hoch unterhaltsame, musikalisch spritzige Komödie. Auch wenn der Librettist Postel auf Basis überlieferter historischer Texte des Prokopius von Caesarea seinem tapferen Helden Gensericus attestiert, ‚grausam und barbarisch zu sein, dass er auch ohne einiger gegebenen Ursach‘ fremde Länder anfiel.‘ und als Arianer mit ihren antitrinitarischen theologischen Positionen andersgläubige Christen in Afrika verfolgte. Die andere Seite des Kriegers war wohl, dass er ‚empfindlichen Gemüths‘ sich in die Schönheit der römischen Kaiserin Eudoxia verliebte und sie ehelichte.
In „Sieg der Schönheit“ treffen Gensericus (Dominik Köninger, Bariton), sein Sohn Honoricus (Terry Wey Countertenor) und deren Kumpel Helmiges (Ludwig Obst Tenor), Trasimundus (Johannes Stermann Bass) und Turpino (Dietrich Henschel Bariton) auf die römische Frauenriege Kaisern Eudoxia (Lydia Teuscher Sopran), deren Töchter Pulcheria (Anna Willerding Sopran), Placida (Sunhae Im Sopran) sowie die Zofe Melite (Emilie Renard Mezzo). Dann gibt es noch den Römer Olybrius (Marko Pantelic Bariton), der ein wenig emotionales Juckpulver in die amourösen Verflechtungen streut, weil er Placidia und sie Olybrius zugetan ist.
Die Liebesfarce nimmt ihren Lauf, wo alle – mehr oder weniger spinnend spintisierend – die Vor- und Nachteile von Liebe und Ehe in reizvoll aufschäumenden Arien durchpalavern. So kommt der Schlusschor zu des Weisheits letztem Nukleus: ‚Amor, Amor, all deine Plagen‘. Freilich gelangt Gensericus dazwischen an sein Geduldslimit, als sich Honoricus so sehr vor der Ehe mit Pulcheria ziert, dass der Papa seinen Sohn vor die Wahl stellt: Entweder Doppelhochzeit oder Du stirbst.
Am Ende nach der Hochzeit des Gensericus mit der zweifachen Kaiserinnenwitwe ist Rom vor dem Untergang gerettet. Die anderen Liebesverstrickungen lösen sich oder erkennen in ihrem Wankelmut den eigentlich Angebeteten. Dazwischen wird gestritten, intrigiert, gedroht, sich verkleidet und wechselnde Allianzen geschmiedet, was das Zeug hält.
Rein musikalisch bietet das von Telemann vor allem hohe und tiefe Stimmen befördernde Singspiel einen bunten Reigen an atmosphärisch licht- wie schattenspendenden Rezitativen, Arien sowie Duetten (Aria a 2) über entbrannte Liebesgluten und Seelennöte, Schwärmereien, Fragen der Treue und andere Vorzugs-Sperenzchen des Liebesgottes), Chören und bis zu martialisch Instrumentalem, wie Ouverture, Gigue, Battaglia, Marche oder Ballet.
Der formidable Dirigent Michael Hofstetter, die jedes Detail ausleuchtende und dennoch klangvoll auftrumpfende Akademie für Alte Musik Berlin und das wunderbare Ensemble bringen den flotten Hamburger Singspiel-Ton zum Funkeln. Das Sujet lieferte Telemann reichlich Vorlagen, um tonmalerisch instrumental reizvoll und geistreich unterlegt, eine kontrastrierende Palette an vokalen Affekten auszuschöpfen, wobei der grundiert ironische-kecke Tonfall der insgesamt 113 Nummern ungeachtet für Kurzweil sorgt.
Fazit: Alles in allem die beste und amüsanteste Einspielung einer Telemann-Oper, die ich kenne. So sieht ein Sieg der Schönheit eben aus.
Dr. Ingobert Waltenberger

