Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: Georg Frideric Handel Giulio Cesare in Egitto, HWV 17 The English Concert Harry Bicket, musikalische Leitung Linn Records, CKD792

08.10.2026 | cd

Cäsars Rückkehr erschüttert die historische Aufführungspraxis

ccd

Eine vollständige Einspielung von Händels Giulio Cesare in Egitto ist im Grunde ein Unterfangen. Über vier Stunden Spieldauer, ein Dutzend Arien-Monumente, schier unendliche Rezitativstrecken – wer sich heute an dieses Werk der barocken Opernliteratur wagt, greift meist rasch zum Rotstift. Nicht so Harry Bicket und sein English Concert. Bei Linn Records legen sie nun auf drei CDs eine absolut ungestrichene Fassung vor, die direkt aus einer internationalen Konzerttournee erwachsen ist.

Nicola Francesco Haym bastelte 1724 für die Royal Academy of Music ein Libretto, das historische Fakten mit den verwickelten Gesetzen der venezianischen Operntradition kreuzte. Der echte Gaius Julius Cäsar war 54 Jahre alt, kahlköpfig und ein abgebrühter Zyniker, als er in Alexandria anlandete und ihm der abgeschnittene Kopf seines Rivalen Pompejus auf einem Silbertablett serviert wurde. Händel und sein Textdichter formten daraus einen strahlenden Tugendhelden, einen jugendlichen Liebhaber und Feldherrn von stoischer Größe. Bicket nimmt diese theatralische Verwandlung ernst. Er dirigiert nicht aus der distanzierten Perspektive des Musikhistorikers, sondern mitten vom Cembalo aus, mit dem Pulsschlag eines Mannes, der dieses Werk auf den großen Bühnen von München bis New York in- und auswendig kennengelernt hat. Das English Concert agiert unter Bickets Leitung keineswegs wie jene Ensembles, die Barockmusik gerne in eine museale Glasschatulle sperren. Der Streicherklang besitzt ein erstaunliches Gewicht, ohne je dickflüssig zu wirken. Wenn in Sestos Arie „L’angue offeso“ die ersten Violinwellen anrollen, spürt man das brodelnde Rachebedürfnis des jungen Mannes physisch. Bicket wählt bisweilen ein erstaunlich gemütliches, ja gedehntes Zeitmaß – etwa in Cornelias Trauerarie –, zieht aber im entscheidenden Moment das Tempo derart an, dass einem der Atem stockt.

Die Besetzung dieser Neuaufnahme lässt kaum Wünsche offen. Christophe Dumaux, der über ein Jahrzehnt lang weltweit als schmierig-böser Tolomeo glänzte, hat sich nun endgültig die Titelpartie erobert. Sein Cäsar ist kein starrer Marmorbüstengott, sondern ein stimmlich flexibler, dynamisch extrem schattierender Machtmensch. Wie Dumaux im ersten Akt den Ton in einem unbegleiteten Crescendo anschwellen lässt, um ihn danach wieder im Nichts verhauchen zu lassen, grenzt an Magie. Im berühmten „Va tacito e nascosto“ liefert er sich mit der Naturhornistin Ursula Paludan Monberg ein subtiles Duell auf Augenhöhe, bei dem Gesang und Instrument zu einer einzigen, schimmernden Linie verschmelzen. Später, in der Vogel-Arie „Se in fiorito ameno prato“, entfacht er zusammen mit der Konzertmeisterin Nadja Zwiener ein Koloraturfeuerwerk von großer Spielfreude. Ihr ebenbürtig ist Louise Alder als Cleopatra. Man hat diese Rolle schon von allen erdenklichen Soprantypen gehört – von der kühlen Koloratursopranistin bis zur dramatischen Diva. Alder wählt den einzig richtigen Weg: Sie entwickelt die Figur. Zu Beginn gibt sie die verwöhnte, leichtfertige Prinzessin mit glasklarem, beweglichem Ton und übermütigen Verzierungen. Doch sobald das politische Spiel Ernst wird, wandelt sich das Timbre. Ihr „Se pietà di me non senti“ am Ende des zweiten Akts gerät zu einem dramatischen Wendepunkt von erschütternder Intensität. Wenn sie schließlich im dritten Akt, gefangen und verlassen, das berühmte „Piangerò la sorte mia“ anstimmt, verzichtet sie auf jede billige Sentimentalität. Das verlängerte Begleitrezitativ vor der Arie wird bei ihr zu einem harten, intimen Schmerzensschrei, der nahtlos in die klagende Flötenlinie übergeht.

