CD: GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: GIULIO CESARE IN EGITTO – ungeschnittene Wiedergabe in der Version der ersten Aufführungen im Jahr 1724 – HARRY BICKET mit THE ENGLISH CONCERT; Linn

CHRISTOPHE DUMAUX: Zum ersten, zum zweiten und zum dritten!
Händel ist in, und erst recht dessen vollkommenste Oper „Giulio Cesare in Egitto“, wo Krieg, Machtstreben, Sex, Intrigen, Rache das alchemistische Gemisch einer bühnenwirksamen Barockoper abgeben. Noch dazu sind Händel zu der Story zahlreiche Hits eingefallen, die mit zum besten zählen, was die „italienische“ Barockoper überhaupt hervorgebracht hat. Dazu gehören sicher Cesares Arie ‚Va tacito e nascosto‘, das hinreißende Duett Sesto-Cornelia ‚Son nata a lagrimar‘, die Sesto Arie ‚L’angue offeso mai riposta‘, Cleopatras 10-minütige Reflexion ‚Se pietà di me non senti‘ und natürlich der Königin ‚Piangerò la sorte mia‘, gar nicht genug zu würdigen das Schlussduett der Liebenden ‚Caro! Bella!‘
Aber wie ist es trotz all dieser Vorzüge zu erklären, dass alleine innerhalb von zwölf Monaten drei Gesamtaufnahmen dieser römisch-ägyptischen Polit-Liebesgeschichte sei es als Bild-Ton-Dokument bzw. als reines Audioalbum auf den Markt kommen, und allesamt mit dem immerhin schon 1979 geborenen Countertenor Christophe Dumaux als Titelhelden? Dessen Karriere erst seit einigen Jahren auch medial so im Vollen durchzustarten scheint.
Was auch immer den Verantwortlichen eingefallen sein mag zu dieser redundanten Spielplan-, Besetzungs- und Publikationspolitik (wahrscheinlich herzlich wenig), Fakt ist: Den Beginn der „Cesares“ machte der Ende September 2025 erschienene Filmmitschnitt aus der Dutch National Opera Amsterdam. Aufgenommen im Jänner und Februar 2023, verlegte Regisseur Calixto Bieito „Giulio Cesare“ in eine ‚digitale Traumwelt in einem Wüstenparadies‘ mit Julie Fuchs als Cleopatra und Emmanuelle Haïm am Pult von Le Concert d’Astrée.
Im Juli 2026 folgte die ebenfalls mitgefilmte Produktion der Salzburger Festspiele 2025 im klaustrophoben Bunkeruntergrund von Dmitri Tcherniakov. Und wieder dirigierte Emmanuelle Haim Le Concert d’Astree, Cleopatra wurde von Olga Kulchynska verkörpert.
Als dritte im Bunde der Cesare-Aufnahmen mit dem französischen Countertenor Christophe Dumaux als Titelhelden veröffentlichte Linn eine vollständige, ungekürzte Einspielung mit 31 Arien und zwei Duetten bei fast vier Stunden Spieldauer (CD 1 84:09, CD 2 81:05, CD 3 66:29) und hat damit den Vorzug von ca. 35 Minuten mehr Musik gegenüber Salzburg.
Es dirigiert Harry Bicket, die übrigen Rollen sind mit der derzeit interessantesten Sopranstimme im Barockopernuniversum, der farblicht schillernden und fraulich verführerisch timbrierten, Louise Alder als Cleopatra, der samtig profund orgelnden Mezzosopranistin Beth Taylor als Cornelia, der kontrastvoll hellsilbrigen Mezzo-Vokalstilistin Paula Murrihy (Sesto), dem besonders viril-eleganten Bariton Morgan Pearse (Achilla), dem vielversprechenden jungen britischen Bariton Thomas Chenhall (Curio) sowie zwei Countertenören ebenfalls aus der aufstrebenden Garde, John Holliday (Tolomeo) und Meili Li (Nireno) besetzt.
