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CD: Georg Philipp Telemann Ino Cantata and Double Concertos Elizabeth Watts, Sopran Rachel Podger, Violine Florilegium Ashley Solomon, Flöte und musikalische Leitung Channel Classics, CCS48926

11.03.2026 | cd

CD: Georg Philipp Telemann Ino Cantata and Double Concertos Elizabeth Watts, Sopran Rachel Podger, Violine Florilegium Ashley Solomon, Flöte und musikalische Leitung Channel Classics, CCS48926

Telemann zwischen Flöte und Drama

teleman

Wer behauptet, das Alter dämpfe das Feuer der Kreativität, hat Georg Philipp Telemann noch nicht in seinen achtziger Jahren erlebt. Es ist eine der großen Pointen der Musikgeschichte, dass ausgerechnet der Vielschreiber aus Magdeburg, oft als bloßer Konfektionswaren-Lieferant des Barock unterschätzt, im hohen Greisenalter zu einer Modernität fand, die seine Zeitgenossen vor Neid hätte erblassen lassen. Das neue Album bei Channel Classics versammelt nun eine Equipe der Extraklasse, um dieses Phänomen zu zelebrieren: Ashley Solomon und sein Ensemble Florilegium treffen auf die Barock-Ikone Rachel Podger und die Sopranistin Elizabeth Watts. Was dabei herauskommt, ist keine staubige Archivarbeit, sondern eine Demonstration lebendiger Affektkunst, die den Hörer vom ersten Takt an packt.

 Den Auftakt macht das Konzert für Violine, Flöte und Streicher in e-Moll (TWV 52:E3), und sofort fällt die Aufnahmetechnik ins Auge beziehungsweise ins Ohr. Der Klang ist direkt, beinahe physisch greifbar, als säße man mitten im Ensemble. Hier wird nicht in edler Distanz parliert, hier wird musiziert, als ginge es um Kopf und Kragen. Besonders das Adagio entfaltet einen unwiderstehlichen Zauber. Über den feinen, pointierten Pizzicati der Streicher entspinnt sich ein Dialog zwischen Rachel Podgers trillernder Violine und Solomons singender Flöte, der an Intimität kaum zu überbieten ist. Doch die Idylle trügt, denn das anschließende Presto bricht stürmisch hervor, aufgeladen mit einer Energie, die im kontrastreichen Wechselspiel zum erdenschweren zweiten Adagio und dem finalen, virtuosen Allegro eine enorme Spannungskurve erzeugt.

Das eigentliche Herzstück dieser Einspielung ist jedoch die Kantate Ino (TWV 20:41). Telemann war bereits 84 Jahre alt, als er dieses Monodram nach Ovids Metamorphosen vertonte. Wer hier milde Altersmilde erwartet, sieht sich getäuscht. Die Musik lodert vor dramatischer Energie und koloristischer Raffinesse. Es ist im Grunde eine Mini-Oper im Zeitraffer, die einer einzelnen Stimme alles abverlangt. Elizabeth Watts ist für diese Titelpartie eine Idealbesetzung. Mit einer satten, volltönenden Stimme meistert sie die technischen Klippen der Partitur, ohne je den emotionalen Kern aus den Augen zu verlieren. Man hört förmlich, wie sie jede Nuance des Textes durchleidet. Ihr Legato ist von einer feinen Eleganz, während sie in den dramatischen Ausbrüchen Akzente setzt, die Inos Verzweiflung und anschließende Apotheose plastisch vor das geistige Auge führen. Die Textverständlichkeit ist dabei vorbildlich, was bei derart komplexen Koloraturen keineswegs selbstverständlich ist.

Das Ensemble Florilegium unter der Leitung von Ashley Solomon agiert hier nicht nur als Begleiter, sondern als hellwacher Partner. Die Musiker reagieren auf jede dynamische Schattierung der Solistin mit einer Präsenz, die von großer Stilsicherheit zeugt. Man spürt die jahrelange Erfahrung im Umgang mit diesem Repertoire, die sich hier in einer Flexibilität niederschlägt, die selbst die kleinsten motivischen Wendungen Telemanns ernst nimmt. Diese Wachheit setzt sich fort in der Sonate für Flöte und Violine in G-Dur (TWV 40:111). Hier wähnt man sich im privaten Musikzimmer des Komponisten. Es ist Kammermusik in ihrer reinsten Form, ein ausgeglichenes, geistreiches Wechselspiel, bei dem spritzige Tempi und eine treffsichere Dynamik für kurzweilige Unterhaltung sorgen.

Den krönenden Abschluss bildet das bekannte Konzert für Blockflöte, Traversflöte und Streicher in e-Moll (TWV 52:E1). Es ist eines der populärsten Werke Telemanns, und das aus gutem Grund. Die Kombination der beiden Flötentypen – die eher herbe, erdige Blockflöte gegen die luftige, transversale Schwester – erzeugt Reibungen und Farben, die typisch für Telemanns Vorliebe für ungewöhnliche Besetzungen sind. Die Musiker agieren mit einer Spielfreude, die ansteckend wirkt und zeigt, dass Telemanns Musik weit mehr ist als nur formvollendeter Barock.

Insgesamt ist diese CD ein Glücksfall. Die Kombination aus erstklassigen Solisten, einem hochkarätigen Ensemble und einer Repertoireauswahl, die sowohl die instrumentale Brillanz als auch die vokale Dramatik Telemanns beleuchtet, überzeugt auf ganzer Linie. Die Aufnahme fängt die Direktheit des Musizierens vorbildlich ein und lässt den Hörer teilhaben an einer klanglichen Entdeckungsreise, die beweist, dass wahre Meisterschaft keine Verfallszeit kennt. Wer Telemann bisher nur als Lieferanten von Tafelmusik kannte, wird nach dieser Einspielung umdenken müssen.

Dirk Schauß, im März 2026

 

Georg Philipp Telemann
Ino Cantata and Double Concertos
Elizabeth Watts, Sopran
Rachel Podger, Violine
Florilegium

Ashley Solomon, Flöte und musikalische Leitung
Channel Classics, CCS48926

 

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