CD GEORG PHILIPP TELEMANN: INO, Opernarien für lyrischen Koloratursopran aus Germanicus, Emma und Eginhard, Flavius Bertaridus sowie Der neumodische Liebhaber Damon; cpo
Ansteckende barocke Fabulierfreude: AMANDA FORSYTHE und das Boston Early Music Festival Orchestra

„Diese prachtvollen hellenistischen Visionen riefen nach der Phantasie eines Musikers, der zugleich Maler und Dichter war. Telemanns Musik ist der Dichtung würdig. Es ist wunderbar, dass ein mehr als Achtzigjähriger ein so frisches und so leidenschaftliches Werk schreiben konnte.“ Romain Rolland über Telemanns „Ino“
Das mit über 80 Minuten Spielzeit prallvoll gefüllte Album bereitet dank des in sommerlicher Leichtigkeit sternenfunkelnden, koloraturgewandten lyrischen Soprans der Amanda Forsythe allerherrlichstes Vergnügen. Kein Wunder, dass Amanda Forsyth für diese gelungene cpo-Produktion kürzlich mit einem Grammy als „beste klassische Solosängerin“ ausgezeichnet wurde.
Auf dem Programm finden wir außer der kurzen Suite in D-Dur TWV 55:D23 und der Fanfare in D-Dur, TWV 50:44 die Kantate für Sopran und Orchester „Ino“ sowie sieben weitere Arien aus den Opern Germanicus (revidierte Fassung 1710), Emma und Eginhard, Flavius Bertaridus und Der neumodische Liebhaber Damon.
In der Kantate „Ino“, einem Geniestreich des 84-jährigen Telemann aus dem Jahr 1765, geht es in drei dramatischen Tableaus (Verzweiflung, Metamorphose sowie Apotheose) um eine Geschichte aus Ovids Metamorphosen: Die Flucht Inos vor ihrem auf Heras Geheiß‘ in Irrsinn verfallenen, sohnesmörderischen Ehemann. In seinem Wahn tötete Athamas nämlich seinen ältesten Sohn Learchos im Glauben, er sei ein Hirsch. Über Stock und Stein, scharfe Klippen, durch Dorn und Hecken geht die Jagd. Als letzten Ausweg stürzt sich des Kadmos und der Harmonie Tochter ins Meer, landet aber sanft als maritime Göttin Leukothea, dem weißen Schaum des Meeres gleich. Ihr verbliebener Sohn Melicertes findet als Meeresgott Palaimonn in Neptuns Wassern aushaltbare Bedingungen.
Musikalisch steht „Ino“ für den Übergang von Barock über Anklänge im galanten Stil bis hin zur frühen Klassik. Wenn man Leute, die diese Kantate nicht kennen, raten ließe, wer Inos Jubelarie an den Gott Neptun ‚Tönt in meinem Lobgesang‘ geschrieben hat, ich wette, viele würden auf Haydn oder Mozart tippen.
Kein Wunder, dass Telemanns „Ino“ sich auch auf dem Plattenmarkt durchaus wacker schlägt. Der Hit der vorliegenden Aufnahme ist die Sopranistin Amanda Forsythe. Das rosenduftig lichte Timbre, die tragfähige Mittellage, die Beweglichkeit in den Verzierungen, sauber perlende Koloraturen, fein gedrechselte Triller und die völlig freie Tonprojektion machen ihre pure Stimme wie geschaffen für das barocke und frühklassische Repertoire. Dazu gesellen sich eine exzellente Atemtechnik, eine sichere Höhe und ein subtiles theatralisches Empfinden. Welche wunderbaren Linien und rhetorisch ausgetüftelte Phrasen Frau Forsythe in breiter Ausdrucksspanne zu formen weiß, bestätigt sich auch in den auf dem Album zu hörenden Opernarienraritäten. Jedem Affektwechsel weiß sie mit kontrollierter Emotion zu begegnen.
Aber auch das Boston Early Music Festival Orchestra unter der musikalischen Leitung von Paul O’Dette und Stephen Stubbs trägt mit der eleganten, feingliedrig differenzierten barockinstrumentalen Begleitung maßgeblich zum Gelingen des Albums bei.
Fazit: Seit den Tagen einer Jodie Devos hat mich kein Album einer lyrischen Sopranistin mehr entzückt als dieses!
Dr. Ingobert Waltenberger

