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CD GEORG CASPAR SCHÜRMANN „JASON ODER DIE EROBERUNG DES GOLDENEN VLIESSES“ – Weltersteinspielung; cpo

26.03.2022 | cd

CD GEORG CASPAR SCHÜRMANN „JASON ODER DIE EROBERUNG DES GOLDENEN VLIESSES“ – Weltersteinspielung; cpo

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Nach der Erst-Wiederaufführung samt anschließender Einspielung von „Die getreue Alceste“ machte sich das barockwerk hamburg unter der künstlerischen Leitung von Ira Hochman daran, sich für weitere Opern des Georg Caspar Schürmann zu interessieren. Dieser musikalische Tausendsassa war zuerst einmal Altist an der Gänsemarkt Oper in Hamburg, später an der Wolfenbütteler Hofkapelle, die er auch dirigieren durfte ab 1706 als Hofkapellmeister leitete. Herzog Anton Ulrich schickte den jungen Musikus für ein Jahr nach Venedig, um dort vor allem die Opern von Albinoni und Gasparini zu studieren. Schürmann schrieb insgesamt 30 Opern. Der Allrounder komponierte aber nicht nur, sondern führte Regie, sang, dirigierte, dichtete und übersetzte Texte.

Über die Musik zu „Jason“ ist nur Gutes zu sagen, immerhin hat sich Meister Schürmann über 13 Jahre lang mit der Oper beschäftigt. Die Ausführenden begnügten sich bei diesem hybrid in deutscher und teils italienischer Sprache gesungenen Bühnenwerk mit einer stark gekürzten, knapp 110-minütigen Fassung. Zahlreiche „Arien aus dem Koffer“, also konkret elf Bravourstücke für reisende Sänger, die aus Opern von Caldara, Lotti, Gasparini und Vivaldi stammen, wurden weggelassen. Sie waren in der Handschrift leicht erkennbar, weil sie von einem anderen Schreiber als die übrige Partitur notiert wurden. Zusätzlich wurden weitere acht Arien, die von Schürmann stammen, nicht aufgenommen. Dafür wurden im Libretto genannte, aber in der Handschrift der Hamburger Fassung von 1720 fehlende Instrumentalstücke aus den Opern „Alceste“ und „Ixion“ mit inkludiert.

Ob alle Musik von Schürmann stammt, darüber gibt es einen Expertenstreit. Auch Johann Sigismund Kusser wird als möglicher Autor genannt. Ich vertraue auf jeden Fall auf das Urteil des barockwerk hamburg, die sich seit Jahren intensiv mit der Musik Schürmanns befassen und zum Schluss kommen, dass etwa in der Arie des Stiro „Gelosi pensieri“ mit konzertierendem Fagott, der Arie des Assirtus „Serenatevi, amanti pensieri“ mit Traversflöte und Oboe oder in Medeas Schlaflied für den Drachen „Dolce sonno neghittoso“ die typische Tonsprache Schürmanns gut identifizierbar sei.

Die besonders für das Publikum der Hamburger Oper am Gänsemarkt zugeschnittenen Opern folgen jedenfalls eigenen Regeln und Sonderbarkeiten. Wer den Hanseaten protestantische Lust- und Vergnügungsaversion nachsagt, der täuscht sich zumindest für die auf verblüffende technische Effekte der Bühnenmaschinerie und Gurgelakrobatik versessene barocke Opernwelt des 18. Jahrhunderts gewaltig. Einen drauf setzten noch die „Kofferarien“, die in bester Bravour-Koloratur-Manier das Spektakel vorübergehend in feurige Zirkusnummern wandelte.

Wer glaubt, dass der machiavellisch nach dem das Goldenen Vließ gierende Jason und die gefühlsduselig gutgläubige Medea (die ihm zuliebe ihren Liebhaber Stiro, König von Albanien, verschmäht) das einzig einer verbogenen Liebe huldigende Paar sind, der hat die Rechnung ohne das obligate komische Duo gemacht: Der hektische, unter extremen Stimmungsschwankungen leidende Sarfax als Medeas buckliger Zauberknecht und ständiger Begleiter als auch seine Angebetete Filaura, Hofdame der Königin Hissifila von Lemnos, liefern sich ein bizarres Beziehungsgeplänkel ganz nach dem Motto „Die Liebe will gezancket sein.“ Der männlichen Plaudertasche und der zickig dominanten Filaura sind drei Szenen mit kurzen volkstümlichen Arien in der Art eines launischen Einschubs gewidmet.

Die Oper hat ein Happy End: Phoebus verkündet den göttlichen Entschluss, dass Hissifila Assirtus‘ Liebe erwidern darf, Jason darf sowohl das Vließ als auch Medea behalten, Stiro wird den Verlust der Medea verschmerzen und zwischen den Kolchen und den Griechen wird ewiger Friede herrschen. Wer‘s glaubt, wird selig.

Musikalisch bietet die vorliegende Aufnahme prickelnde Unterhaltung und ein ausgesprochen kurzweiliges Vergnügen. Vor allem Ira Hochman und das barockwerk hamburg lassen vom ersten Ton an aufhorchen. Wie sie all die meist rasch aufeinanderfolgenden Szenen mit ihren charaktervollen Rezitativen und üppig verzierten Arien, die jubelnden und duettierenden Chöre, die schwungvollen Sinfonias, Tänze und Preludes zu einem stimmungsvollen Ganzen formen, ist ereignishaft.

Die Besetzung mit Hanna Zumsande (Medea), Santa Karnite (Pallas, Phoebus), Catherina Witting (Filaura), Geneviève Tschumi (Hissifila), Mirko Ludwig (Sarfax), Andreas Heinemeyer (Jason, Stiro, eine Stimme), Konstantin Heintel (Eeta, Geist des Phryxus) und Ralf Grobe (Assirtus) agiert ausdrucksvoll, virtuos und stimmschön zugleich.

Fazit: Ein seltsamerweise in Vergessenheit geratener deutscher Barockkomponist ist mit einer weiteren von allen Beteiligten begeistert realisierten Operngesamtaufnahme neu zu entdecken. Das nächste Mal aber bitte weniger kürzen, an dieser so originellen wie harmonisch aufregenden Musik kann man sich gar nicht satthören.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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