Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67 Richard Strauss Ein Heldenleben op. 40 Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks Seiji Ozawa, musikalische Leitung BR Klassik, 900238
Gemischte Eindrücke – Seiji Ozawa dirigiert Beethoven und Strauss

Es gibt Tonträger, bei deren Lektüre dem geübten Musikfreund unwillkürlich eine Augenbraue nach oben wandert. Wenn das Label BR Klassik einen Mitschnitt aus dem Januar 1990 aus den Archiven gräbt, um die denkbar schmal gehaltene Münchner Hinterlassenschaft des verstorbenen Seiji Ozawa zu würdigen, mischt sich neugierige Erwartung stets mit gesunder Skepsis. Zweimal nur stand der kleine Mann mit der gewaltigen Ausstrahlung am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Das ist schlichtweg ein Witz, gemessen an den zahllosen Sternstunden, die er in Boston, Wien oder Berlin hinterließ. Nun liegt also diese Produktion vor, die die fünfte Sinfonie von Ludwig van Beethoven mit Richard Strauss’ opulenter Tondichtung „Ein Heldenleben“ koppelt. Ein ungleiches Paar, gewiss, das in der Philharmonie im Gasteig aufgezeichnet wurde und dessen klangliche Unausgewogenheit noch heute zu reden gibt.
Der Beginn der c-Moll-Sinfonie enttäuscht ohne Umschweife. Dieses legendäre Motiv, das seit E. T. A. Hoffmanns Zeiten als heroischer Kampf gegen das unerbittliche Schicksal umgedeutet wurde, schleicht hier erschreckend müde aus den Lautsprechern. Wo ist der peitschende Zugriff, der den Hörer vom Stuhl reißt? Ozawa wählt eine überraschend traditionelle, um nicht zu sagen altbackene Lesart. Er lässt die Streicher im breiten Klangteppich baden. Die Pauke bleibt verhalten, viel zu schüchtern im Hintergrund, worunter das rhythmische Fundament spürbar leidet. Zwar gelingen der Violinen und den Celli durchaus variable dynamische Schattierungen, doch die gesamte Architektur wirkt seltsam konturlos.
Erst im zweiten Satz findet der japanische Dirigent zu einer klaren Struktur, die feierlich erstrahlt, ohne jedoch echtes Schaudern zu erzeugen. Was danach folgt, grenzt an ein Missverständnis. Das Scherzo ertönt erstaunlich freundlich. Man möchte von einer Idylle sprechen, so arg weichgespült kommen die sonst so dräuenden Bässe daher. Auch das Finale, das die Nacht eigentlich blitzartig durchbrechen sollte, verpufft in einer allzu gefälligen Streichersinfonie, bei der die Holz- und Blechbläser wie an einem zu engen Band geführt wirken. Wo Beethoven die musikalische Form bis zum Bersten anspannte, bietet Ozawa gepflegten Wohlklang. Das ist handwerklich solide, aber es fehlt der Stachel, die kompromisslose Schärfe, kurzum die dramatische Kontur, die dieses Werk zu einem Monument der Musikgeschichte brannte.
Gänzlich umgekehrt verhält es sich, sobald der erste Akkord der Strauss’schen Tondichtung durch den Raum dröhnt. Hier war Ozawa stets in seinem eigentlichen Element. Riesige Apparate, verschachtelte Partituren, koloristische Exzesse, da lief Ozawa zu absoluter Hochform auf. Schon der Beginn des Helden zeichnet das Bild eines Kraftprotzes, der in aller Opulenz durch die Musikgeschichte stolziert. Die Widersacher, dieses vielzitierte Meckerchorus-Klischee der Kritiker, werden vom Orchester mit herrlich enervierenden Spitzen versorgt. Das beißt, das giftet, das macht unverschämten Spaß.
Besonders köstlich gerät der Auftritt der Gefährtin, bei dem der damalige Konzertmeister Ernö Sebestyén eine Glanzleistung abliefert. Sein Violinsolo flirrt derart kapriziös, dass dem Kenner sofort die legendär schwierige Gattin Pauline anspringt. Sebestyén führt seinen Bogen mit Schärfe und Eleganz, die diesen heiklen Satz vollkommen trägt. Strauss hätte seine helle Freude an dieser zickigen, aber ungemein faszinierenden Geigenkapriole gehabt.
In der großen Schlachtszene, der Walstatt, lässt Ozawa die Münchner Musiker dann endlich hörbar von der Leine. Das Ensemble antwortet mit einer Hingabe, die einem das Blut in den Adern stocken lässt. Man hört förmlich das Eisen klirren, die Trompeten schmettern ohne Rücksicht auf Verluste, und dennoch verliert der Dirigent mitten in diesem orchestralen Gelärme nie den Überblick. Das ist die große Kunst dieses Mannes gewesen. Er setzt messerscharfe Akzente, hebt verdeckte Mittelstimmen hervor und zwingt dem tonalen Rausch eine eiserne Struktur auf. Sogar die etwas eitlen Selbstzitate im Abschnitt der Friedenswerke, in denen Strauss genüsslich seinen eigenen Don Juan aufleben lässt, geraten unter Ozawas Händen nicht zum faden Selbstzweck, sondern zu einem pompösen Fest der Klangfarben.
Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wächst in diesen späten Passagen weit über sich hinaus, ehe die abschließende Verklärung einsetzt. Diese beginnt erfreulich ruppig, verweigert den billigen Schmelz und löst sich erst ganz allmählich in einen unerschütterlichen Frieden auf. Das ist großartiges Musiktheater ohne Bühne. Was diesem historischen Dokument allerdings fehlt, ist ein wenig technischer Glanz. Das Klangbild der Aufnahme wirkt kompakt, phasenweise gar etwas eng und trocken. Man vermisst jene Brillanz und strahlende Farbigkeit, die neuere Digitalaufnahmen auszeichnen oder die man aus dem Saal in Erinnerung hat. Der Gasteig war akustisch nie ein einfacher Partner, das hört man diesem Mitschnitt in jedem Moment an. Dennoch entschädigt die Strauss-Interpretation für die mäßige Beethoven-Lektüre der ersten Programmhälfte. Für Ozawa-Verehrer ist dieses Dokument ein unverzichtbares Sammlerstück, das die Stärken und die gelegentlichen Nachlässigkeiten eines faszinierenden Dirigenten offenbart.
Dirk Schauß im Juli 2026
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67
Richard Strauss
Ein Heldenleben op. 40
Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Seiji Ozawa, musikalische Leitung
BR Klassik, 900238