Für November 2026 hat Erato bereits die nächste Publikation von Händels „Giulio Cesare“ angekündigt. Und zwar als Studioproduktion und zur Abwechslung mit Jakub Jozef Orlinski als Cesare sowie Sabine Devieilhe als die angebetete Cleopatra. In weiteren Rollen singen Beth Taylor, Yuriy Mynenko, Alex Rosen und Rebecca Leggett. Francesco Corti dirigiert vom Cembalo aus Chor und Orchester von Il pomo d’oro,
Nun also zu The English Concert und Harry Bicket und dem als Cesare reüssierenden Christophe Dumaux. Man ging mit der zugkräftigen Oper auf Tournee und machte in Berkely, Omaha, New York und London halt. Als Ausfluss dessen entstand die vorliegende Einspielung. Lange Zeit war Dumaux der Tolomeo vom Dienst, nun also singt er landauf landab Cesare. Das tut er allerdings ganz hervorragend, mit stupender Musikalität, einer ausgezeichneten Phrasierungskunst und nicht zu vergessen mit messerscharf präzise gestochenen Verzierungen. Wenngleich sein für einen Countertenor viril-volltönendes Timbre nicht mit besonderem Schmelz oder gleißendem Feuer punkten kann, darf Dumaux in dieser Senesino-Partie technisch unbestritten als ein Meister der elastisch perlenden Koloraturen und eines traumhaften messa di voce gelten (vgl. den Anfangston von ‚Aure, deh, per pietà‘). Zudem vermag Dumaux psychologisierende Zwischentöne in verblüffender Bandbreite zu gestalten, die die jeweilige Seelendisposition unseres Helden mit zart bis kräftig gebürsteten Pinselstrich widerspiegelt. Dazu kommt, dass Dumaux, weil er durch keine Inszenierungssperenzchen gehindert ist, stimmlich völlig unbefangen agieren kann. Das verschafft ihm einen erheblichen freieren vokalen Spielraum gegenüber Salzburg.
Nicht zuletzt lässt Harry Bicket mit den hervorragenden Kräften von The English Concert Händels Musik wunderbar organisch atmen, herrlich barock tänzerisch pulsieren und die melodischen Bögen entspannt aussingen. Wie sehr hier im ganzen Gefüge die Mittelstimmen und Bässe glänzen, die Proportionen und Balance stimmen bzw. die elastische Lockerheit der Tempi, die Bicket den Sängern gewährt, das Hörerlebnis positiv beeinflussen, ist selten geworden.
Im krassen Gegensatz dazu bevorzugt Emmanuelle Haïm die kantige eruptive Nervosität einer auf die Spitze getriebenen historisch informierten Aufführungspraxis. Da wird jede Phrase theatralisch aufgeladen, vielfach zackig artikuliert, der sängerisch gedachte musikalische Fluss einer dauererregten Dramatik und einer auf Rasanz bedachten Temporegie geopfert.
Das wirklich Nervende an der Salzburger Produktion ist jedoch die Regie, die ich im Grunde als Publikumsbeschimpfung empfinde. Die Oper startet mit einem Sirenenalarm (vor einer kriegerischen Bombenbedrohung?), der mit plötzlich hell erleuchtetem Publikumsraum so arrangiert ist, dass eine mögliche Verwechslung von echt und gespielt wohl intendiert scheint. Ich halte das Jonglieren mit der Angst des Publikums (im Film in Großaufnahmen und Zooms einzelner Gesichter bestens zu sehen) für obszön. Des Weiteren muss der Zuseher ein hässliches enges Bühnenbild meist in Nahaufnahme aushalten. Beton, Maschendraht und Wandgeschmiere, davor Machtkämpfe (in Ägypten, wirklich?) und eine Liebesgeschichte, deren seelenvolle Musik zu der Optik so gut passt wie die teils schrillen Punk-Kostüme der Protagonisten zum Wiener Philharmonikerball.
Ich kenne keinen Grund, warum ich mir einen derart politaktivistischen Sauerdrop mit dem Vorschlaghammer (Im Sinne von: „Habt bitte ein schlechtes Gewissen, hier aufgemascherlt und goldbehangen im Publikum zu thronen, während weiter östlich täglich die Raketen und Drohnen Menschenleben zerstören.“) auf ein geliebtes musiktheatralisches Werk bei so zahlreichen attraktiven Alternativen öfter reinziehen sollte?
Das nächste eindeutige Plus der im Mai 2025 in London erarbeiteten Linn-Aufnahme ist neben der klangtechnisch überragenden Qualität (wie räumlich eng und kantig klingt dagegen der Mitschnitt aus Salzburg) die Besetzung der Cleopatra mit Louise Alder, die gegenüber Olga Kulchynska mit der farblich und oberton-reichhaltigeren, größeren Stimme prunken kann.
Insgesamt versetzt mich die Linn-Aufnahme, die ich trotz ihrer Länge nicht aufhören kann, aufzulegen und immer wieder zu hören, in eine Art von paradiesischem Zustand: Eine exquisite Riege an reizvollen, in der Mehrzahl aufregend schön timbrierten Stimmen, ein Dirigent, der Barockmusik in ihrer vollen Kulinarik und dennoch stets auf vokale Feinzeichnung bedacht, kammermusikalisch zelebriert, nicht zuletzt eine sublime Tontechnik, die auch dem anspruchsvollsten Hi-Fi Freak alle, absolut alle Wünsche erfüllt. Zugreifen!
Dr. Ingobert Waltenberger.

