CD: GEIRR TVEITT – LEIF OVE ANDSNES und SOLVEIG ANDSNES mit der Klaviersonate Nr. 29, zehn Volksliedern aus Hardanger für Klavier und neun Liedern; Simax Classics

Der norwegische Pianist, Dirigent, Komponist und Musikwissenschaftler Geirr Tveitt dürfte nur wenigen bekannt sein. Bevor Leif Ove Andsnes die 30-minütige, dreisätzige Klaviersonate etere, op. 129, im Juli 2025 in der Pfarrkirche St. Jude-on-the-Hill im Hampstead Garden Suburb im Norden Londons aufnahm, hatte er sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder mit ihr befasst und alle Facetten des Stücks in 35 Konzerten weltweit erprobt. Aber nicht nur das zählt.
Der 1908 in Bergen geborene Tveitt studierte vier Jahre lang am Leipziger Konservatorium. 1932 ging er nach Wien, um seine Ausbildung bei Egon Wellesz zu vervollkommnen. Weitere Anregungen erhielt er in Paris von Arthur Honegger und Heitor Villa-Lobos. Wie andere Tonsetzer der Zeit sammelte er (norwegische) Volkslieder. Seine Musik, die – so Andsnes – impressionistische Farben französischen Ursprungs mit den stechenden Rhythmen Prokofievs verbindet, gründet sich auf lydische Kirchentonarten mit ihren erhöhten Quarten. Der Komponist wollte damit alte skandinavische Tonleitern reanimieren.
Die Sonate etere stammt aus dem Jahr 1947. Sie basiert lediglich auf zwei Themen und ist umso einzigartiger, als sie als eines der wenigen Werke den verheerenden Brand der Familienfarm in Nordheimsund 1970 überdauert hat. 80 Prozent seiner Kompositionen, darunter alle anderen Klaviersonaten, gingen damals in den Flammen unter. Ein existenzieller Schock, von dem sich Geir Tveitt nie erholen sollte.
Andsnes schätzt an der Sonate ihre Virtuosität, die kühnen Klangschichtungen und ihre rhythmische Variabilität. Die archaische, anorganische Anmutung des Stücks wiederum fasziniert mich. Den Experimentalcharakter im langen zweiten Satz (Tono etereo in variazioni), erklärt der Pianist so: „Der besondere Klang zu Beginn und gegen Ende des Satzes wird dadurch erzielt, dass man die Tasten des Bassregisters mit dem Unterarm gedrückt hält – zuerst die weißen, dann die schwarzen – und mit der rechten Hand die Einzelnoten oder Akkorde in den höheren Oktaven mit sehr kurzen Anschlägen spielt. Dadurch entstehen Obertöne, fast wie bei einem Pedaleffekt“. Improvisatorische Effekte erreicht Andsnes durch eine eigenständige, durchaus vom Komponisten abweichende Gestaltung von dynamischen Kontrasten und Anschlag, wie ein Vergleich mit dessen Aufnahme aus dem Jahr 1955 zeigt.
Der Duktus der Sonate fühlt sich bisweilen an wie glitzerndes, dann wieder wie splitterndes Eis. Dem extraterrestrisch balladesken Tonfall im ersten mit ‚in cerca di‘ (=auf der Suche nach) überschriebenen Satz – erzählt er von göttlichen Boten im Sonnenwind, mythischem Polarlichttreiben? – folgt der lyrisch verbrämte, immer wieder rhythmisch scharf aufgeraute zweite Satz. Andsnes gelingt hier der Spagat zwischen avantgardistisch exotischem Kolorit und einer perkussiven, an Röhrentrommeln erinnernden Spielart. Wie eine Spinne im Netz, so macht sich der Pianist rundum daran, mit seismischer Intuition karge Tonfelder zu beharken. Im dritten, sonnigsten Satz wiederum- tempo di pulsazione – scheint Andsnes mit irrlichternder Behändigkeit durch Galaxien zu rasen, imaginativ, sinnlich, ekstatisch forsch. Was für eine Reise durch kaum erschlossenes Land. Scriabin und Messiaen, das wäre doch ganz nach Eurem Geschmack. Derweil ist für Andsnes Tveitt kein norwegischer Charles Ives, obwohl anarchische Unterströmungen die beiden Künstler verbindet.
In diesem Lichte erklingt die Auswahl von zehn aus den Fifty Folk Tunes from Hardanger, op. 150. Alle mit jeweils einem programmatischen Titel versehen (darunter anschaulich alltägliche bis humorvolle wie „Visiting Saturday in the Mountains“, „What Beer“ oder „Consecration of the New Beer“), gleichen die handfesten Inventionen für Soloklavier nach norwegischen Gedichten eigenwilligen „Bildern einer Ausstellung“, expressiv, deftig, bodenständig.
Lyrischer, zart verhangener erklingen die das Album beschließenden neun Lieder für Singstimme und Klavier. Da geht der Komponist Natur- und Nachtstimmungen nach (‚We shall not sleep away the summer night‘, ‚Northern Light‘, ‚March Evening‘, ‚Broken Grain‘). Der romantische Eindruck dieser Miniaturen leichterer Textur verstetigt sich noch, als die Interpretin, Solveig Andsnes, Schwester des Pianisten, mit ihrem chansonartig gehauchten Vortrag vorwiegend träumerisch melancholische Töne anschlägt anschlägt. Schade nur, dass im Booklet keine Übersetzung der norwegischen Texte angeboten wird.
Dr. Ingobert Waltenberger

