CD GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: INEXORABLE AMOUR – MARIE LYS singt Cantate virtuose; Château de Versailles Spectacles
Von der Liebe Qualen und erotischer Freuden unbeschwerten Genusses

Wer wissen will, was die Barockoper der Musikform Kantate an Ausdrucksgestalt und sagenhaftem Experimentalcharakter verdankt, dem sei dieses Album ans Herz gelegt.
Es stellt drei weltliche Kantaten aus Händels Zeit in Rom und eine aus London zur Diskussion. Händel hatte als knapp 20-Jähriger an der Hamburger Gänsemarktoper mit “Almira“ seine erste Opernerfahrung schon hinter sich, als er 1706 auf Einladung der Medicis nach Italien zu ‚Fortbildungszwecken‘ aufbrach.
In den folgenden drei Jahren unternahm er eine Tour durch große italienische Musikstädte wie Florenz, Neapel und Venedig, wo er für seine melodieseligen Opern und Serenaden mit großem Wohlwollen des Publikums empfangen und gefeiert wurde. Die meiste Zeit allerdings verbrachte Händel in Rom, wo das Papsttum die öffentliche Aufführung von Opern und Theaterstücken untersagte.
Seine adeligen Mäzene, darunter auch katholische Kardinäle, waren von Händels Cembalo- und Orgelspiel mehr als entzückt. Sie beauftragten den jungen protestantischen Sachsen mit der Komposition von geistlicher Musik, insbesondere Oratorien (z.B.: „Il trionfo del Tempo e del Disinganno„ auf ein Libretto des Prälaten und Kardinals Benedetto Pamphili) sowie ‚arkadischer‘ Kantaten.
Besagter musikbegeisterter und wortgewandter Pamphili war auch der Textbuchdichter der Kantate „Il delirio amoroso“, HWV 99, mit dem das Album beginnt. Das dramatische zehnsätzige Stück für Sopran, Flöte, Oboe, Fagott, Violinen, Viola, Cello und Continuo handelte von der im wahngetränkten Liebesschmerz durch die Welt wankenden Schäferin Clori, die nach dem Tod ihres geliebten, weil sträflicherweise abgewiesenen Tirsi zwischen Hoffnung, Verzweiflung, trügerischen Illusionen ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Von bitteren Schuldgefühlen geplagt, fantasiert sie in Selbstgesprächen von Himmel und Hölle. Sie imaginiert Tirsi in der Unterwelt, aus der sie den diesmal sie Abweisenden entführen und in elysische Gefilde geleiten will. Dort könnten sie fortan in ewiger Glückseligkeit, umgeben von duftenden Blumen und sanft einschmeichelnden Klängen schwelgen. Die Moral von der Geschicht‘: Liebende, geht sorgsam mit Eurem fragilen Geschenk um!
Ein Gutteil der finanziellen Basis für seine Arbeit in Rom und die Aufführung seiner Werke im Palazzo Bonelli sicherte ihm der steinreiche Marchese Francesco Maria Ruspoli. Geedelt von der Starsopranistin Margherita Durastini, später der ersten Agrippina Händels, fand die Uraufführung dieser, seiner einzigen Kantate in französischer Sprache, „Sans y penser“, 1707 während einer der angesehenen ‚conversazioni de“ Ruspoli statt. In einem Chanson und drei Arien schlüpft die Solistin abwechselnd in die Haut von Silvie und Tirsis. Keine dramatischen Delirien, sondern Verführung und Untreue, erotische Schwärmerei, das Wissen um das Vergängliche, daher umso größere Vergnügen an jeglicher Lust, am Ende die Einsicht, dass eine gut gefüllte Flasche Wein besser als eine untreue Schäferin ist, bilden die Ingredienzien einer leichteren, die Liebe kenntnisreich ironisch auf die Schaufel nehmenden musikalischen Substanz.
In „Un‘alma innamorata“ liegen ähnlich wie in „Sans y penser“ die Wonnen ungetrübten Vergnügens dort, wo die Leidenschaft auch immer hinfallen mag, und eine von der Liebe gefolterte Seele im Clinch miteinander. Es wäre daher besser, die Lektionen der Liebe zu kennen, bevor man sich auf sie einlässt.
Die vierte auf dem Album präsentierte Kantate „Crudel tiranno amor, HWV 97, stammt aus Händels Londoner Zeit (1721). In zwei Rezitativen und drei große Arien, die Eingang in die Oper “Floridante“ fanden, werden die schmerzlichen Klagen um die Tyrannei Cupidos gemildert durch die Hoffnung, dass der ferne Geliebte ebenso treu und sehnsuchtstrunken zurückkehren möge wie das großes Herz einer Frau ihn erwartet.
Niemand zu seiner Zeit konnte so ungeschminkt, beinahe exhibitionistisch das Innerste, die psychischen Abgründe seiner Protagonistinnen zur Schau stellen und musikalisch derart furios ummanteln wie Händel.
Auf dem neuen Album ist es die Französin Marie Lys, die unter der fachkundigen wie theatralisch zugespitzten musikalischen Leitung von Gaétan Jarry und seinem Orchestre de l’Opéra Royal mit ihrem dramatischen, nichtsdestotrotz beweglichen Sopran in opernhafter Entäußerung packende Porträts modelliert. Dabei gelingt es ihr hinreißend, die kalt-heißen Affektduschen und widerstreitenden Emotionen alleine mit vokalen Mitteln plastisch darzustellen. Eine charismatische Sängerin mit einer tollen Stimme und genialen Arien eines der größten Komponisten aller Zeiten. Was wollen Stimmenbegeisterte mehr?
Dr. Ingobert Waltenberger