Ein echter Glücksfall ist die Altistin Beth Taylor als Cornelia. Ihre Trauerarie „Priva son d’ogni conforto“ nimmt Bicket in einem radikal langsamen Tempo. Taylor trägt diese dehnbare Melodielinie mit einer samtigen, dunklen Tiefe, die nie ins Dröhnende abkippt. Ihre Würde bleibt unerschütterlich, selbst wenn der Text von tiefster Erniedrigung spricht. Neben ihr überzeugt Paula Murrihy als Sesto mit einem schlanken, schneidenden Mezzosopran, der die jugendliche Verzweiflung und Racheglut treffend einfängt. Das Duett von Mutter und Sohn am Ende des ersten Akts, „Son nata a lagrimar“, gehört zu den musikalischen Höhepunkten dieser Einspielung. Die beiden Stimmen schmiegen sich in parallelen Terzen so eng aneinander, dass die Grenze zwischen den Instrumenten und dem menschlichen Organ verschwimmt. Der Gegenpart zu diesem tragischen Paar ist John Holiday als Tolomeo. Holiday stattet den ägyptischen Herrscher mit einem schneidenden Countertenor aus. Seine Stimmführung ist wendig, die Sprünge sitzen makellos, und man nimmt ihm den unberechenbaren, kindischen Tyrannen in jedem Takt ab. Morgan Pearse gibt den Achilla mit kernigem, schattiertem Bariton, während Thomas Chenhall als Curio und Meili Li als Nireno das Ensemble verlässlich abrunden.

Dass diese Aufnahme in der All Saints’ Church in East Finchley entstand, erweist sich als akustischer Segen. Der Raum schenkt eine warme Resonanz, ohne die Transparenz der vielschichtigen Partitur zu verschleiern. Händel nutzte für diese Oper ein außergewöhnlich reiches Instrumentarium – von vier Hörnern über Oboen und Fagotte bis hin zur exotischen Bühnenmusik der Parnass-Szene mit Harfe und Theorbe. Die Tontechniker von Linn haben diese vielschichtige Anordnung mit großer Räumlichkeit eingefangen. Wenn im Parnass-Akt das Verführungsensemble ertönt, öffnet sich eine Klangbühne von faszinierender plastischer Wirkung.

Man kann darüber streiten, ob jede einzelne Da-Capo-Arie in einer Studioaufnahme ihre Berechtigung hat oder ob das Beharren auf der absoluten Vollständigkeit nicht gelegentlich Längen erzeugt. Doch Bicket und seinen Mitstreitern gelingt das Kunststück, die Spannung über die gesamte Distanz zu halten. Die Verzierungen in den Arien-Wiederholungen wirken nie wie aufgesetzte Akrobatik, sondern wie organische Ausfaltungen der jeweiligen Affekte. Händels Genie offenbart sich gerade in der Summe dieser scheinbar kleinen Entscheidungen – im plötzlichen Tonartwechsel, im überraschenden Einsatz einer Soloflöte oder im kargen Continuo-Satz einer isolierten Monolog-Arie. Diese Neuerscheinung ist mehr als bloß eine weitere Händel-Einspielung im ohnehin dicht besetzten Katalog. Sie ist das reife Dokument einer jahrelangen, gemeinsamen Arbeit an einem Hauptwerk der Barockoper. Wer wissen möchte, wie lebendig, doppelbödig und musikalisch mitreißend das Jahr 1724 klingen kann, wenn hochkarätige Spezialisten ohne ideologische Scheuklappen zu Werke gehen, kommt an diesem Set nicht vorbei.

Dirk Schauß, im September 2026

Georg Frideric Handel

Giulio Cesare in Egitto, HWV 17

The English Concert

Harry Bicket, musikalische Leitung

Linn Records, CKD792

 

 

Diese Seite drucken